Heft 
(1906) 16
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haben.) Ich nenne es Vergewaltigung, wenn man einem naturwissenschaftlichen Talent den Weg zur Hochschule verlegt, weil es den Cäsar nicht übersetzen kann. Und solch eine Vergewaltigung, solch eine Qual setzt sich durch die ganze Zeit der Kindheit und des ersten Jünglingsalters fort! Natürlich ist Vielseitigkeit der Bildung ein schönes, erstrebenswertes Ziel; aber Vertiefung ist noch erstrebenswerter. Man ist viel ge­bildeter, wenn man seine Muttersprache gründlich kennt, als wenn man sieben Sprachen halb kennt. Und vor allem darf man nicht einem jungen Menschen die Examenpistole auf die Brust setzen und sagen: Mathematik oder das Leben! Daß

man das immer noch tut, ist nur ein Beweis dafür, wie blind und stumpf unsere Pädagogik noch immer gegen die Leiden einer jungen Seele ist.

Also man kann die unregelmäßigen Verben nicht unmittel­bar zu einem regelmäßigen Vergnügen machen; aber man kann unendlich viel dazu tun, ihre Behandlung zu einem Vergnügen zu machen, und da ist gewiß einer der mächtigsten und willigsten Helfer der Humor. Gleich wird mir einer einwenden: Wenn einem nun aber die Gabe des Humors nicht verliehen ist?! Ach, es bedarf ja nicht einmal des eigentlichen Humors, es bedarf nur der Heiterkeit, und heiter kann jeder Mensch sein, wenn nicht Krankheit oder anderes schweres Leid ihn be­drücken. Die Kinder sind ja mit so wenigem zufrieden, sie lachen ja so gern und leicht; ihr Leben ist ja noch ein Lachen, das man nicht ohne Not unterbrechen soll. Hier kommt es wahrhaftig nicht auf die Güte desWitzes" oder gar auf genialen Humor an; nur daß der Erfolg erzielt werde, darauf kommt's an; daß Heiterkeit die Klasse durchscheine, das ist das Ziel, aufs innigste zu wünschen; denn sie ist das Sonnenlicht, in dem alles gedeiht. Ein krause Nase oder der­gleichen wird ja wohl jeder machen können, und eine krause Nase ist für Kinder schon ein wundervollerWitz". Freilich, wenn der Herr Magister glaubt, daß dergleichen seiner unwürdig sei, dann ist keine Hoffnung. Aber er möge versichert sein, daß er sich irrt.

Als ganz junger Lehrer hatte ich u. a. mit sieben- bis acht­jährigen Knaben das Einmaleins zu traktieren. Wie jeder Fach­mann weiß, ist das so eine Aufgabe, bei der man im verwegensten Sinne mitReproduktion durch bloße Koexistenz der Vor­stellungen" rechnen muß, und die man nur durch lange, fort­gesetzte Übung des mechanischen Gedächtnisses, sagen wir also ruhig: durch Pauken, lösen- kann. Hier und da kann man wohl die Positionen des Einmaleins in kleine humoristische Geschichtchen einkleiden, aber das bringt nicht vorwärts und kann darum nur sehr sparsam geschehen. 7X9 aber, das wird man zugeben, ist kein Witz, es läßt sich auch keiner daraus machen. So half ich denn den Kindern und mir schon aus eigenem Heiterkeits- und Abwechslungsbedürfnis über diese Stunden hinweg, indem ich eine Lustigkeit produzierte, die mit 7X9 nicht notwendig zusammenhängt; ich markierte komisches Entsetzen bei verkehrten Antworten, beispiellose Wonne bei richtigen, ich stellte meine Aufgaben mit allen erdenklichen Variaüonen in Ton und Tempo, ja, ich gestehe es ohne jede magisterliche Scham, ich machte in geeigneten Momenten Luft­sprünge, Kapriolen und Grimassen. Die Folge war, daß meine Jungen anerkanntermaßen gut das Einmaleins lernten und mich und die Rechenstunden ohne Schauder herankommen sahen. Mit den notwendigen Abänderungen übte ich die gleiche Praxis bei den vorgerückteren Semestern; wo der Stoff keinen Anlaß zur Heiterkeit gab, wo er aber gleichwohl Heiterkeit vertrug, da trug ich so viel eigenen Frohsinn hinein, wie mir recht und möglich schien. Ich Hab es immer wieder erfahren: nur ein einziges Helles und allgemeines Lachen und die ganze Stunde stand unter einem freundlichen Stern. Solch ein Lachen läuft wie ein frischer Quell, wie ein duftiger Wind- und Waldeshauch durch die Seelen. Heiterkeit ist zwar kein Lernen; aber es ist Disposition Zum Lernen. Und Heiterkeit ist die Schwester des Vertrauens. Noch immer erscheint der Lehrer dem Kinde ich will nicht das schlimmste Wortals Feind" gebrauchen aber doch viel zu oft noch als Be­

dränger, als Antreiber, als finsterer Mahner, kurz, als eine Art Plagegeist; ein Gefühl der Spannung und des Gegen­satzes ist häufiger, als es die Natur der Individuen erfordert. Aber wer mit uns lacht, mit dem trinken wir aus einem Becher; wenn der Magister lacht, so sagt sich auch der zag­hafteste und verschlossenste Schüler:Er ist ein Mensch", und empfängt die Gaben des Lehrers nicht mehr wie Danaer­geschenke, die nur Angst und Mühen mit sich bringen. Die Schule ist zwar kein Varietü und keine Lustspielbühne; aber ein Weinberg ist sie, der reichlich Sonne braucht und der bei mangelnder Sonne nur saure Früchte bringt.

Ja, ich bin überzeugt, daß es auch der sittlichen Erziehung zugute kommt, wenn das Kind empfindet, daß sein Erzieher Humor hat und Vergehungen des Übermuts, der Unbedachtsamkeit und des Leichtsinns nicht krimineller auffaßt als unbedingt nötig ist. Ich will an einem Beispiel zeigen, wie ich das meine: Ich habe das mit dem alttestamentlichen Richter Eli gemein, daß ich von Natur etwas zum Embonpoint neige, und als ich eines Tages auf dem Schulhofe zwischen den spielenden Kindern in meiner Leibesfülle auf und ab ging und ein Glas Milch zum Frühstück genoß, stürzte ein Neunjähriger mit allen Zeichen der Erregung auf mich zu und rief:Herr Lehrer, Paul Lehmann hat eben gesagt: Der Dicksack trinkt noch Milch!" Ich ließ mir Paul Lehmann kommen. Paul Leh­mann nahte schlotternd und bleich; denn er kannte mich noch wenig. Aber bald genug mochte er meinem Gesicht anmerken, daß ich mich in meiner Ehre nicht getroffen fühlte; er machte wenigstens gar nicht erst den Versuch zu leugnen, und das war schon ein Gewinn. Wir stellten dann gemeinsam fest, wie ich wirklich hieße und daß ich keineswegsDicksack" hieße, und dann Zog er mit einem Lächeln der Beschämung ab. Dem Denunzianten erging es natürlich wesentlich schlechter; er wurde mit Satire behandelt und ging mit einem sehr geronnenen Lächeln von dannen. Paul Lehmann aber hat mir jene Ge­richtsverhandlung nie vergessen, und als er später in meiner Klasse saß, benahm er sich, obwohl er sonst der beste Bruder nicht war, für seine Verhältnisse geradezu vornehm. Der Humor, oder sagen wir weniger anspruchsvoll: die Heiterkeit, der Frohsinn nehmen uns Erziehern und Eltern das Kurulische, das Kathedrale, das Katonisch-Zensorische, und das ist einer wahrhaft freien, nicht anarchistischen Erziehung wohl nur von Nutzen. Der vorerwähnte Würde-Magister wird natürlich in den Bart murmeln:Der Herr mag eine nette Disziplin in seiner Klasse gehabt haben." Nun, da er mich Zur Ruhm­redigkeit zwingt, so will ich ihm erwidern, daß ich trotz alledem nach einwandfreiem Zeugnis sogar höhere Töchter in den Flegeljahren (auch höhere Töchter haben ihre Flegeljahre, wo sie zu Hyänen werden) gebändigt habe. Wer weiß, was das bedeutet, der wird es staunend würdigen.

Es kommt natürlich darauf an, daß Erzieher und Zög­ling ein Gefühl für die unsichtbare Grenze haben, daß die Fröhlichkeit nicht ins Läppische und Alberne, die Freiheit nicht in Zügellosigkeit übergehe. Imperium et 11dertu8. Und das stille, selbstverständliche, heimliche Imperium ist stärker als das laute und scheinende. Ich will wieder an einem Beispiel zeigen, wie ich mir's denke. Mein kleinstes Töchterchen verehrt mich sehr, weil ichimmer soll: Jux mache", und sie hat schon wiederholt erklärt:Wenn ich zwanzig Jahr bin, geh'

ich los und nehm' mir einen Mann, und der muß auch immer solchen Spaß machen wie Vater." Nun haben die kleinen Kinder eine Art von Vexierreimen, an denen sie sich vergnügen; sie sagen z. B.:

Gieb mir mal die Hand"

und wenn es der andere tut, sagen sie:

oder:

Du bist ein Elefant"

Magst du gern Kaffee?"

und wenn man ahnungslosJa" sagt, fahren sie fort: Du bist ein Affe",