Heft 
(1906) 16
Seite
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ein Spiel, das wiederum zeigt, wie leicht Kinderhände gefüllt sind. Auch mit mir trieb eines Tages mein Töchterchen dies hinterlistige Spiel; sie erklärte mich für einen Elefanten, was ich mir, da der Elefant ein sympathisches und intelligentes Tier ist, gern gefallen ließ. Als ich dann die Frage nach

dem Kaffee bejaht hatte, rief sie:

Du bist-"

aber weiter kam sie nicht; sie wurde über und über rot und verstummte. Sie hatte das Gefühl:Affe" geht zu weit,

das kannst du ihm nicht zumuten. Ich hätte den Affen wahrscheinlich noch passieren lassen; aber sie fühlte: hier ist die Grenze. Solch' ein Gefühl für die Grenze, mein ich, muß erhalten bleiben, sonst lösen sich die Bande frommer Scheu.

Es gibt Leute, die da sagen: Selbst wenn man den Kindern ihr ganzes Dasein leicht und heiter gestalten könnte, dürfte man's doch nicht tun; denn man erzieht für das Leben, und das Leben ist ernst und schwer. Von diesem Einwand halte ich wenig oder nichts. Eine frohe Kindheit macht stärker fürs Leben als eine ernste. Die Freuden der Kindheit sind

ein ersparter Schatz, der bis ans Lebensende Zinsen trägt, und zwar um so mehr Zinsen, je größer der Schatz ist. Es glaubt ja auch kein Kind an den Ernst des Lebens, bevor es ihn an sich selbst erfahren hat. Man darf es vielleicht über­haupt sagen; aber gewiß darf man's mit Rücksicht auf die Kinder sagen: Was sie gehabt haben, haben sie gehabt; was

nachkommt, weiß niemand. Ich habe nach meiner körperlichen Veranlagung ziemlich viel Sinn für Gravität, für Feierlichkeit und Würde, und den Photographen mach' ich immer ein viel zu ernstes Gesicht; aber mir ist selten feierlicher zumute ge- gewesen, als wenn ich mit meinen Zöglingen und Kindern Scherz und Possen getrieben habe.

Warum ich tanz' vor meinem Sohn und singe Und wie ein Harlekin Grimassen schneide?

Daß einst ein heimlich Lachen ihm gelinge,

Wenn er verlassen steht im Lebensleide. . .

Laßt mich nur tanzen und Grimassen schneiden,

Daß er ein lächelndes Erinnern habe Und meiner Liebe still sich noch erlabe,

Wenn ich versunken längst mit meinen Leiden.

Der Goetheplatz in

Gon Audolk

^illa Borghese ist schon Jahrhunderte die Traumstätte der deutschen Romfahrer. Seit Winckelmann und Tischbein, Goethe, Carstens, Wilhelm von Humboldt, Overbeck und Cornelius, Wilhelm Müller, Ludwig Richter, Preller, König Ludwig I., Wilhelm von Kaulbach, Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin hat kein Deutscher mehr ihre Eichenhaine durchwandelt, ohne in seinem Herzen jene Stimme verspürt Zu haben, die ihm gebieterisch zuruft: Wanderer, stehe still, denn der Ort, den du betrittst, ist ein heiliges Land, der Garten der Olympier, in dem sie in seliger Ruhe aus dem Gold ihrer Seele unsterbliche Werke erschufen oder müde des Treibens der Welt auf dem blanken Spiegel des Sees dem Tempel Zu­fuhren, derder sanf­ten Gottheit, welche die Schmerzen lin­dert", gewidmet ist.

Mit ehrfürchtiger Scheu geht der Epi­gone ihren Spuren nach und freut sich, die Wege wandeln zu können, die sie einst gegangen, auf den Ruhebänken zu sinnen und ihren Werken nachzudenken, die hier entstanden sind, und darf sich glücklich schätzen,wenn sich zu ihm ein Führer gesellt, der mit beredtem Mund dieLieblingsplätzeder Großen weist. Wohl mag es viele geben, die über solchen Kultus die Köpfe schütteln, ihn als zu weit gehend von sich weisen und sagen, das Streben, allen Äußer­lichkeiten der großen Männer nachzuspüren, verleite dazu, daß man von der Betrachtung ihrer Werke, die doch eigentlich ihres Wesens Kern bilden, abgelenkt werde; darauf kann aber erwidert werden, daß alle die scheinbaren Äußerlichkeiten eines großen Mannes doch auch seiner Wesenheit entspringen und wieder darauf Zurückwirken und den Charakter zusammensetzen, aus dem sich seine Werke erklären. So tritt uns die Persönlichkeit näher, und in das Gefühl der Ehrfurcht vor dem Großen mischen sich Vertrautheit und Liebe.

Und was ist natürlicher, als daß der Pilger in Rom nach Goethe fragt und wissen will, wie der in der Hauptstadt der Welt gelebt

der Villa Lorghese.

Müller-Isom.

hat,der in römischer Größe neuen Schwung, in römischer Helle und Klarheit neuen inneren Einklang gewann, der bei seiner Ankunft in Italien wie neugeboren war und in Rom begonnen hat neu er­zogen zu sein." Es ist in jeder Beziehung verdienstvoll, wenn es einen Führer gibt, dessen eifriger Forschersinu uns weist, an welchen Stellen der Olympier mit der göttlichen Muse Zwiesprache hielt, wo denn dieIphigenie" nach Herman Grimms Ausspruch sich in Italien aus der jungen Tanne in eine Pinie verwandelte. Das Verdienst, diesen Platz der Nachwelt wieder in Erinnerung gebracht zu haben, gebührt Friedrich Noack, der den Jtalienfahrern durch sein treffliches

Römisches Skizzen­buch" und seine Auf­sätze und Forschun­gen über deutsches Leben in der Ewigen Stadt längst wohl­bekannt ist.

Bereits Tischbein, der in Rom von Goethe unzertrenn­lich war, erzählt iu seinen Lebenserinne­rungen, daß die Villa Borghese sein Lieblingsspaziergang war. Was war na­türlicher, als daß er als Goethes Mentor diesem sofort nach seiner Ankunft an: 29. Oktober 1787 die Herrlichkeiten der Villa wies, die die­ser seitdem mit oder ohne Freunde so oft wie möglich aufsuchte, und wo er dichtete, zeichnete und seine Pflanzenstudien trieb.

Den Hauptbeweis dafür, daß Goethe seineIphigenie" in der Villa Borghese vollendete, findet Noack in C. PH. Moritz'Reisen eines Deutschen in Italien" 17861788, II. Teil, Seite 226 ff. Moritz schildert dort den Garten, erzählt, wie er zum Kasino Borghese kommt, und fährt fort:Nun führt aber zur rechten Hand eine be­sondere Pforte erst in den eigentlichen künstlichen Garten der Villa . . . Lorbeerwälder, Zypressenhaine und schattige Alleen wechseln in diesem majestätischen Garten miteinander ab, und rauschende Fontänen laden in den einsamen Schatten zn süßem Schlummer ein . . . Auf einen: Platze, wo man von einen: halben Zirkel vor: Bäumen eingeschlossen wird, ist die Mauer des Gartens durchbrochen,

Der Goetheplatz.