Heft 
(1906) 16
Seite
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Meere sich einten! Sein Leben war nur möglich auf dem zeitweisen oder dauerirden Trennungsraum der beiden. Die Weltenmacht, die sie auseinandergeschlagen, das eine Wasser unten auf einen gewissen Maximalstand gebannt, das andere oben wie mit einem Riegel abgestützt hatte sie hatte zum ersten Male dem Menschen seine engere Welt geschaffen. Wie in eine Taucherglocke hatte sie ihn gerettet, und erst diese Trennung war die eigentlicheFeste", auf und in der er athmend wie gehend Fuß fassen konnte, leben konnte. Das Bild von der Taucherglocke wäre diesen Menschen noch nicht geläufig gewesen wie uns. Aber als Riegel der von oben dräuenden Wolkenwasser dachten sie sich wirklich eine feste Glocke als das beste Mittel. Schon ihr Zeltdach hielt den Regen ab. Eine Glasglocke wie ihr Becher mußte es noch viel besser tun. Wie man den blauen Himmel durch dieses Bechers Wand sah, ohne daß das Glas dabei zu brechen brauchte, so mochte man durch die gläserne Himmelsglocke das obere blaue Meer sehen, ohne daß seine Welle uns dabei netzen konnte. Je stiller die See hier unten, desto blauer; je fester die Glocke dort oben ohne Bruch und Spalt, desto reiner der himmlische Azur. So ist das Weltbild der Babylonier entstanden, an das auch der biblische Bericht hier anknüpft.

Unser verfeinertes Verstehen von heute braucht allerdings auch diese naiv greifbare Glasvorstellung nicht mehr. Wir wissen, wie das Spiel der Naturkräfte scheinbar schwebende Dinge im Schach und in der Balance zu halten weiß auch ohne ein grobes Unterschieben von Riegeln und Glasdächern. Wir wissen, daß mehr als 12 000 Kilometer senkrecht unter unseren Füßen unsere Antipoden auf der anderen Seite der Erdkugel aufrecht nach oben schwebend sich bewegen, ohne in den Weltenabgrund zu stürzen- und das, ohne daß eine Glasplatte auf ihren Köpfen oder eine Kette an ihrem Bein sie vor diesem schauerlichen Sturz bewahrt. Wir wissen, daß reine Kraftspannungen gewaltigere unsichtbare Mauern bauen können, als je irgend ein Kristall vermöchte. Wie die Kraft des Mondes über 51 000 Meilen hinweg in der Flut und Ebbe den -Ozean schwellen und sinken läßt, so bannen und zerstreuen die Kräfte in der Atmosphäre, die Würmeverhältnisse und anderes den Wasserdampf nach oben und hemmen die Bildung der Wolke, aus der sich der Wolkenbruch verheerend stürzen könnte. Leichter, graziöser ist für uns die Hand der Natur geworden, die jenen Lebensraum der landbewohnenden, freiluftatmenden Wesen auf der Erdrinde immer wieder festet und hält; aber die alte Wirkung ist die gleiche, dieFeste" als Erhaltungsprinzip ist verbürgt auch so: der für Lungen atembare, nicht dauernd mit Wasser versetzte Luftraum zwischen Himmel und Meer, in den von unten das trockene Land ragt, und den nach oben unablässig waltende Naturkräfte schützen gegen immerfort prasselnde Wolkenbrüche oder ein dauerndes Herabdringen der lebentötenden Weltraumkälte, die noch über diesen atmosphärischen Wassern herrscht. Von dieser Weltraum­kälte, die als ein viel furchtbarerer Angreifer auf den Menschen Herabstürzen würde als alle Wolkenwasser, im Moment, da die Luftfeuchtigkeit selber und dieFeste" dieses Luftmantels um die Erde verschwände, erzählt der biblische Bericht nichts. Er trägt darin deutlich den Charakter seiner Entstehung in einem feuchtwarmen Lande an der Stirn, einer Gegend, wo Platzregen und Überschwemmung gefährdeten, aber nicht er­starrender Frost. In den Kosmogonien der nordischen Völker ist dagegen das Kältechaos stets bedeutsamer als das Wasser­chaos. Ein Eskimo, der diesen Mythus für sich umgedichtet Hütte, würde schwerlich zugegeben haben, daß die Sonne als wärmendes Prinzip erst so spät hervortritt, erst nach dem Licht und der Bändigung der Wasser; ihm wäre die Wärme das Erste gewesen, die Wärme, die ein Stück bewohnbares Land aus der Eiswüste tauen ließ.

Doch unser am Wissen von heute geschulter Blick läßt sich abermals von den Symbolen der wunderschönen Dichtung hinaustragen zu unendlich erweiterter Schau. DieFeste" erscheint ihm da noch ganz wo anders, dort, wohin auch noch

kein Trüumerauge des Dichters damals mit leisesten: Wissen drang.

In den Abgrundtiefen des Raumes erscheint uns wieder jenes diffuse Licht, von dem wir sprachen. Es erscheint aber nicht als entstanden bloß durch das Zusammenhängen un­zähliger an sich schon sest begrenzter Heller Sternsonnen für das Auge bei unendlicher Entfernung, also so, wie die aus einem Sonnengewimmel gebildete Milchstraße für das un- bewaffnete Auge zusammenstießt. Zwischen den Sonnenpunkten gewahrt das Fernrohr ganz deutlich wirkliche Nebelgebilde, oft von seltsam verschwimmendem Umriß, matt grünlich oder bläulich glimmende Wolken losen kosmischen Stoffs, der sich in Fetzen und Wirbeln über unfaßbare Räume zwischen diesen Sternen regellos hinspinnt. Die Spektralanalyse erweist diese echten Nebelflecke als Ansammlungen von Gasen. Lange hat man geglaubt, auch sie stünden alle weit außerhalb unseres Fixsternsystems, wie es einige jener bloß perspektivisch ver­schwimmenden Sonnenhausen wohl wirklich tun. Werdende Systeme wie unseres sollten sie erst sein, Weltembryonen. Heute neigt man immer mehr dazu, daß sie doch noch inner­halb unseres engeren Sternverbandes schweben. Gleichwohl erscheinen sie auch so als ältere Teile dieses Verbandes, als Reste der ursprünglichen Materie, aus der diese Sterne sich erst allmählich geballt haben und noch weiter ballen. Wie Fetzen noch unverbrauchten Materials lagern sie zwischen der festen Sternenstickerei. Näher, als man jemals ahnte, scheint uns so das Werden dieses Sternenorganismus in unserem System noch vor Augen. Hier und da sehen wir, wie diese lose Nebelmaterie gerade mitten in: weiteren Verdichtungs­prozeß begriffen ist. Hellere Leuchtpunkte glühen aus dem vagen Schein, im Nebelfleck gestalten sich, lösen sich, kristalli­sieren gleichsam in einem Prozeß höherer Art wirkliche neue Sonnen.

Eine solche schwebende Gasmasse ist für unsere Vorstellung tatsächlich die allerursprünglichste Form einerFeste", die wir uns denken können. Den Raum durcheilen mit gewaltigen Geschwindigkeiten freie Gasmoleküle als das durch die Urkraft der Natur für uns zuerst stofflich Gegebene. Indem sie sich an gewissen Kreuzungsstellen aufstauen, größere Anhäufungen bilden, entsteht ein erster Gegensatz dieser Stoffwelt. Es ent­steht eine stärker widerstrebende, alle Bahnen um sich her dauernd beeinflussende Masse, eine Gasinsel in: losen Gasmeer. Man mag dieses zerstreuteste Gas auch direkt mit dem Äther gleichsetzen; dann Hütten wir Ätherinseln im Ätherozean. Man muß aber völlig, wenn man von dieser erstenFeste" redet, sich noch losmachen von dem Begriff, den unser Wortfest" gibt. Eine solche Gaswolke ist unendlich viel feiner noch als unsere Luft. Wie eine Mauer stünde vor ihr diese Luft, wie eine wahre Kristallglocke im Sinne des alten Bildes. Nur ein erster Gegensatz ist eben darin von etwas, das mehr Widerstand leistet als das Allerloseste. Und doch ist auch wieder der allererste Schritt darin zu allen späteren Gegen­sätzen, allen wirklichenFesten" dieser Welt bis zum härtesten Diamant.

Diese erste Verdichtungswolke im unsichtbar ausgegossenen Weltengas hat noch keine Sonne, die ihr leuchtet, die sie wärmt. Alle Sonnen des Systems sollen ja erst aus ihr werden, als Punkte, als glühende Schneekristalle gleichsam in ihrem unfaßbar ungeheuer ausgestreckten Wolkenleibe. Trotz­dem liegt über solcher erstenFeste" bereits ein vages Glimmen von Licht. Daß wir alle jene Reste von losen Nebelfetzen zwischen den schon wirklich glühenden und leuchtenden Sonnen unseres heutigen Systems überhaupt noch sehen können, verdanken wir offenbar dieser dort noch immer fortdauernden Eigenschaft des Urnebels, irgendwie sich selbst zu erhellen. Man neigt heute wohl mit Recht nicht mehr zu der Meinung, daß es sich hier um ein wirkliches Glühen handeln könne. Es scheint vielmehr ein kaltes Phosphoreszieren zu sein. Bei außerordentlicher Verdünnung scheint bei allen Gasen ein Punkt einzutreten, wo sie zu phosphoreszieren beginnen. So glimmt wohl auch