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„Das war unmöglich. Ich hatte kein Recht."
„Die Wahrheit zu sagen?"
„Wenn die Wahrheit einen Menschen, der einem nahe steht, zerschmettern müßte?"
Mit starrem Blick sah er sie an. „Das ist ein Geständnis — und zugleich eine Anklage!"
„Wie Sie's auffassen."
„Ein Betrug —- ist also — doch geschehen?"
Ihre Nerven hatten völlig nachgelassen. Sie war nicht mehr imstande, Ausflüchte zu suchen. „Die Verhandlung hat ja nichts Belastendes ergeben," sagte sie matt. „Und die Zeugen, die noch vernommen werden, können an dem Bild kaum mehr etwas ändern."
„Aber Gamp selbst? Und Sie?!"
„Wir werden niemand anklagen, wir werden schweigen. Und damit ist die alte Schuld endlich verjährt."
Wyschnewski war ganz fassungslos. „Und hernach? Könnten Sie die Lüge denn ewig mit sich Herumschleppen?"
„Es ist keine Lüge. Es ist eine Wohltat — vielleicht ein Almosen."
„Aber einmal muß es Gernot doch erfahren! Und Sie glauben, das könnte er Ihnen je vergeben? Und Sabine?!"
„Sie werden beide verstehen lernen, in welcher Lage ich mich befunden habe, und werden verzeihen."
„Nie!" rief Wyschnewski außer sich, in rauhem Ton. „Denn das ist eine Rechtsbeugung, das ist ein Verbrechen!"
Von der Postuhr, dem Parkplatz gegenüber, schlug es Drei. Asta war bei seinen letzten Worten jäh zusammengefahren. Nun sah sie sich wirr um, an die Zeit, an ihre Pflicht gemahnt.
. . . Wieder fiel ihr die kurze stumme Szene ein, die sie im Zeugenzimmer beobachtet hatte. Es kroch wie Grauen und Ekel an ihr empor. Sie kam von der Vorstellung nicht frei, daß Wyschnewski jetzt ebenso verächtlich auf sie herabsah wie sie auf die beiden Frauen, deren wortlose Verabredung sie in einen ganzen Abgrund der Verworfenheit hatte blicken lassen . ..
Eine hitzige, aufwühlende Debatte folgte zwischen ihnen. Eins ergab sich für beide Teile, obwohl es zu keinem eigentlichen Abschluß kam: es waren zwei ganz verschiedene Anschauungswelten, in denen sie lebten.
Vielleicht war es die frühe Gewöhnung an Schulden, an Ausreden und Ausflüchte, an Komödien aller Art im Hause ihres Vaters gewesen, was ihr Empfinden für eine so scharfe Forderung der Wahrheitspflicht abgestumpft hatte. Aber in
dieser Stunde sagte ihr's das Entsetzen des jungen Offiziers, daß es aus seiner Empfindungswelt keine Brücke zu der ihren gab.
„Sie wollen mich nur ins Unglück jagen!" stieß sie plötzlich aus, von steigender Angst getrieben. Und zugleich klang's wie Haß aus ihrem Ton.
Er zuckte die Achsel. „Den Borwurf verdiene ich wirklich nicht."
„Aber wenn der Zufall Sie jetzt selbst als Zeugen vor den Richter forderte: Sie würden alles sagen, alles?"
„Der Eid würde mich doch binden."
„Und wenn Sie nicht vereidigt würden?"
„Ich würde es sonst nicht mehr wagen, einem anderen Menschen ins Auge zu sehen."
„Kommen Sie. Kommen Sie gleich mit. Melden Sie sich zum Wort. Erleichtern Sie Ihr Gewissen. Denn nun sind Sie doch Mitwisser geworden. Nicht wahr?"
Es lag der Spott der Verzweiflung in ihrem Ton. Wyschnewski blieb stehen. Sie waren gerade am Ende des Platzes angelangt; die Verlängerung des Weges mündete in die Straße, in der der Justizpalast lag. Mit seinen ehrlichen Seemannsaugen blickte Wyschnewski die junge Frau ruhig und ohne Vorwurf an.
„Mein Weg führt mich jetzt natürlich nicht mehr zun: Sitzungszimmer zurück. Wenn Sie's nicht selbst drängt, Ihr Gewissen zu erleichtern: Furcht vor nur soll Sie zu nichts zwingen."
Noch eine Sekunde lang standen sie einander gegenüber, Aug' in Augß dann grüßte Wyschnewski und wandte sich ab, die Richtung nach der entgegengesetzten Seite einschlagend.
Asta war's, als erwachte sie aus schweren Träumen. Sie ging zögernd ein paar Schritte weit, dann blieb sie wieder stehen und sah dem jungen Offizier nach.
Dabei fühlte sie, wie sich die brennende Röte der Scham über ihr Antlitz ergoß.
Er hatte sie gedemütigt. So hatte noch nie ein Mann zu ihr gesprochen.
War es nur die Furcht gewesen, die Nähe der Gefahr, die sie so kleinlaut und verzagt gemacht, die ihr jeden Versuch zum Widerspruch von den Lippen genommen hatte?
Sie erkannte sich selbst nicht mehr.
Und Erbarmen ergriff sie mit dem ihr fremden, hilflosen, gebrochenen Wesen, das da unsicheren Schrittes dem Justizpalast zupilgerte. (Fortsetzung folgt.)
Die Schöpsungstage.
Von Wilhelm Bölsche. — Mit Illustrationen von Äeinrich Äarder.
II.
„Es werde eine Feste ..."
Der erste schlichte Denkmensch sah die Natur nicht immer bloß im heiligen Frieden eines Morgens, da das erwachende Licht Meer und Himmel sondert. In furchtbaren Schrecken trat sie ihm auch entgegen. Zu seinem Strande kroch die Flut herauf, der Spiegel des Ozeans hob sich in geheimnisvollem Zuge. Meist verlor sich das ja wieder, Flut wechselte mit Ebbe, er gewöhnte sich daran. Aber schauerlich, wenn plötzlich diese Regel auch nicht standhielt, wenn die Springflut höher und höher kam, wenn der Wind hineinblies gegen das Land an, wenn der friedliche Fluß sich staute und die Uferdämme brach, wenn Sturmflut als schmutzige Welle die Wälder fortriß, die Wohnstätte auf dem Hügel umleckte, belagerte, Fuß um Fuß näher bedrohte. Und nicht genug an diesen von unten brandenden Wassern. Nun stürzte prasselnd auch von oben, aus dem freien Himmel, das Wasser herab. Der schöne blaue Himmelsplan war plötzlich wie zerborsten, schwere graue und gewitter
gelbe Wolken hingen wie quellende Wellenkämme heraus, und es waren wirklich Wasserkümme; in ungeheurem Sturzbach ging der Regen nieder, auch die Höhen, die die Sturmflut nicht verschlingen konnte, überschüttend, überschwemmend.
In solcher Notstunde ist der Gedanke geschmiedet worden, der in dem Mythus noch so deutlich anklingt: daß des Menschen Dasein auf grüner wohnlicher Erdscholle nur ein Geschenk der Trennung und Bändigung der doppelten Wasser, der oberen und der unteren, sei — ein Geschenk auf Widerruf vielleicht, dem immerfort die Entsetzen der Sündflut drohten.
Hier unten dehnte sich das blaue Meer. Sein in der Ruhe scheinbar so ebener schöner Spiegel war nur das mahnende Antlitz einer unergründlichen Tiefe voll Wasser, das jeden Augenblick in turmhohen Wellen ausbrechen, gegen das flache Land aufbegehren konnte. Dort oben lachte in guter Zeit der blaue Himmel. Auch sein Blau stammte in Wahrheit von Wassern. Auch dort war ein Meer, das immerfort dräute, Herabbrechen konnte. Wehe den: Verlorenen, wenn diese beiden