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schloß dann mit einem Seufzer: „Ich bin ganz elend vor Aufregung."
„Ich auch!" gestand sie.
Ohne irgend eine Verabredung wandten sie sich nun von der Bank ab, denn das Paar dort hatte hastig, wie auf einer bösen Tat ertappt, den Brief weggesteckt und starrte sie mit ängstlichem Blick an. Wpschnewski hielt sich an Astas Seite. Er war so Zerstreut und befangen, daß er nicht einmal des kleinen Formfehlers gewahr wurde: er ging nämlich zu ihrer Rechten statt zu ihrer Linken.
„Ich hatte angenommen, ich würde Fräulein Sabine zu sehen bekommen," sagte er bedrückt, nachdem sie ein paar Schritt weit still nebeneinander hergegangen waren.
„Ich würde es Sabine nicht gewünscht haben. Das ist ja eine Folter. Dieses furchtbare — dieses entsetzliche Warten."
„Es empfindet wohl niemand im ganzen Saal mehr mit als ich."
Sie fühlte sich ganz schlapp und kraftlos. „Sprechen wir nicht davon — ich ertrage es nicht."
Wieder legten sie eine Strecke Weges schweigend unter den Kastanien zurück. Es war hier nicht besonders belebt. Der eigentliche Verkehr der Passanten fand drüben auf den beiden Straßenseiten statt. Auf der breiten Promenade, die das spitze Dreieck der Parkanlage umzog, spazierte nur noch ein alter Herr, der von einem Teckel begleitet war. Auf einer der Bänke saßen zwei Kindermädchen, die schwatzten und die Kinderwagen mit einer Hand unermüdlich hin und her rollten; auf einer anderen Bank hockten ein paar Männer im Arbeiteranzug, die die Köpfe tief hinabhängen ließen, als ob sie schliefen.
„Und da ich Sie getroffen habe, gnädige Frau, muß ich doch davon sprechen," stieß Wpschnewski aus. „Es hat mich die ganze Zeit über — auf dem Wasser da draußen, im Dienst, in der Einsamkeit — so gequält, so gemartert ... Ich hätte es wahrhaftig meinem schlimmsten Feind nicht gegönnt -— das, was ich da im stillen durchgekämpft habe."
Sie sagte mit gepreßter Stimme: „Ja — warum mußte das sein!" Aber mit ihren Gedanken war sie gar nicht bei dem, was sie sagte. Wirre Bilder jagten sich vor ihren Sinnen.
„Gewiß ist dieser Tag gräßlich. Für uns alle. Aber wär's Ihnen denn möglich gewesen, so wie vorher weiterzuleben?"
„So wie vorher?"
„Hunderte, Tausende sollten das Recht haben, mit nichtsnutzigen Anspielungen, mit blinden Verdächtigungen das ganze Leben hindurch hinter einem herzuziehen? Klarheit mußte doch endlich geschaffen werden. Das ist jetzt wie ein Gewittersturm, der all die dunkeln Wolken vor sich herjagt! Nach der Aussage von Bogladki Hab' ich wie erlöst aufgeatmet!"
„Bogladki —" Sie wiederholte den Namen tonlos. Ein Schauer lief wieder über sie hin. Die Gedankenbrücke führte sie zu den letzten Verhaltungsmaßregeln, die ihr Vater ihr gegeben hatte. „Von nichts wissen — von gar nichts Theo schweigt dann sicher auch!" Sie war sich unter dem Druck dieser Vorstellung inmitten der Menge im Zeugenzimmer so erbärmlich vorgekommen, herabgewürdigt — geradezu unters Pack gestoßen. Und in dieser Sekunde fiel ihr ein widerliches Begebnis aus dem Zeugenzimmer ein: das Augenblinzeln von zwei Weibern bei irgend einer in den Raum gelangten Nachricht. Die beiden hatten auf den Bänken einander gegenübergesessen und vor den übrigen Zeugen nicht zu erkennen gegeben, daß sie einander kannten. Sie hatte zufällig den Blick aufgefangen und war den zynisch listigen Ausdruck des Paares nicht mehr losgeworden. Ouälend — niederdrückend und zugleich aufreizend — wirkte der stumme Vergleich, den sie jetzt innerlich anstellte, als der junge Seeoffizier an Bogladkis Aussage rührte: wodurch unterschieden sich die Abmachungen zwischen ihr und ihrem Vater von der heimlichen Post zwischen den beiden verbrecherischen Geschöpfen? „Ich will nichts hören
— ich will, ich will nicht!" sagte sie in wachsender Erregung, die feucht gewordenen Finger krampfhaft ineinander schlingend.
Und doch wieder spann sie im stillen den Faden fort.
Daß die Stimmung für Theo die denkbar beste war, das hatte sie verschiedenen Reden entnommen, die im Gewirr der Menge auf den Korridoren gefallen waren. Bogladkis Aussage hatte Theo so ziemlich jeder Schuld entlastet.
Wenn er schwieg, waren sie alle gerettet!
Wpschnewski sah die Angst in ihren starr gewordenen Zügen. „Und seit einer ganz bestimmten Stunde, gnädige Frau, quäle ich mich doch mit dem brennenden Wunsch, nein der Mahnung, endlich einmal offen und frei zu Ihnen zu sprechen."
„Seit welcher Stunde?"
„Seit dem Spazierritt damals -— im Frühjahr — der so tragisch abgeschlossen hat."
Sie sah ihn verwirrt fragend an.
„Weshalb haben Sie mich damals nicht darüber aufgeklärt, daß den Baron von Gamp überhaupt kein Vorwurf trifft?"
Eine Gefahr kroch an sie heran. Sie fühlte es zitternd. Gleich dieser Frage konnten drinnen im Gerichtssaal hundert an sie gerichtet werden. Und was sollte sie antworten? Das waren ja lauter Schlingen und Fallstricke.
„Denn bis jetzt war ich der festen Meinung, daß Sie selbst an seine Schuld geglaubt haben," fuhr Wpschnewski fort, sie mit seinen großen, klaren Augen voll ansehend.
Sie hielt den Blick nicht aus. Matt und hilflos Zuckte sie die Achsel. „Er hat mich verlassen — ich habe dann ja nie wieder Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen, zu sprechen -— ach, ich . . . Die Wahrheit weiß ich heute doch selbst nicht." Erschöpft brach sie ab.
Wpschnewski war in plötzlichem Schreck zusammengefahren und mitten aus dem Wege stehen geblieben. „Gnädige Frau
— Sie sagen, Sie haben ihn bis zum heutigen Tage nicht wieder gesehen? Aber das — das ist doch nicht die Wahrheit! Wollen Sie das etwa auch dem Richter gegenüber bekunden?"
„Nicht die Wahrheit? So?" Sie preßte die Lippen zusammen und sah trotzig an ihm vorbei.
„Das weiß ich doch, gnädige Frau."
„Warum examinieren Sie mich? Mit welchem Recht?" Sie wollte es zornig und abweisend sagen — aber ihr Ton klang so unsicher und verzagt, daß sie darüber erschrak.
„Vorhin, als ich den Gerichtssaal verließ, sah ich am Korridorfenster einen Herrn stehen, von dem meine Nachbarn sagten, es wäre der Baron von Gamp. Ich faßte ihn näher ins Auge - denn er kam mir bekannt vor. Und dann ent- sann ich mich, daß ich ihn schon früher einmal gesehen habe, erst vor wenigen Monaten."
„So? Vor wenigen Monaten?" Sie wiederholte es ganz mechanisch, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Immer drohender, immer greifbarer stand die Gefahr vor ihr.
„Es war in Ihrem Hause, gnädige Frau. Er verließ Sie in dem Augenblick, als ich mir die Freiheit nahm. Sie Sabinens wegen aufzusuchen. Das geben Sie doch zu?"
Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen. Sie schloß die Augen. Es war, als ob ein Taumel sie erfaßte. Sie tastete einmal ganz zwecklos in die Luft. Tief atmete sie auf. Die Augen zu öffnen wagte sie nicht. Sie fühlte, daß sie trotzdem völlig im Bann seines Blickes — seines mehr und mehr erschrocken, nein entsetzt forschenden Blickes stand. Eine namenlose Erregung hatte sich ihrer bemächtigt.
„Ja!" stieß sie plötzlich aus. „Er war es. Ick habe ihn gesprochen."
„Ich muß dann also annehmen, daß Sie mehr über die Vorgänge wissen, als Ihr Herr Vater vorhin vor dem Richter ausgesagt hat."
„Ja!" Mit einem gewissen Trotz sagte sie's — zugleich unter dem Zwang, sich wenigstens vor einem Menschen von der schweren Last endlich zu befreien.
„Warum haben Sie dann Gernot nicht längst ins Vertrauen gezogen?"