Heft 
(1906) 16
Seite
343
Einzelbild herunterladen

343

Tränen ausbrach, als sie jetzt endlich Gernots und seines Be­gleiters ansichtig ward.

Es wird ja nicht mehr lange dauern, Frau Baronin, dann sind Sie erlöst," tröstete der Justizrat die junge Frau.Ich werde dafür sorgen, daß Sie bis zu Ihrem Aufruf im Zimmer der Rechtsanwälte Unterkommen. Es ist dort jetzt leerer geworden."

Wahrend Asta sich durch die Menge durchzwängte, um den Herren zu folgen, fühlte sie die dreist musternden Blicke der verschiedenen Gruppen auf sich. Eine zweifelhaft aussehende Person stieß ihre Nachbarin an.Frau Baronin!" wiederholte sie teils schadenfroh, teils spöttisch. Die andere stellte sich so breitspurig hin, daß Asta Mühe hatte, vorbeizukommen.Tja, hier is sich allens ehnjal, Frau Baronin, jleiches Recht für- alle, heißt's in Moabit, ob man nu Frau Baronin is oder Madame Schulze." Grobes Lachen im Umkreis stimmte ihr zu.

Am besten, Sie benutzen die Pause," schlug Bressentin draußen vor,um sich zu restaurieren. Wenn Sie gestatten, schließe ich mich an."

Asta wollte nur möglichst rasch aus diesen Räumen hinaus ins Freie, um einen einzigen vollen Zug frischer Luft in die Lungen zu bekommen.

Auch Sixt von Soter, der soeben inmitten einer Gruppe von Sportsleuten herzutrat, die teils als Zuschauer, teils als Zeugen der Verhandlung beigewohnt hatten, ward von Gernot in höflich korrekter Form eingeladen, ins Restaurant mitzukommen. Der Kreis vergrößerte sich dann noch, denn auf der Treppe stieß Gernot auf Bekannte aus dem Reichstag. Sie hatten alle dasselbe Ziel: die denr Justizpalast gegenüberliegenden Wein­stuben.

Gernot und der Justizrat vermieden es absichtlich, auf dem Wege dahin über den Prozeß zu sprechen. Als ein Trupp eine Einzelheit der Aussage Sixt von Soters berührte und eine Frage deshalb an Astas Vater richtete, mischte sich Bressentin sofort lächelnd ein:Ich glaube, meine Herren, wir überschlagen diese Themen, schon aus Schonung für die Frau Baronin. Es ist für Damen eine Tortur, als Zeugen auftreten zu müssen." Die Mehrzahl hörte aus seinen Worten wohl noch mehr heraus: er hielt es juristisch nicht für korrekt, einzelne Teile der bis jetzt erledigten Verhandlung in der Gegenwart von Zeugen durchzusprechen, die noch nicht vernommen waren.

Als sie auf der Straße standen, in einer Gruppe von etwa zehn Köpfen, erklärte Asta, es wäre ihr unmöglich, auch nur einen Bissen Zu sich zu nehmen.

Aber du ruinierst dich!" hielt Gernot ihr vor.

Sie schüttelte sich in der Erinnerung an die Umgebung, unter der sie im Zeugenzimmer gelitten hatte.Der Ekel vor diesen Menschen da droben nein ich kann nicht, ich kann nicht!"

Neugierig wurden sie auch hier gemustert.

Es ist aber doch unmöglich, Asta, daß wir uns so lange auf der Straße Herumtreiben," stellte Gernot vor.

Sie sah sich noch immer unschlüssig um. Dicht am Bürger­steig hielten ein paar Taxameter.Dann laß uns eine Strecke spazieren fahren, essen kann ich nicht, in einen geschlossenen Raum will ich nicht!" Sie winkte einein der Kutscher zu. Aber Gernot schüttelte unmutig den Kopf.

Bressentin stand dicht neben ihr.Gnädigste Baronin, ver­zeihen Sie, wenn ich mich einmische, aber ich begreife sehr wohl, daß Ihr Herr Verlobter als erfahrener Jurist zögert. Man kann wirklich nicht vorsichtig genug sein. Jeder Schritt wird beobachtet. Am Ende hieße es hernach wieder, wie schon Zu Beginn der Verhandlung, es hätte eine Aussprache über den Gang des Prozesses zwischen Ihnen stattgefunden. Vermeiden Sie's lieber. Ich rate dringend dazu."

Sie war indessen schon in den vordersten Wagen eingestiegen. Gut, gut," sagte sie, lebhaft abwinkend,ich verstehe voll­kommen. Ich brauche auch nur ein Viertelstündchen Luft und andere Bilder..."

Aber etwas zu sich nehmen müssen Sie doch," sagte der Justizrat.

Es kann noch stundenlang währen, Asta, du hast doch die Pflicht, dich für die Sache auf dem Posten zu erhalten."

Auch Sixt von Soter, der einen äußerst jovialen Ton angenommen hatte, versuchte ihr Vorhaben auszureden. Sogar von den Halbfremden mengte sich einer ein: das Wein­

restaurant drüben wäre ganz behaglich, man würde rasch und gut bedient, Zögern wäre aber nicht mehr angebracht, denn man hätte bis zur Wiedereröffnung der Sitzung nur noch fünfunddreißig Minuten.

Also hernach auf Wiedersehn!" schloß Asta, sich erschöpft zurücklehnend.

Asta!" rief Gernot noch einmal, ziemlich unwillig und dabei doch in bittendem Ton.

Ich kann nicht anders!" erklärte sie. Auf die Frage des Kutschers, wohin es gehen sollte, erwiderte sie:Gleich gültig. Spazieren. Wohin Sie wollen. Nur ein paar Minuten!"

Die Herren grüßten, und der Wagen fuhr davon.

Asta kannte die Gegend nicht. Es waren breite, gleich­mäßige Straßen mit hohen Mietskasernen. Eine der Straßen war als Boulevard angelegt, die Kastanien der Mittel­promenade waren aber erst kümmerlich entwickelt. Es herrschte ein verwirrend starker Verkehr. Dicht besetzte Straßenbahnen sausten vorüber, Omnibusse, Droschken, Geschäftsautomobile und besonders viel Lastwagen verursachten einen Höllenlärm. Asta flimmerte es vor Augen. Es ward ihr übel und weh.Fahren Sie doch aus dem Lärm hinaus in eine stillere Gegend!" rief sie dem Kutscher ganz verzweifelt zu. Er lenkte in eine Seitenstraße ein. Die war aber nicht asphaltiert, sondern gepflastert. Das Gepolter war ihr unerträglich.Halt halten Sie!" befahl sie endlich. Sie gab ihm ein Geldstück über die Taxe hinaus und verließ den Wagen.Ick wollt' Ihnen jrade nach'm kleinen Tier- jarten fahren, Frailein," erklärte der Rosselenker,da vorne, wo de Beeme sind!" Er wies mit der Peitsche nach ein paar im bunten Herbstlaub stehenden Kastanien.Danke, danke," wehrte Asta ab. Sie sah sich kaum um.

Ein paar Minuten später gelangte sie auf einen als Triangel angelegten Platz mit gärtnerischem Schmuck. Es standen hier hohe, alte Bäume. Da und dort befand sich eine Bank. Asta blieb stehen und atmete auf. Wenigstens konnte sie hier ein paar Minuten ruhig verweilen sich hinsetzen und Glieder und Sinne ausruhen den Ekel über­winden, ihre Aufregung Niederkämpfen . . .

Im Begriff, auf die nächste Bank zuzuschreiten, auf der sie noch einen freien Platz sah, zuckte sie plötzlich schreckhaft zusammen. Ein Herr hatte sich von der Bank erhoben und zog den Hut.

Sie erkannte ihn nicht. Unwillkürlich suchte sie ihn in Verbindung mit dem Paar zu bringen, das auf der Bank fitzen geblieben war. Die beiden jungen Leute dort befanden sich aber in so emsigem Gespräch sie lasen zugleich in einem Brief daß sie gar nicht aufblickten.

O Verzeihung," stieß sie aus, da sie sich entsann, daß sie den Gruß noch gar nicht erwidert hatte,ich war so verwirrt ..."

Wyschnewski!" stellte sich der junge Herr vor.

Die Begegnung war für beide Teile peinlich. Asta konnte wohl begreifen: es mußte den Eindruck gemacht haben, als wäre sie absichtlich auf seinen Platz zugekommen, um mit ihn: zu sprechen. Er wiederum verstand, daß sie über diese irr­tümliche Auffassung erschrocken war.

Sie erkannten mich nicht, weil ich in Zivil bin. Unser Schiff ist gestern in Kiel angekommen. Ich habe noch keinen Urlaub bekommen können, bin nur dienstfrei, muß aber noch diesen Abend zurück."

Sie sind der Verhandlung wegen . . .?"

Jawohl, gnädige Frau. Ich Hab' sie von Beginn an gehört. Ins Restaurant wollte ich jetzt in der Pause nicht, um nicht mit Bekannten ..." Er brach den Satz ab und