Heft 
(1906) 18
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konnte. Sie hatten einen guten Magen, diese ersten Pflänz­chen. Gibt es doch heute noch ihresgleichen im Bakterienvolk, die Schwefel und Eisen fressen und verarbeiten. Aber damit eroberten sie sich, fressend, sich rundend, endlich sich spaltend, ihr weites, weites Erdenmeer. Grün, gelb, rot oder irisierend in Regenbogenfarben mögen so durchlebte, so von Leben erregte Buchten dieses Ozeans zuerst erschienen sein, wie noch heute das Rote und Gelbe Meer unserer Karten von solcher Wasser­blüte den Namen tragen. Aber in­mitten dieser riesi­gen ersten Ansamm­lungen des Lebens vollzog sich alsbald dann ein bedeut­samer Fortschritt.

Von ihrem wirk­lichen Uranfang her schon lebte in der lebendigen Zelle eine geheimnisvolle Fähigkeit. Auch sie gemahnt vielleicht daran, daß dieser Ursprung noch an der Grenze des Feuers gelegen hat, an der Grenze des eben erst erstarren­den Planeten. Wie das Kristall auf die­ser Grenze die wun­derbare Fähigkeit zeigt, seine Teilchen in eine streng ma­thematisch scharfe, rhythmische Gestalt zu zwingen, so müs­sen wir auch dem Leben als Ureigen­schaft eine solche rhythmische Gestal­tungskraft zuschrei­ben. Sie erschöpfte sich bei ihm nur nicht in einer ein­zigen Tat, die dann starr für immer stehen blieb, wie bei dem aus einer Lö­sung einmal aus- geschiedenenKristall.

Wie dieses Leben auch sonst gleichsam die Gabe des Kristalles mit der fortdauernden Beweglichkeit und Selbstwieder- ergänzung durch ewigen Wechsel der Flamme verknüpfte, so be­währte es auch jene Gabe des Kristalls, Formen in unendlicher Fülle, aber stets wunderbarer Regelmäßigkeit, zu bilden, in ganz anderer Biegsamkeit und dauernder Regsamkeit. Bald wußte die Zelle sich selbst die verschiedensten Gestalten zu geben. Bald schied sie feste Mineralmassen, aus Kiesel oder Kalk, in ihrem Leibe aus wie Rußteilchen in der Flamme diese Massen aber ordnete sie mit bestimmter Richtkraft wiederum nach festen Kristallrhythmen an; so sehen wir heute noch win­zige, bloß aus einer einzigen Zelle bestehende Wesen, die Radiolarien, in einem ziemlich gleichartigen lebendigen Zell­körper durch solche Richtkraft aus Kieselstoff (also der gleichen Masse, die unsere Bergkristalle zusammensetzt) mehr als 4000 verschiedeneKunstformen" aufbauen, die zierlichsten Kreuze, Sterne, Kronen, Gitterkugeln, ein unendliches, liebliches Formen­spiel, das unser Auge entzückt, da ein inneres Gesetz auch hier

stets zu einer streng symmetrischen, kristallartig schönen Ge­staltung zwingt. Wie einSpiel" erscheint zunächst wirklich nur dieses Formenwerfen des Lebens. Bleiben alle Formen in sich mathematisch scharf geregelt, so scheint doch in der unerschöpflichen, kaleidoskopischen Fülle mathematischer Symmetrie­möglichkeiten die Zahl dieser Spielformen keine Grenze zu kennen. Aber alsbald, indem dieses Leben sich so uferlos mehrte, ganze Ozeane alsWasserblüte" zu durchsetzen, zu

erfüllen begann, zeigte sich doch in diesemSpiel" wie eine Schranke, so auch ein gewalti ger praktischer Le­benssinn.

Vielfach ver­schieden waren in diesem Erdenozean schon in Urwelts­tagen die Anfor^ derungen an das Leben, das sich er halten, das ewig neu seine kleinen Zellflämmchen re^ gulieren und neu anzünden sollte. In der Bucht an: Ufer (und die vulkani schen Bewegungen sorgten, daß sogleich Inseln, erkaltete ^a vamassen und Ufer das Meer unter­brachen) waren diese Anforderungen an­ders als auf der hohen See, am flachenMeeresboden anders als an der wogenden Ober­fläche. Indem das Leben aber alle diese Gebiete, sich unendlich mehrend, wirklich wasserblü- tenhaft zu erfüllen begann, geriet es in diese Kontraste, die­sen Wechsel auch hinein. Hier paßte von seinen Formen dauernd die eine besser, dort die andere. Einer Zelle, die sich am Boden festsetzte, war etwa die Form eines kleinen Bechers, einer wirklichen Blüte günstiger, bequemer zur Er­haltung; umgekehrt einer freischwimmenden diente von den beliebigen mathematischen Gestaltungsmöglichkeiten die der Kugel oder des Schiffleins besser. Jenes Gesetz trat in Kraft, das Darwin dienatürliche Auslese" genannt hat. Es ist eigentlich ein großes logisches Weltgesetz. Von vielen Mög lichkeiten erhält sich dauernd stets nur gerade die, die am meisten harmonisch sich anschmiegt, an: besten friedlich zum Gegebenen paßt. Die Zellflämmchen brannten hier am be­quemsten so, dort so in die Höhe, hier als Becher oder Stern, dort als Kugel oder Kahn. Und da eines stets sich wieder am anderen fortzeugend anzündete, so wurde diese einmal bevorzugte Form als nächste gleich immer weitergegeben, und es entstand kein Bedürfnis für die Nachkommen, aus ihrer tiefen Kraft noch andere Formen kaleidoskopartig herauszubringen, solange die Außenanforderungen, denen grade diese Form entsprach,

Archäopteryx.