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konnte. Sie hatten einen guten Magen, diese ersten Pflänzchen. Gibt es doch heute noch ihresgleichen im Bakterienvolk, die Schwefel und Eisen fressen und verarbeiten. Aber damit eroberten sie sich, fressend, sich rundend, endlich sich spaltend, ihr weites, weites Erdenmeer. Grün, gelb, rot oder irisierend in Regenbogenfarben mögen so durchlebte, so von Leben erregte Buchten dieses Ozeans zuerst erschienen sein, wie noch heute das Rote und Gelbe Meer unserer Karten von solcher Wasserblüte den Namen tragen. Aber inmitten dieser riesigen ersten Ansammlungen des Lebens vollzog sich alsbald dann ein bedeutsamer Fortschritt.
Von ihrem wirklichen Uranfang her schon lebte in der lebendigen Zelle eine geheimnisvolle Fähigkeit. Auch sie gemahnt vielleicht daran, daß dieser Ursprung noch an der Grenze des Feuers gelegen hat, an der Grenze des eben erst erstarrenden Planeten. Wie das Kristall auf dieser Grenze die wunderbare Fähigkeit zeigt, seine Teilchen in eine streng mathematisch scharfe, rhythmische Gestalt zu zwingen, so müssen wir auch dem Leben als Ureigenschaft eine solche rhythmische Gestaltungskraft zuschreiben. Sie erschöpfte sich bei ihm nur nicht in einer einzigen Tat, die dann starr für immer stehen blieb, wie bei dem aus einer Lösung einmal aus- geschiedenenKristall.
Wie dieses Leben auch sonst gleichsam die Gabe des Kristalles mit der fortdauernden Beweglichkeit und Selbstwieder- ergänzung durch ewigen Wechsel der Flamme verknüpfte, so bewährte es auch jene Gabe des Kristalls, Formen in unendlicher Fülle, aber stets wunderbarer Regelmäßigkeit, zu bilden, in ganz anderer Biegsamkeit und dauernder Regsamkeit. Bald wußte die Zelle sich selbst die verschiedensten Gestalten zu geben. Bald schied sie feste Mineralmassen, aus Kiesel oder Kalk, in ihrem Leibe aus wie Rußteilchen in der Flamme — diese Massen aber ordnete sie mit bestimmter Richtkraft wiederum nach festen Kristallrhythmen an; so sehen wir heute noch winzige, bloß aus einer einzigen Zelle bestehende Wesen, die Radiolarien, in einem ziemlich gleichartigen lebendigen Zellkörper durch solche Richtkraft aus Kieselstoff (also der gleichen Masse, die unsere Bergkristalle zusammensetzt) mehr als 4000 verschiedene „Kunstformen" aufbauen, die zierlichsten Kreuze, Sterne, Kronen, Gitterkugeln, ein unendliches, liebliches Formenspiel, das unser Auge entzückt, da ein inneres Gesetz auch hier
stets zu einer streng symmetrischen, kristallartig schönen Gestaltung zwingt. Wie ein „Spiel" erscheint zunächst wirklich nur dieses Formenwerfen des Lebens. Bleiben alle Formen in sich mathematisch scharf geregelt, so scheint doch in der unerschöpflichen, kaleidoskopischen Fülle mathematischer Symmetriemöglichkeiten die Zahl dieser Spielformen keine Grenze zu kennen. Aber alsbald, indem dieses Leben sich so uferlos mehrte, ganze Ozeane als „Wasserblüte" zu durchsetzen, zu
erfüllen begann, zeigte sich doch in diesem „Spiel" wie eine Schranke, so auch ein gewalti ger praktischer Lebenssinn.
Vielfach verschieden waren in diesem Erdenozean schon in Urweltstagen die Anfor^ derungen an das Leben, das sich er halten, das ewig neu seine kleinen Zellflämmchen re^ gulieren und neu anzünden sollte. In der Bucht an: Ufer (und die vulkani schen Bewegungen sorgten, daß sogleich Inseln, erkaltete ^a vamassen und Ufer das Meer unterbrachen) waren diese Anforderungen anders als auf der hohen See, am flachenMeeresboden anders als an der wogenden Oberfläche. Indem das Leben aber alle diese Gebiete, sich unendlich mehrend, wirklich wasserblü- tenhaft zu erfüllen begann, geriet es in diese Kontraste, diesen Wechsel auch hinein. Hier paßte von seinen Formen dauernd die eine besser, dort die andere. Einer Zelle, die sich am Boden festsetzte, war etwa die Form eines kleinen Bechers, einer wirklichen Blüte günstiger, bequemer zur Erhaltung; umgekehrt einer freischwimmenden diente von den beliebigen mathematischen Gestaltungsmöglichkeiten die der Kugel oder des Schiffleins besser. Jenes Gesetz trat in Kraft, das Darwin die „natürliche Auslese" genannt hat. Es ist eigentlich ein großes logisches Weltgesetz. Von vielen Mög lichkeiten erhält sich dauernd stets nur gerade die, die am meisten harmonisch sich anschmiegt, an: besten friedlich zum Gegebenen paßt. Die Zellflämmchen brannten hier am bequemsten so, dort so in die Höhe, hier als Becher oder Stern, dort als Kugel oder Kahn. Und da eines stets sich wieder am anderen fortzeugend anzündete, so wurde diese einmal bevorzugte Form als nächste gleich immer weitergegeben, und es entstand kein Bedürfnis für die Nachkommen, aus ihrer tiefen Kraft noch andere Formen kaleidoskopartig herauszubringen, solange die Außenanforderungen, denen grade diese Form entsprach,
Archäopteryx.