Heft 
(1906) 18
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sich nicht änderten. Schlummernd scheint freilich die alte Proteusgabe immer mehr oder minder stark doch in: Innersten zurückgeblieben zu sein, so daß bei einer gelegentlichen nach­träglichen Änderung der äußeren Bedingungen doch mohl wie­der neu probiert werden konnte undNeuanpassungen" statt­haben konnten; wenn die Erdkräfte die Dinge umgestalteten, daß Uferzonen zur Hochsee wurden oder umgekehrt dann mochte wohl, wenn es nur recht langsam ging, die Becherzelle sich in einer Anzahl Generationen allmählich doch zur freien Kugelzelle umgestalten und umgekehrt, denn als Urgabe hatte ja jede einmal das ganze Kaleidoskop der Möglichkeiten be­sessen und mochte es schwankend abermals jetzt wieder spielen lassen, bis von neuem die bequemste, die harmonischste Form sich ergab wie ein Mensch Jahrzehnte automatisch den gleichen Weg geht, bis plötzlich im Augenblick, da dieser Weg ein fatales Hemmnis zeigt, auch bei ihm das Neuexperimen­tieren einsetzt, dessen Ergebnis ein neuer Weg sein kann, der nun abermals auf lange Zeit genügt.

In der Wasserblüte des Urmeers geschah aber noch ein weiterer großer Schritt. Wie in den schwebenden Gaswolken des Alls sich allmählich feste Punkte stärkerer Anhäufung ge­bildet, wie endlich zusammenhaltende Systeme wie das viel­köpfig wunderbare Gebilde unseres Planetensystems sich heraus­gesondert, so schlossen sich in den: Gewimmel einzelner Zellen Genossenschaften zueinander. Kleine schwimmende Zellkugeln ver­einigten sich in Vielzahl zu größeren Kugeln. Die Schutzgenossen­schaft bot gemeinsamen Vorteil. Arbeitsteilung unter den Mitglie- ^ dern erschloß neue Leistungsquellen. Es war ein neuer Triumph des Harmonieprinzips: Leben, das sich nicht bloß an äußere Verhält­nisse anpaßte, sondern das sich harmonisch an Leben schloß. Und die Kraft, zahllose mathematisch scharfe Formen zu erzeugen, übertrug sich alsbald auch auf diese Sozialgebilde. Auch die Kolonie nahm wieder die Kugelform, die Becherform, die Sternform, irgend eine von den vielen, an, und auch sie ließ sich von den äußerlich verschiedenen Daseinsbedingungen be­stimmen, welche Form sie hier oder dort dauernd bevorzugen sollte. So entstand abermals auf schon weiterer Stufe ein unendlich wechselvolles Bild des Lebens, auch diese großen Lebensflammen, von denen jede jetzt schon eine ganze Girlande aus kleinen Zellflämmchen war, brannten in tausend und tausend dauerhaft verschiedenen Größen, Farben und Gestalten auf der weiten Erde auf.

Aus diesem Wege sind, zunächst immer noch im Wasser, die ersten großen Pflanzenkörper entstanden. Wir ahnen ihre älteste Form noch, wenn von den Klippen der Südsee die un­geheuren grünen Bänder der NaeroeMjZ pMkbra, des Riesen tangs, sich länger, als die Kölner Domtürme hoch sind, durch das bewegte Wasser dahinschlängeln gleich enormen grünen Seeschlangen des Pflanzenreichs.

Früh aber und wohl noch ehe es dazu kan:, fiel vom Pflanzenbaum wie eine sich lösende Blüte oder Frucht, die ein selbständiges Leben beginnt, die größte zweite Erfindung des Lebens: das Tier.

Wie heute noch im Tierreich selber die Qualle sich von: Polypen auf einer gewissen Höhe des Daseins ablöst, um selbsttätig als gesondertes Wesen ins blaue Meer hinaus­zusteuern, wie bei den Pflanzen die merkwürdige Wasserpflanze Vallisneria ihre männlichen Blüten von sich losläßt und frei aus einer Luftblase zur Oberfläche des Wassers steigen läßt, so muß das Tier sich ursprünglich einmal aus der Pflanze erst entwickelt und erst nachträglich von ihr abgelöst haben. Bis heute muß die Pflanze für das Tier arbeiten, muß mineralische Stoffe und Kohlensäure ihn: so zurechtkochen, daß es sich selber davon mit ernähren kann. Einmal entlastet dann von dieser Arbeit, die der Pflanze mehr und mehr gerade in ihren höheren Gebilden doch eine Tendenz zum Haften am nähren­den Mineralboden selbst gab, konnte dieses Tier sich um so unbehinderter der freien Bewegung hingeben. Alle Formen der kaleidoskopischen Bildungskraft konnte es zur Neige aus­leben, die auf das freie Kriechen, Springen, Schwimmen

zielten. Mit klammernden Haftorganen klomm es an den schwankenden Pflanzenstengeln im Wasser empor, um sich dann von der höchsten Spitze frei in den Ozean hineinzuwerfen als verwegener Schwimmer. Der Wurm, der Seestern kriechen so wimmelnd dahin und hinauf. Noch heute sehen wir auf uralten Steinplatten des kambrischen Schlammes ihre Kriech­spuren deutlich abgeprägt. Der Trilobitenkrebs regte schon hundert Gelenke zugleich", um sich pfeilschnell im offenen Wasser wie ein sicheres Schifflein dahinzusteuern. Der höchste Triumph dieses Schwimmens aber war der Fisch, das erste Wirbeltier. Statt eines schwerfälligen äußeren Panzergehäuses wurde bei ihn: allmählich ein innerer Knochengrat längelang durch den Körper gelegt, der den ganzen Leibesbau innerlich trug und vereinheitlichte. An diesem inneren Stamm zog sich ein größerer oberer Nervenstrang entlang, das Rückenmark, das alle Bewegungen des Schiffleins prächtig als General­steuer dirigierte. Der eigentliche Sitz des Steuermannes aber kan: vorn ins Gehirn, wo er durch die Augen hinausschaute wie durch Glasfenster.

Doch als die ersten Fische (Haie und Störe) gleich Vögeln der Wassertiefe frei schwebend um die grünen Säulen der Riesentange, Zu denen sich die alte Wasserblüte verdichtet, gaukelten, da war der Pflanze schon ein anderer Schritt wahr­scheinlich wieder gelungen. Wo der ferne Mond durch seine An Ziehung in Ebbe und Flut die rohe Bulkanklippe abwechselnd unter Wasser tief begrub oder als nackten Schlammgrund ent blößte, da eroberte langsam tastend die Pflanze ein neues Gebiet: das Land. Unvergleichlich viel leichter als heute war ihr das gemacht. Noch war ja die Luft zwischen den Wolken und Erdwassern schwer von Wassergehalt, ein ewiger Nebel lag auf diesen Klippen, und auch wenn die Ebbe sie entblößte, peitschten ungeheure Wolkenbrüche ihr Gestein. Dieses Gestein aber, die noch jungfräulich unzersetzte Bulkanmasse, bot un verweichliche neue Nährquellen. Wie heute die Lacrimü- Christi-Rebe üppig aus den Aschenfeldern des Vesuv grünt, so bohrte das austauchende Seegewächs dieser Urtage seine Nährwurzeln in die Klippe, indem es zugleich seine licht hungrigen Blätter gegen den weißen Dunsthimmel entfaltete.

Und von den eroberter: Klippen des Ufers kam jetzt die Wasserblüte" in einer neuen Form tief ins Land hinein.

Bon diesen hohen grünen Zellbäumen löste sich jedesmal zu ihrer Liebeszeit noch einmal eine Wolke wehenden Lebens staubes, ungezählte Einzelzellen, von denen jede oder je zwei eine neue ganze Kolonie, einen neuen Baun: zu gründen be­fähigt waren. Wenn der Bärlapp heute sein gelbes Mehl verpulvert, wenn auf einer höheren Stufe die Kiefern und die Haselkätzchen weithin stäuben, so vollzieht sich noch heute vor uns dieser uralte Prozeß. Die Wasserblüte wird gleichsam noch einmal für die Liebeszeit auch von den entwickelteren Pflanzen wiederhergestellt. Solche goldenen Wolken trieb der Seewind aber jetzt landeinwärts, überall die Flüche ein­pulvernd mit diesen: lebenskräftigen Staube. Auf die Ufer, die Ebene, die Hügel fiel es als eine neueLandblüte" jetzt. Und aus jedem Goldstäubchen wuchs diesmal, wenn die Um­stünde es nur irgend erlaubten, eine ganze große vielzellige Pflanze, ein Bürlappgewächs oder ein Schachtelhalm oder ein Farnkraut auf.

Zu gewaltigen Bäumen wuchsen gerade diese Formenarten in der üppigen Nährkraft des unverbrauchten Bodens auf: Schachtelhalme ragten wie Türme zum Himmel, der Bärlapp schuf hohe gegabelte Waldbäume, die Farne strebten auf dunklen Stämmen empor oder zogen sich als unendliche Lianenstränge von Zweig zu Zweig. An: wohlsten war es diesen alten Wasserkindern doch zunächst noch in: Sumpfland. Mit ihren Wurzeln verankerten sie sich möglichst breit und flach in: Moor, und ihr Blätterwerk arbeiteten'sie so aus, daß es so viel Himmelsregen ertrug, wie in solcher nebeligen Sumpfniederung unvermeidlich war.

In diesem Farn- und Bürlappmoor aber erschien eines Tages jetzt auch die andere Seite des Lebens. Es Erschien