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die Heuwagen, die von den Wiesen bei Fischerhude Hereinsuhren. Auf dem Damm stand eine Kuh, mit feierlicher Behäbigkeit das harte Gras zermalmend, und auf ihrem Rücken lag lang ausgestreckt Gerd, hielt ein Buch in der Hand und murmelte griechische Vokabeln. Als er das Schiff sah, sprang er von seinem Sitz. Die Grammatik flog im Bogen durch die Luft irgendwo ins Gras. Er rannte zum Ufer.
„Herr Holm! Herr Lorensen! Nehmen Sie mich mit! Nur ein Stückchen. Bitte, bitte!"
Brün drängte das Boot sogleich gegen die Böschung.
„Dann spazieren Sie man herein, Herr Gerd."
Und beide Männer lächelten dem Jungen zu. Beide machte sein Anblick froh, weil er sie an eine andere erinnerte. Gerd in seinem jungenhaften Selbstbewußtsein nahm ihre Freundlichkeit für eigenes Verdienst. Mit der sicheren Zutraulichkeit, die ihm die Herzen gewann, kauerte er sich neben Janfredrik auf das Segel, das die Torfe bedeckte.
„Das gefällt Sie woll gans gut bei uns?" erkundigte sich Brün.
„Und ob! Wissen Sie, bei Ihnen ist's noch, wie man sich's als Jung' träumt auf den Prärien, in den Blockhäusern, bei den Indianern. Das heißt, es ist eigentlich ganz anders, noch viel schöner. Ich Hab' gar nicht gewußt, daß es so was bei uns in Deutschland gibt."
Er erzählte, wie er schon eine Eule geschossen habe und beinahe ein Birkhuhn, und daß Wilm Ehlers ihm zeigen wolle, wie man die Aale im Kanal fange.
Die beiden wollten anderes hören.
„Gefällt's denn dein Swester auch so gut hier?" fragte Brün, und Janfredrik freute sich über die Findigkeit seines Bruders.
Gerd zuckte geringschätzig die Achseln. „Och, Mädels verstehn nix von der Schönheit hier."
Er zog Bleistift und Heft aus der Tasche. „Bitte, Herr Holm, halten Sie mal still."
„Wie meinst denn das?" fragte Brün. „Nix verstehn?"
Gerd strichelte eifrig. „Ei, die Betten waren ihr nicht recht, und der Torfrauch und die Wege und die Grütze — und eigentlich alles. Und das Wunderschöne hier, das sieht sie gar nicht. — Was für'n apartes Gesicht Sie haben, Herr Holm."
„Jk meen," sprach Janfredrik schwer, die Lippen waren ihm trocken, „nu hett se sik abers ingewähnt (eingewöhnt)."
„Was wird sie nicht," meinte Gerd leichtsinnig. „Die schafft sich schon überall ihr Pläsier. — Aber Sie müssen still halten, Herr Holm."
„Woso? Woso? — Wo kann een sik Pläsier maken, wenn dr keen Pläsier is?"
Gerd hörte nicht. Er reichte Janfredrik das Blatt.
„Da, Herr Holm. Das sind Sie."
Mit einem halb verschämten Schmunzeln betrachtete der's. Ja, das war wirklich er. Wenige Striche nur, und doch nichts vergessen. Das scharfe Profil, der steile Zug von der Nase zu den Mundwinkeln, der runde, kurze Schifferbart ums Kinn, die Tonpfeife, und der Ausdruck steifnackigen Eigensinns, rechtwinklicher Ehrenhaftigkeit.
„Büst en Tausendsassa," sagte er und gab das Blatt zurück.
„Sie Hab' ich auch schon gezeichnet," sagte Gerd zu Brün. „Wollen Sie sehen?"
Er blätterte in dem Buch und wies auf eine Seite.
Brün betrachtete das Bild und schüttelte den Kopf. „Warum hast nur denn mit ein Sonnenblume abgezeichnet?" fragte er. „Ich weiß doch gar nich, daß ich je ein in der Hand gehalten Hab'."
„Eigentlich soll's die Sonne selbst vorstellen," antwortete Gerd. „Die gehört zu Ihnen."
Janfredrik guckte auch das Bild an. Er war nicht zufrieden. Trotz aller Ähnlichkeit war etwas Fremdartiges in dieser Darstellung, etwas Stilisiertes, Symbolischestem Übertreiben der jugendlichen Schönheit, ein Leuchten der Züge von
innen heraus, wie bei alten Heiligenbildern. Irgendwie stimmte es ihn traurig. „Brün sieht veel beter ut," sagte er. „Gor nich so wittsnäblig."
„Wenn ich Herrn Lorensen malen könnte, würd's Ihnen schon gefallen," antwortete Gerd. „Ich seh's ganz klar vor mir, wie das Bild sein müßte. Aber ich weiß nicht, ob ich's schon herausbringe."
Brün blätterte in dem Buch.
„Hast kein Bild von dein Swester?"
Gerd hatte keins. „Sie zerreißt sie mir immer und wird böse, weil sie sich nicht schön genug darauf findet. Und Mutter schilt dann und sagt, ich könnt' sie nicht treffen. Bei Mädeln is das wirklich furchtbar schwer, das heißt, bel euren Mädchen hier nicht. Aber bei uns in der Stadt haben alle Mädchen zwanzig Gesichter und keins. Und meine Schwester hat hundert. Das ist wirklich so."
„Ich mein, das wär nu Zeit, daß Sie an Land gingen, Herr Gerd," mahnte Brün. „Sie kommen sonst zu fix ab von zu Haus. Ich möcht' nu dem Segel setzen."
Das Dorf mit seinen Eichen und Tannenkampen lag hinter ihnen. Der Wind strich über das flache Land.
„Schönen Dank denn. Und gute Fahrt." Der Knabe schwang sich auf das Ufer. Die Mütze schwenkend, schaute er mit einem Jauchzer dem Torfkahn nach.
Der zog, von Wind und Flut getragen, eilig hin, aus dem Kanal mit seinen goldenen Birkenfransen und den
Kolonien, die in weiten Zwischenräumen wie vereinzelte Perlen an einer langen Schnur ihn schmückten, hinaus in die Hamme, in die Einsamkeit des wilden Moors. Da steht kein Haus. Da grünt kein Baum, kein Feld. Kein Pfad weist zu menschlichen Wohnungen. Fern verschwimmend der Umriß des Weyer- berges, auf der anderen Seite — ein dunkler Strich am Himmel — der Buchenhain von Osterholz. Dazwischen braunes Heidekraut und kurzes, bitteres Gras, und der Himmel darüber, so weit das Auge sieht.
Das Reich der Vögel ist hier, der einsamen, die der Menschen Nähe scheuen. Wildgänse, Wildenten, Kiebitze in unzähligen Scharen, Regenpfeifer, Möwen, haben ihre Brutplätze in den Uferhöhlen, im hohen Kraut. Wildschwäne, Reiher und Störche rasten dort auf ihrem Flug. Hoch am Himmel schweben Bussard und Weihe, und der Seeadler zieht dort seine Kreise. Hie und da, in meilenweiten Abständen erhebt sich eine rohe Bretterbude am Ufer, im Winter mit vernagelten Tür- und Fensteröffnungen. Im Sommer und Herbst treibt irgend ein bescheidener Wirt dort sein Gewerbe, hält den stadtwärts fahrenden Torfschiffern Schnaps, Bier, Tabak, Holzpantinen und grobe Hemden feil oder wartet mit einem Nachen auf Fahrgäste zum Übersetzen.
Die Sonne stieg zur Mittagshöhe. Die beiden verzehrten schweigsam ihr Mahl, während wie ein Riesengespenst das unförmliche, schwarze Segel Zwischen den Wiesen der Niederung hinglitt. Deutlicher trat der hohe Laubwald von Osterholz aus dem Dunst. Rote Dächer leuchteten auf, zierliche weiße Villen.
Jetzt ein Bukett von drei alten Weiden und einer jungen Eller. Dazwischen lag Krischan Potts Fährhütte, die vor
nehmste am Fluß.
Wo die Einmündung zweier Kanäle eine kleine Bucht bildete, stand sie auf hohen Holzpfählen wie auf Stelzen im moorigen Wiesengrund, dem Wasser zugekehrt die Trinkstube, dahinter der Laden mit seinem bunten Allerlei, noch weiter zurück die Wohnräume für die Familie und das Vieh. Ein Halbinselchen streckte sich wie ein winziges Kap zwischen den plumpen Pflöcken vor, die in den Fluß gerammt, zum
Anketten der Boote dienten. Es trug eine Bank und einen
Tisch neben einem Fliederbusch, und Stechmücken summten noch an diesem Herbsttage drum.
Krischan Pott stand am Ufer in einer Art Schifferjacke, breitspurig, silberne Ohrringe in den Ohren. Er kannte sämtliche Torfbauern, die hier vorbeipassierten, samt ihren