Heft 
(1906) 26
Seite
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Karpfen auf den Rücken springt und diesen Gehirn und Augen ausfrißt, gibt vielleicht das beste Bergleichsbild für einen auch nur schakalgroßen Urraubsäuger, der einem Brontosaurus in den Nacken sprang.

War es der beginnende Sieg selber, der jäh erweiterte Lebensraum, die außerordentliche Nahrungszufuhr: jedenfalls begann um diese Wende das große Kaleidoskop unendlichen Formenwerfens gerade bei dem Säugetier, das doch als Typus so lange schon da war, endlich mit überwältigender Macht ein­zusehen. Ob noch geheimnisvolle Ursachen anderer Art solche Dinge bestimmen? Der ausgezeichnete Botaniker de Bries hat in neuerer Zeit an dem Exempel einer heute bei uns lebenden, allbekannten Pflanze, der Nachtkerze, zu zeigen versucht, daß bei irgend einem Wechsel der Bedingungen, der plötzliche ver­stärkte Nahrungszufuhr und neue Ausbreitungsmöglichkeiten verleiht, die Tier- und Pflanzenarten eine jäh verstärkte Neigung zu kaleidoskopisch buntem Variieren zeigten, und zwar in Gestalt gleich ganz fortpflanzungsfähiger fester Varianten - Mutationen", wie er das nennt. Hatte eine solche allgemeine Mutationsperiode damals alle Säuger ergriffen, und gab sie zu einer vielseitigsten Anpassung durch Auslese plötzlich Stoff in Hülle und Fülle? Genug: die Säugetiere gehen vor oder mit Beginn der Tertiärzeit zu einem Formenreichtum ausein­ander wie die einfachen Stäbchen eines chinesischen Teespiels in der warmen Tasse, die sich in kurzem hier zu Fahnen, dort zu Kreuzen, dort zu Blumenzweigen entfalten.

Alles was die Saurier geleistet, leisten sie noch einmal vom höheren Boden. Fledermäuse und Flugnagetiere durch­flattern die Luft, Seesäugetiere durchschwimmen Flüsse und Ozeane, paarhufige Huftiere erobern pflanzenfressend den Wald­boden, unpaarhufige die Steppe, Kletterer halten sich im Geäst, Gräber wühlen sich als Beutelmoll und Maulwurf tief in die Scholle. Die alte Winzigkeit der Beutelmäuschen weicht großen, zuletzt kolossalen Maßen. Der Walfisch geht über die kolossalsten Ichthyosaurier an Gewicht und Länge hinaus. Das Megatherium, die Elefanten, zu denen das tertiäre Dinotherium mit seinen abwärts gebogenen Stoßzähnen ge­hört, vermeiden zwar die unsinnigen Maße des Brontosaurus, machen sich aber doch unter ihresgleichen fast so raubtierfest durch Größe wie dieser. Bei all diesem erfolgreichen Sturm auf alle extremsten Anpassungsmöglichkeiten bleibt aber doch deutlich ein ursprünglich gemeinsamer Ausgangspunkt, wie das Stäbchen in jenem Teespiel.

Ein gewisses Grundschema des erstlich gegebenen Säuge­tiers liegt überall zugrunde: ein Tier mit fünf Fingern und fünf Zehen, mit einem gegenüberstellbaren Daumen, mit einem lückenlos vollständigen Gebiß von bestimmter Formel, mit nicht stark verschieden langen Gliedmaßen und anderem mehr. Noch im Anfang der Eozänzeit sieht man an den Skeletten deutlich, wie alles diesem Urbild noch nahe ist, obwohl die Trennungen, die später so extrem werden, deutlich schon begonnen haben. Der Paar- und Unpaarhufer, das Raubtier, das Nagetier, ja selbst der Affe sind zwar schon da, aber ihre Vertreter gleichen sich alle noch so sehr, daß man sie in einer einzigen Säugetierordnung vereinigen möchte. Unser Pferd, das heute nur noch eine Fußzehe im Gebrauch hat, hatte damals sein Stammbaum läßt sich besonders gut zurück­verfolgen direkte Vorfahren, die noch an allen vier Füßen die fünf Zehen (resp. Finger) besaßen, wie wir Menschen sie heute noch haben. Der Mensch ist in diesem Punkt bis heute altertümlicher" geblieben, treuer dem Ausgangsschema der Säugetiere. Er hat auch heute noch keine Lücken in seinem Gebiß, wie so viele spätere Säuger, er hat auch da keines der Anpassungsextreme mitgemacht, die bei dem Nager einseitig die Schneidezähne, bei dem Raubtier die Eckzähne, bei den Wieder­käuern die Backenzähne begünstigen auf Kosten der anderen.

Dieseskonservative" Moment gerade im Menschen ist aber an sich sehr bedeutsam. Es weist darauf hin, daß seine engere Entwicklungslinie in all diesen Punkten früh und dem Urschema nahe schon zum Stillstand kam. Die ganze Kraft

sparte sich in ihm für eine andere Seite auf: die innere Ge­hirnentwicklung. Was noch heute am Skelett des Menschen am meisten individuell und als ein gewisses Extrem doch auch bei ihm auffällt, ist nur die Schädelumbildung zugunsten dieser Gehirnentwicklung: der große Hirnraum und die Rückbildung der Gesichtsteile, vor allem der Nase. Hier mußte der Knochenbau weit vom Urschema fort, eben doch auch im Sinne einer inneren Anpassung an ein eigenes Organwachstum. Wir besitzen aber höchst intereffanterweise neuerdings bereits aus der Eozänzeit selber die versteinerten Schädel kleiner Säuge­tiere, die man systematisch an ein lebendes kleines Halbäffchen, den Koboldmaki, anzuschließen versucht hat und diese Köpfchen zeigen bereits in so früher Zeit die völlig menschen­ähnliche Schädelbildung mit ihrer extremen Gesichtsverkürzung bei einer schon hier ganz ungewöhnlich großen Gehirnhöhle. Sein Entdecker hat eines dieser rätselhaften Wesen, dessen Schädel in Nordamerika gefunden worden ist, bedeutsam mit dem Beinamenliomuneulus" begabt. Was uns diese Pygmäen ganz sicher lehren, ist: daß also auch die bezeichnende Skelettumwandlung des Menschen gegenüber dem Urschema bereits in so außerordentlich früher Zeit diese Pygmäen lebten zweifellos im Laube des echten Tertiärparadieses vollzogen sein konnte. Nichts steht entgegen, sich zu denken, daß der Leib des Menschen in allem wesentlichen schon fertig war in dieser Eozänzeit, also imParadiese" selbst. Selbst für sein Gehirn war schon Raum. Nach dieser körperlichen Seite hätte er also jetzt mindestens zwei bis drei Millionen Jahre still im 8tatv8 Huo verharrt. In diesen Millionen legte zu einer gewissen Zeit dann sein Gehirn ihm das Werkzeug, das große neue Organ derVergeistigung", in die Hand, in die alte Säugetierhand mit dem treu bewahrten gegenüber­stellbaren Daumen. Mit diesem Werkzeug aber sollte er jetzt eines Tages alle übrigen Anpassungen des Säugerreichs, denen die Tiere dort ihren Körperbau bald so einseitig aus- geliefert, spielend nachholen und überbieten: mit dem Messer den Zahn des Löwen, mit dem Ruder die Flosse des Delphins, mit dem Schild den Panzer des Gürteltiers; bis er noch an einem weiteren Schöpfungstage seiner Kultur Berge im Tunnel durchbohren und mit elektrischen Wellen sich be­wegen und unterhalten würde.

Die neueren Funde bearbeiteten Steinmaterials (Eolithen) bereits aus der Mitte der Tertiärzeit, also noch aus dem letzten Paradieswald, auf dessen Lichtungen die Pferdeahnen, die Hipparions, und in dessen Dickicht die Dinotherien lebten, lassen vermuten, daß der erste Schritt zur Werkzeugtechnik bereits getan war um den Ablauf etwa der ersten Million. Immerhin läge Pause des Abwartens, des Präludierens genug dazwischen. Gerade so aber wird die hoch bedeutsame Ähn­lichkeit um so aufdringlicher zwischen dem Werdegang des Menschen als der endgültigen Überbietung des Säugetiers und dem des Säugetiers selber damals in seinen Anfängen, in der Sekundärzeit, gegenüber dem Reptil.

Wie die ersten Säugetiere ganz tief unten und früh schon an der Wurzel des Reptilstammes einsetzen; wie sie die ganze ungeheure Entfaltung des extrem sich ergehenden Formentriebes der Saurier sich erst, bildlich gesprochen, austoben lassen und in so viel Millionen Jahren nichts tun, als den alten, in vielem zäh bewahrten Urtypus innerlich um eine Stufe ver­feinern, bis endlich die Stundeerfüllet" ist zum Durchbruch in eine eigene unendliche kaleidoskopische Formgebung von diesem verfeinerten Boden aus, während gleichzeitig die ganze übrige Saurierwelt irgendwie zusammenbricht- genau so baut sich in dem Menschen ganz von unten und eine lange Zeit scheinbar völlig latent der neue Typusfortschritt gegenüber dem Säugetier selbst herauf. Und auch hier scheint erst der ganze Formensturm der Säuger vorüberrauschen zu müssen.

Es ist märchenhaft und mit keinem noch so kühnen Paradiesbilde zu erschöpfen, welche Säugetiermassen in Wirk­lichkeit diese ältere Tertiärzeit entfesselt hat. Unsere natur­geschichtliche Tradition hat nur noch einige ganz kümmerliche