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kämme") zu besitzen. Auch jene Kämme aus Kirchenschützen, die angeblich berühmten Fürstlichkeiten usw. gehört haben sollen, haben meist nie etwas mit diesen zu tun gehabt. So ist der bekannte Bartkamm Heinrichs I. (Abb. 9) wohl auch ein solcher bischöflicher Konsekrationskamm.
An doppelreihigen Kämmen trägt natürlich die Mittelplatte das Relief. Die biblischen Szenen, die jetzt gewählt werden, haben nun mitunter eine leichte Beziehung zum Kamm als Gerät. So werden Simsons- szenen gewählt, wegen der wichtigen Rolle, die das Haar in Simsons Geschichte spielt, später biblische Bade (Frisier-) szenen, Batseba,
Susanna u. dgl. Häufiger werden die reicheren figürlichen Vorwürfe erst in spät- romanischer Zeit, vorher sind überhaupt pflanzliche Motive, geometrische und Tierornamente die Regel.
Die weltlichen Motive auf mittelalterlichen Kämmen sind von der vielfältigsten Art. Während der frühmittelalterlichen Periode hatten Konstantinopeler Fabrikate überall Eingang gefunden und Schule gemacht, und byzantinische Strenge des Vorwurfs beherrschte die Produktion. Jetzt aber — wir sind etwa in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts — setzt sich weltlich fröhlicher Geist überall wieder durch. Kämme mit ernsten religiösen Darstellungen (Kreuzigung usw.) verschwinden zwar nie völlig, sonst aber wirken auch die dargestellten biblischen Szenen (z. B. eben jene besonders beliebte Batsebageschichte) entschieden nicht gerade weltabgekehrt. Dazu kommen „die zahllosen, rein erotischen Darstellungen, mit denen besonders in Nordfrankreich die Innung der und ,6Mjnäur6^ den Markt über
schwemmte" und den Geschmack verschlechterte. Zwischen den vielen innerlich und äußerlich groben handwerksmäßigen Arbeiten sind aber immerhin genügend interessante, ja graziös reizvolle Motive. So zeigt ein Kamm des South-Kensing- ton-Museums (etwa 1350) auf der einen Seite den zierlichen Tanz junger Mädchen und Jünglinge, auf der anderen vier anmutige Liebesszenen: Austausch von Geschenken, Bekränzung usw.
Andere Kämme bringen Jagdszenen, Parisurteile und andere mythologische Motive ähnlicher Art, Illustrationen zu vielgelesenen Ritterromanen usw. Auch Erinnerungen persönlichster Art werden mitunter auf dem Kamm verewigt.
Das Interesse an der Darstellung überwog jedenfalls sichtlich bei den erwähnten Kämmen jeves an der Nutzbarkeit des kleinen Utensils: bis gegen das sechzehnte Jahrhundert wird der Mittelfries, der oft in drei Streifen zerfällt, immer breiter und die Zähne dadurch -— natürlich — immer kürzer. Erst seitdem wird der einheitliche Fries wieder die Regel, und auch
die verkümmerten Zähne kommen wieder zu ihrem Recht. Immerhin gibt es trotz des überwiegenden Interesses für jene erzählenden Darstellungen auch Beispiele anderer Dekorationsweisen. Kämme aus Goldbronze mit Korallen verziert, Holzkämme mit Stiftmosaik oder mit Durchbruch und Perlmutter kommen vor. Der ganz einfache derbe Durchschnittskamm blieb wohl zu allen Zeiten ziemlich gleich.
Für den eleganten Kamm bedeutete das sechzehnte Jahrhundert wieder einen Höhepunkt. Alle anderen Kämme blieben an Beliebtheit weit hinter denen zurück, die französische Künstler- oder Handwerkerhand jetzt mit jenem zierlichen Durchbruch, jenen tändelnden oder herzlichen Inschriften, jenem vielfältigen kleinen Apparat vonSchiebernund darunter verborgenen Spiegelchen versah, der uns noch heute so wunderlich anzieht (Abb. 10). Das sind die Kämme, die man heimlich der Liebsten oder öffentlich der Braut schickte, die Liebes- und Ehekämme, wie sie schon Jahrhunderte früher vereinzelt Vorkommen.
Die Inschriften dieser Kämme sind natürlich eng mit jenen verwandt, die andere Liebesgeschenke — Ringe, Uhren, Medaillons usw. — auch tragen. „Ich liebe Dich!" — „Ich will Dir dienen!" — „Denk' an mich!" — „Hab' Mitleid mit mir!" — die Grundnoten also des ururalten, eintönigen und immer neu gesungenen Liedes junger Lippen.
Mitunter weist die Inschrift auch auf den Akt des Schenkens hin — wie das in früheren Jahrhunderten auf Kämmen sehr beliebte Relief von der Darbringung der Heiligen drei Könige ja wohl den gleichen Zweck zu erfüllen hatte. Auch moralisch
wird die Inschrift bisweilen. So bringen die zwei Spiegelchen eines Kammes (Abb. 11), wohl um ihre Wirkung auf die Eitelkeit der hübschen Empfängerin abzuschwächen, auf der Rückseite die trübe Warnung: „?6nee8 (f. peiwoch ä 1a tin" — Denk an das Ende! Es ist derselbe Hinweis auf die Vergänglichkeit aller Körperschönheit, wie auf jenen alten Bildern, wo den: jungen Weibe, das in den Spiegel sieht, das häßliche Gesicht einer Greisin oder ein Totenschädel daraus entgegenblickt.
Oft gibt es Zwischen der ä jour-Schnitzerei auf Holzblättchen kleine sentimentale Darstellungen im Zeitgeschmack:
pfeildurchbohrte Herzen, verschlungene Herzen usw. Mitunter
ist der Durchbruch mit Seide unterlegt — brüchiger, zart verblaßter Seide, die den antiquarischen Reiz noch durch einen persönlichen zu erhöhen scheint.
Die eigentlichen peiZnas de mariaM zeigen oft die beiden Wappen der nun verbundenen Familien. Die bourbonischen Lilien, der Löwe usw. sind nicht selten. — Bei deutschen Kämmen der gleichen Zeit und wohl ähnlichen Zwecks gibt es
Abb. 10. Lolzkamrn aus dem 15. Jahrhundert.
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Abb. 11. Lolzkamm aus dem 16. Jahrhundert.
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