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häufiger im Mittelfries Porträtmedaillons, von Amoretten gestützt und von durchbrochenem Ranken- und Arabeskenwerk zierlich um kraust. Zwei schöne Ehekämme bringt auch unsere
Abbildung 12. Hier sind je zwei Kämme mit beweglichen Scharnieren an- und ineinander befestigt, zwei und doch eins, eins und doch zwei — sicherlich die gleiche spielerisch anmutige und doch ernste Symbolik des Ehegedankens wie bei den gleichzeitig beliebten ineinandergehängten Doppeltrauringen.
Hatte das sechzehnte Jahrhundert, wie man sieht, mehr auf kunstvolle oder auch gekünstelte Ausstattung des Kammes Wert gelegt, so begann man im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges wieder den Materialwert an sich höher zu stellen. Schildkrot — besonders in den ganz Hellen Farben — eingelegt mit Gold oder Silber — überflügelt jetzt weit die herkömmlichen Materialien, die sich doch bisher säst seit dem Altertum gleich geblieben waren.
Entzückende Beispiele für den Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts bewahrt das Schtschonkine Museum in Moskau.
Neben den Herzen, Porträten, Kronen usw. (Abbildungen 13 und 14) werden nun wieder figürliche Darstellungen gegeben, putzige Allegorien, ganze kleine Szenen — so graziös in ihrem durchbrochenen Relief, so spitzenartig kokett in ihrer Wirkung, wie eben nur das Rokoko die kleinen geliebten Überflüssigkeiten des Lebens auszuzieren wußte. Ist denn nicht auch das niedliche Idyll am häuslichen Teetisch auf dem einen unserer Kämme (Abbildung 15), nach den verschlungenen Initialen zu urteilen, ein Hochzeitsgeschenk oder eine Gabe des verliebten jungen Ehemannes, ein lebhafteres Plaidoyer für die „Freuden der Ehe" als selbst die sinnfälligste und pathetischste Symbolik der vorangegangenen Jahrhunderte?
Immer vorausgesetzt natürlich, daß man sich ein für allemal damit abgefunden hat, gerade den Kamm hier als geeigneten Symbolträger gelten zu lassen.
Wie er zu dieser Ehre überhaupt kam, wird sich ja heute wohl schwer mehr ergründen lassen. Jedenfalls gibt es auch sehr entlegene Beispiele für so eine Rolle in Ehezeremonial und Ehesymbolik. Bei den Kulis in Bengalen Z. B. erhält das Neuvermählte junge Paar vom Priester nach der Trauung zwei Kämme, einen zum Gebrauch, den anderen als Grabbeigabe für den im Tode Vorangehenden. Uralte Vorstellungen, die mit der Heilighaltung des Haares, mit der Symbolik der Haartracht überhaupt Zusammenhängen, mögen da vielleicht Hineinspielen.
Als eine Art Rechtssymbol wird ein Kamm in einer isländischen Sage erwähnt. Dort nahm der Held, „als er zu der Stelle gekommen war, bis zu der er das Land unter sich legen wollte, seinen Kamm vom Haupt, brach
ihn entzwei, warf die Stücke auf den Boden, legte eine halbe Mark Silbers zu jedem Stück, rief die Anwesenden zu Zeugen an und gab dem Bezirk einen Namen."
In Island ist auch der — nur in entfernterer Beziehung zum Kamm, aber in direkter zum Kämmen stehende — Aberglaube daheim, daß eine Frau, die sich im Bett kämmt, schwere Entbindungen haben oder ihren Mann verlieren müsse. Nach anderer Version wird sie bald bettlägerig vor Altersschwäche werden und kann das nur verhindern, wenn sie sofort die Vorbeugungsformel ausspricht: „Ich werfe die Altersschwäche von mir, aber nicht den Kamm." Man hat durch die Alliteration der Wörter kar^ laegur (Altersschwäche) und kör (Kamm) den Ursprung des Aberglaubens zu erklären gesucht —- aber ich glaube wahrhaftig, daß ihn vor allem die praktische Pädagogik eines vorzeitlichen Ehemannes erfunden hat, der seine bequeme Frau gern an frühes Aufstehen gewöhnen wollte!
Verhältnismäßig zahlreich sind die alteren Sprichwörter, die den Kamm bildlich verwenden. „Kamm wie Haar" — „Mancher greift erst zum Kamm, wenn er kein Haar mehr hat" — „Der hat nun den rechten Kamm für sein Haar" —
„Wenn der Kamm zu fein ist, so nimmt er das Haar" — sind so klare und richtig durchgeführte Bilder, daß nur zu bedauern ist, wenn sie dem lebenden Sprachschatz wie es scheint immer mehr entgleiten. Höchstens den Redewendungen, wie „Über einen groben Kamm scheren" oder „Alles über einen Kamm scheren" wird man auch jetzt noch häufiger begegnen.
Im deutschen Märchen spielt der Frisierkamm wohl nur als Giftkamm eine bedeutendere Rolle: wenn die alte Hexe sich heimtückisch freundlich erbietet, das Prinzeßchen zu kämmen, und dieses dann tot hinfällt. Wo er sonst vorkommt, geschieht es offenbar nur deshalb, weil das Bild einer schönen Frau, die den Kamm durch ihr gelöstes Haar führt, besonders reizvoll ist. Diese Vorstellung ging denn auch ins Lied über. „Sie kämmt es mit goldenem Kamme und singt ein Lied dabei ..." — wie oft und oft hat das der alte Loreleiselsen an sich vorübersingen lassen müssen! Anspruchsloser und wohl auch älter bringt ein Kinderreim das gleiche Bild:
„Mariechen saß aus einem Stein — einem Stein, einem Stein —
Mariechen saß auf einem Stein, einem Stein.
Und kämmte sich ihr blondes Haar — blondes — Haar —- blondes Haar —"
so summt fernher aus Jugendzeit und Kinderspiel die freundliche kleine Melodie zu mir herüber. Ich kann der Versuchung
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Abb. 12. Äolzkämme aus dem 16. Jahrhundert.
Abb. 13.
Abb. 15.
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Abb. 14.