Heft 
(1906) 27
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nicht widerstehen, in diesem Zusam­menhang auch den gefühlvollen Vers hier zu bringen, den ich einst aus echtemFrankfor­der Gassenbuwe"- mund hörte, der ihn auf eine un­beschreiblich ko­mische Weise zwi-

Ach Gottche' sagt 's Lottche

Siebe' Kinner un' kan' Mann!

Un' die Kinnerche' habe' Läuserche'

Un' 's Lottche kan' Kamm-

Zartfühlenden Seelen, die an dem offenherzigen Jammer dieser armen Witwe Anstoß nehmen, sei übrigens gesagt, daß die Bedeutung des Kammes als

Jagdinstrument in diesem Sinn in früheren Zeitläuften nicht nur die überwiegende, sondern die einzig in Betracht kommende war. Jeden­falls wurde er nach diesem lobens­werten Zweig seiner Tätigkeit be­nannt.Bürsten, scheren, spiegele, mzkemme" gehören nach dem Sachsenspiegel" zumGerade"

(Toilettegerät) der Frau und Mz- kamp (Niz ^ Nisse) wird überhaupt in aller Unbefangenheit für den feineren Haarkamm schlechthin ge­braucht." Auch die viel späteren altdeutschen Gedichte vom Hausrat (gereimte Aufzahlungen aller Dinge, die in eine junge Wirtschaft gehören) vergessen nicht diesen wichtigen Zweck des Kammes zu betonen:

Ich bringe dir ouch ....

Ein Bürste, eyn zwaghnb (Waschbutte) vn ou ch eyn streU (Kamm),

Do mit reyn dyn houbt vn der Lüse nit fel.."

usw. usw.

Eine ausführlichere Geschichte des Frisierkamms in der Gegenwart würde ein so ausgedehntes Kapitel für sich bedeuten, daß ich diesen gedrängten Rückblick nicht damit beschweren möchte. Neue Maschinen, neue Ma­terialien haben nicht nur die Massenfabrikation vereinfacht und ver­billigt, sondern auch schon dadurch indirekt des eleganten Kammes

Solidität und Zweck­schönheit Zum Teil er­höht. Die Form des Kammes ist, wie wir alle wissen, so einfach gewor­den wie kaum je vorher.

Für Schmuck im Sinn vergangener Jahrhun­derte ist gar kein rechter Platz mehr vorhanden Abb. 17.

wodurch der Kaum:

als Gebrauchsgegenstand nur gewinnen konnte. Am schönsten wirken unter den modernen Berzierungsweisen des Frisierkammes die einfachen Einfassungen oder Einlagen aus Edelmetallen, besonders aus Silber.

Kulturgeschichtlich interessant wäre auch eine Geschichte der Verbreitung des Frisierkammes bei den Naturvölkern und seiner Einführung in jenen Gegenden, wo er bis dahin unbekannt Nvar. Denn wenn der Kamm auch, wie wir gesehen haben, zu den frühesten Bedürfnissen des Men­schen gehört zu haben scheint so vermochte er andererseits auch einige durchaus nicht so entlegene Völker bis in sehr historische Zeiten herein nicht für sich zu gewinnen. So bringen noch die kulturgeschichtlichen Berichte von der Londoner Industrieausstellung 1851 die betrübende Kunde, daß der Kammim russischen Reich, vom weiten Meer bis zu den Aleuten, ein unbe­kanntes Instrument ist!" Inzwischen wurde er freilich von dein zivili­sierteren Rußland im Verein mit China fast über das ganze nörd­liche Asien verbreitet. Von dem Es­kimo, der den Kamm sorgfältig im Futteral von Baumrinde bei sich trägt, bis zu den Negritos auf Malakka, denen der Bambuskamm mit Zaubersprüchen bedeckt, als Amulett geehrt das ungefüge Haar bändigt, reicht sein Gebiet, und über diese beiden willkürlichen Grenzpunkte hinaus umfaßt er die Welt. Und wenn ja noch ein hartnäckiger kleiner oder großer Struw­welpeter sich dadurch nicht sonderlich beschämt fühlen sollte, so mag er sich von jenen erwähnten Berichten erzählen lassen, daß sogar die Wilden auf Neuseeland zwar leider noch immer gern Menschenfleisch essen, wenn sie solches bekommen können, aber seht wir Wilden sind doch bessere Menschen!" sich kämmen!

Abb. 16.

schen Lachen und Jammern hervorstöhnte:

Abb. 18. Äolzkamm aus dem 16. Jahrhundert.

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Georg Bangs Liebe.

(13. Fortsetzung.) Roman von Rarl Rosner.

eorg und Falk schritten über die Brücke und die Straße hinunter, an deren Ende sich düster und breit vorgelagert ein Stück Alt-Leipzig,Lehmanns Garten", als ein riesiger dunkeler Häuserkoloß aus der jetzt winterlichen Einsamkeit kleiner Hausgärten erhob. Hier, zwischen den durch hölzerne Zäune abgetrennten Gärten war es still. Wie ausgestorben und ihrem Verfall überlassen, lagen sie in: Schein der wenigen trübselig leuchtenden Laternen, die auf die verwitterten Reste des schmel­zenden Schnees und auf die kahlen Lauben, Beete und Ra­batten herniederblinzelten. Da blieb Falk wiederum stehen. Er war sichtlich ergriffen von der Bedeutung dieses Augenblickes, und wieder hatte seine Stimme jenen getragenen Klang:

Georg, was ich dir sage, nicht wahr, du fühlst das auch? Das ist eine Stunde, die unvergeßlich sein wird in unserer Freundschaft; ich meine, ich gebe dir da einen Beweis von Vertrauen . . . aber wir beide verstehen uns, nicht wahr?"

Georg sah wieder in die Augen seines Freundes. So dunkel war es an der Stelle, an der sie standen, daß er die Züge des Gesichts kaum unterschied. Er wollte etwas sagen, seine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Laut er nickte nur.

Sie ist die Tochter des Professors Bernhard:, des Orgel­spielers. Du weißt doch, Frau von Hellstein sprach mehr­mals von ihm, er ist mit ihr befreundet."