Heft 
(1906) 27
Seite
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Er hielt einen Augenblick inne, er schien Zu erwarten, daß Georg etwas sagen würde, dann fuhr er fort:

Im Hause der Frau von Hellstem habe ich sie ja auch kennengelernt kurz vor Weihnachten. Frau von Hellstein hatte damals einen musikalischen Abend arrangiert wir waren etwa Zwanzig Menschen. Auch Professor Bernhardi war mit seiner Tochter geladen. Er kam nicht das sind so eigenartige Verhältnisse dort im Haus, ich kann dir jetzt nicht so darüber sprechen aber Else kam mit ihrer Freundin, dem Fräulein Molenaar, die ja heute auch mit ihr in dem Konzert gewesen ist. Ja -- und ich war ihr Tischherr..."

Ein leises Rascheln, das sich in dein dürren Strauchwerk hinter ihnen regte, ließ Falk einhalten. Mit einer hastigen Wendung kehrte er sich um.

Aber es war nichts weiter, nur eine Katze setzte, aufge­scheucht durch die Bewegung, vollends aus dem Gesträuch hervor und sprang in langen Sätzen den regendurchweichten Gartenweg entlang. An einem Staketenzaun verlor sie sich im Dunkel.

Falk wendete sich Georg wieder zu. Er faßte ihn unter den Arm, so schritten sie Schulter an Schulter durch das feine Regengeriesel nebeneinander her immer auf und nieder zwischen den verlassen und verwahrlost ruhenden Sommergärten.

Du frierst?" fragte Falk nach einer Weile.

Nein..."

Aber du zitterst ja. . .?"

Georg schüttelte den Kopf und drückte den Arm des Freundes fester an sich.

Damals bist du ihr Tischherr gewesen. . .?" sagte er dann. Ein leises, erregtes Fragen lag in seiner Stimme.

Falk atmete tief.Ja und siehst du, damals schon, an diesem ersten Tag haben wir es beide gewußt, Else und ich, daß wir zwei zusammen gehörten und Zusammenkommen müßten, und daß nichts auf der Welt uns trennen könnte . . . Siehst du, Georg, du bist ein paar Jahre jünger als ich ich kann mir nicht denken, daß ich mit einem anderen Menschen in deinem Alter darüber reden könnte aber du, in dir ist etwas, das mich fühlen läßt, daß du mich verstehst eine Reifheit über dein Alter hinaus, und noch etwas du wirst nie etwas Häßliches bei dem denken, was ich dir sage . . . nicht wahr?"

Wieder nur ein leises Kopfschütteln als Antwort. Georg sah starr vor sich hin auf den Weg, auf dem das blinzelnde Licht der schläfrigen Laternen bleiche Reflexe in den Kot der Straßen malte. Eine Sehnsucht war in ihm, daß er nicht sprechen konnte.

Denn siehst du, das könnte ich nicht ertragen. Sie ist ja so vollkommen Kind in ihrem Fühlen da ist ja über allem eine so wunderbare Reinheit ... Ja also an diesem ersten Abend habe ich die beiden Damen nach Hause gebracht. Erst Fräulein Molenaar die wohnt übrigens hier ganz in der Nähe, in der Zentralstraße dann Else. Und da auf dem Wege haben wir uns ausgesprochen. Ich habe sie dann natürlich öfter gesehen, auf dem Eis im Johannapark und in den Konzerten, und auch sonst. Wir sind völlig klar, wie wir zueinander stehen aber wie furchtbar das bei aller Liebe ist, sich nicht ganz gehören zu können, sich heimlich hier und da ein paar Minuten zu stehlen . . . und wir müssen doch zunächst noch unsere Liebe für uns behalten..."

Ein älterer Mann in verwaschenem Regenmantel, einen derben Stock in Händen, kam wankenden Schrittes zwischen den Staketen heruntergeschritten. Er ging mühsam, wie wenn er allzuschwer geladen hätte.

Als er zu Falk und Georg kam, ließen die beiden ein­ander frei und gaben ihm wortlos Raum. Er schritt zwischen ihnen durch, und bald verlor sich der Klang seiner Schritte hinter ihnen. Nur das Geklapper, wie er nun mit dem Stock ratternd über die Stäbe des Zaunwerkes strich, hallte noch hinter ihnen drein durch die Nacht.

Herr Professor Bernhardi weiß noch gar nichts davon?" fragte Georg.

Nein, niemand weiß etwas, nur du und Fräulein Mo­lenaar die hat es wohl bemerkt. Es hätte ja auch gar leinen Zweck er würde seine Zustimmung zunächst doch sicherlich versagen ich bin ja heute niemand habe nichts ich muß mein Leben ja erst schaffen . . . Aber wir werden aushalten! In einem Jahr ist mein Studium be­endet, dann kommen die Konzerte und dann dann . . ."

Wieder hallte der Klang der Glocken der Thomaskirche herüber. Ganz dumpf nur, wie aus weiter Ferne kommend, schwebten die Töne durch die Winternncht und gossen ihre Wellen über die Ruhe ringsumher aus.

Jetzt kennst du den Inhalt meines Lebens," sagte Falk und sah dabei den Freund mit ernsten Augen an. Seine Stimme hatte etwas Düsteres, er schien selbst tief ergriffen. Leb wohl, für heute ja- und glaube mir, so ober­flächlich und leichtsinnig wie mich der gute Teltscher ja wohl hinzustellen liebt, bin ich vielleicht doch nicht."

Er drückte Georg die Hand.

Auf Wiedersehen, Karl und was du mir gesagt hast . . ."

Der andere nickte abwehrend.Schon gut, ich weiß, daß du verschwiegen bist; du fühlst ja, was für uns daran gelegen ist."

Und alles Gute wünsch' ich euch . . alles!"

Noch einmal drückten sie sich stumm die Hände, dann wendete sich Falk ab und schritt zurück, wieder den Gartenweg hinunter und vorbei anLehmanns Garten", dessen Häuser­komplex breit und düster dalag in all der schweigenden Einsamkeit.

Georg blickte ihm nach, bis die Gestalt im Dunkel ent­schwand. Dann schritt auch er in der Richtung nach Hause weiter.

Seine Gedanken aber blieben bei den:, was der Freund ihm anvertraut hatte. Sie sannen darüber auch noch nach und kamen davon nicht los, als er dann in der kleinen himmelblauen Stube war und sich entkleidete, wusch und zu Bett legte.

Und nicht nur sie waren lebendig und regten sich in ihm, daß der Schlaf fern von ihm blieb, auch eine Sehnsucht er­füllte ihn, so stark, daß sich das Herz ihm krampfte.

Alles, was er an stiller, tiefer Liebe zu Sephi in sich trug, war aufgerührt und schrie nach ihr.

Stunden lag er so, und ihm ward heiß, daß es ihn im Bett nicht mehr litt. Er stand auf und brannte die Kerze an und trat an das Stehpult hin.

An sie schreiben . .? Er legte ein Blatt Papier vor sich hin und tauchte die Feder ein.

Lange sah er dann in das Dunkel, der Nacht hinaus, das sich da vor dem Fenster breitete.

Dann schrieb er, aber das war kein Brief ...

Mein Herz ist eine Quelle Voll Rauschen und voll Klingen,

Darin viel tausend Wellen Das Lied der Sehnsucht singen.

Das steigt zu nächtigen Sternen

Sehnsucht, wo steht dein Haus?

Und streckt nach deinen Fernen Die weißen Arme aus."

-r-

Und wieder das Leben im Gleichklang der Werktage, zwischen denen, wie die ersten Frühlingsblumen im jungen Grün der Wiesen draußen, die Feiertage standen.

Manchen Sonntagvormittag zog Georg nun hinaus in die Umgebung Leipzigs, und meist war dabei nicht Karl Falk, meist war da Joseph Teltscher, der Bildhauer, sein Begleiter. Falk hatte oft geheimnisvolle Vorhaben zu diesen Stunden und ging dann seine eigenen Wege. Denn um diese Zeit spielte Professor Bernhardi die Orgel zu den Aufführungen der Thomaner, da konnte Else noch am ehesten sich unbemerkt mit Falk zusammenfinden.