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grobes, aber warmes Umschlagtuch, ein dunkles, sehr einfaches Jäckchen.
„Fm n Anfang", sagte er. „Wir Haben Flachs un Wolle zu Haus. Un Spinnräders un ein Webstuhl sind da auch. Da könnt ihr euch Kleiders Zurechtmachen."
„Krieg ich nix?" fragte Brün. Es war das erste Wort, das er Janfredrik gönnte. Seine Augen musterten habgierig die ausgelegten Sachen.
Da kaufte Janfredrik ihm ein Paar Holzpantinen.
„Die kannst selbst behalten", sagte Brün verächtlich. Als er aber ohne vorherige Warnung Janfredriks schwere Hand an seinem Ohr fühlte, schob er eilig das Paket unter seinen Arm.
Sie trabten nun zur Bahn. Und Margret Swensen fand neuen Grund zur Empörung. „Vierter Klasse, was? Ich bin ein arme Frau. Aber in mein ganzes Leben bin ich nich vierter Klasse gefahren."
„ Denn mußt du das nu mal ausprobieren, Margret Swensen."
Janfredrik setzte sich breit auf die Bank, legte sein rotes Taschentuch hinter seinen Kopf und versuchte zu schlafen, obgleich Margret Swensen neben ihm unaufhörlich vor sich hin schalt und jammerte und Brün an seiner anderen Seite das Lied von der Pflaume pfiff und den Takt dazu mit den Absätzen gegen die Bank trommelte.
Trina hatte sich in eine Ecke zusammengekauert und weinte stumm und wild um die zertrümmerten Hoffnungen ihrer jungen Phantasie, um das goldgestickte Tuch, die weite, freie Welt, in die^der schwarzlockige Händler sie hatte führen wollen, das viele Geld, das sie verdient haben würde, das lustige, lustige Leben, das ihr winkte, ganz allein, ohne daß ihr jemand zu befehlen hatte. Herr Baranow hatte ihr das gestern alles noch deutlich ausgemalt. Eine Dame würde sie geworden sein, hätte seidene Kleider getragen, wäre in eigenem Wagen durch die Straßen kutschiert. Nun schleppte der Unhold, der ihren lieben Onkel Brün ermordet hatte, sie mit sich in die Wildnis.
Onkel Brün war das lichteste unter den Erinnerungsbildern ihrer Kindheit. Immer wenn es ganz schlimm ging, der Vater in seiner Trunkenheit alles kurz und klein schlug, die Mutter aus dem Toben Tag und Nacht nicht mehr herauskam, hatte Onkel Brün plötzlich dagestanden, hatte ihr einen Zuckerkringel in die Hand gedrückt oder auch nur sanft über ihren Scheitel gestrichen, und jedesmal war es dann besser bei ihnen geworden, der Vater häuslicher, die Mutter ruhiger, die zerschlagenen Sachen wurden wieder gekauft, es kamen regelmäßige Mahlzeiten auf den Tisch. Das dauerte nicht. Aber Onkel Brüns sonniges Gesicht gehörte untrennbar zu jedem dieser Lichtblicke. Sein Tod war der erste tiefe Schmerz ihres Lebens und sein Mörder ihres Kinderherzens erster Haß.
Der Schaffner riß jetzt die Tür auf. „Ottersberg!"
Ihre Bündel in der Hand kletterte die Familie heraus. Janfredrik schritt voran durch den tiefen Schnee. Eine gute Viertelstunde war's vom Bahnhof zum Dorf. Frau Margret stöhnte bei jedem Schritt.
Trina nahin ihr stumm ihr Bündel ab und trug es zusammen mit ihrem eigenen Korb und der von Janfredrik gekauften Jacke. Aber die weiße Schneedecke blendete ihre verweinten Augen, so daß sie sie heben mußte, und mit ihnen zugleich hob sich unwillkürlich und ihr unbewußt ihr gebeugter Nacken, und mehr und mehr bei jedem Schritt.
Für die Tochter der Stadt, die Me aus dem Häusermeer herausgekommen war, schien alles Wunder, was sie um sich erblickteI die Bäume der Landstraße' mit ihren Schneeperücken, die wie aus Zucker geformten Dächer der Häuser von Ottersberg, der grenzenlose Himmel. ^ Zn dem leisen Hundegebell, dem Hähnekrähen, das allein -idie feierliche Stille durchbrach, klang frohes Leben, ja der Wind selbst, der über die Schneefläche ihr entgegenfuhr, hatte in seiner herben Reinheit etwas Freudiges, so daß sie ihn ststfog in tiefen Atemzügen. K
Und wie all' ihre Sin^e sich freuten, hob sich auch der Mut in ihrer Seele. Kaum begriff sie noch ihren Kummer. Nichts war ja verloren von der Zukunft, die sie sich erträumte,
wenn nur sie selbst sie nicht aufgab. Wer konnte sie denn zwingen? Der alte Bauer? Pah., von ihr selbst hing ihre Zukunft ab, von ihr und keinem sonst. Und im plötzlichen Aufflammen dieser Erkenntnis blitzte sie Janfredrik mit sieghaftem Blick an: Du zwingst mich nicht. Wege, die man hingehen kann, kann man auch zurückgehen. Sie konnte aber Holm nicht ganz lange in die Augen starren, sie wußte nicht warum.
Im Weitergehen spann sie an ihrem Plan. Vor allem kam es darauf an, Herrn Baranow ihre Absichten wissen zu lassen. Der half ihr dann schon. Dazu mußte sie sich heimlich Papier, Feder, Tinte und eine Briefmarke verschaffen. Das follte ihr nicht schwer fallen!
Sie schritten jetzt auf der Dorfstraße.
In der Wirtschaft, in der Janfredrik sein Pferd eingestellt hatte, ließ er eine Mahlzeit von Brot, Wurst und kleinen Schnäpsen auftragen. Unterdessen spannte der Knecht den Braunen vor des Vorstehers Schlitten. Trina sah das über ihr Butterbrot weg, und es litt sie nicht in der Stube. Immer hatte sie die Bremer Herren beneidet, wenn sie mit dem Wind um die Wette auf scharfen Kufen, unter lustigem Schellengeläut über den Neuschnee hinflogen.
Ein Glöckchen trug der Braune da auch. Sie tippte dran. Wie hell das klingelte! Und was für einen feinen Kopf solch ein Pferd hatte, was für klare Augen! In ihr war Liebe zu allem Lebendigen. Leise klopfte und streichelte sie das Tier, und als es zutraulich schnuppernd den Kopf zu ihr hinbog, gab sie ihm den Rest ihres Brotes.
Janfredrik, der in die Tür getreten war, sah mit Wohlgefallen das Bild. Es war das erste, was ihm an seinen künftigen Hausgenossen wohlgefiel. „Magst Schlitten fahren?" fragte er freundlich. Ohne Antwort, mit trotzigem Gesicht trat sie zurück. Wieder maßen beider Blicke sich einen Augenblick, und wieder wandte Trina die Augen.
Die anderen kamen jetzt, kletterten auf, die Bündel und Pakete wurden verstaut, die Decken ausgebreitet. Trina saß mit der Mutter hinten, Brün auf dem Kutschersitz neben Janfredrik. Der schnalzte mit der Zunge, und in rascher Fahrt ging's durch die verschneiten Straßen von Ottersberg, daß die fcharrenden Hühner und Gänse rechts und links zur Seite stoben und die Dorfköter laut kläffend aus allen Türen hervorfuhren, vorbei an den Häusern, hinaus auf die Landstraße. Die lag unabsehbar, wie mit weißen Daunen bestreut, und wie sie langsam stieg, sah man von ihr weit in das Land hinaus, das sich die glitzernde Winterdecke fest über Äcker, Brücken, Flüßchen und Gehöfte gezogen hatte. Nur die Kirchtürme der einzelnen Ortschaften ragten daraus hervor wie zum Himmel aufgereckte Arme, als Symbol gleichsam, daß unter Eis und Todesstarre unsterbliches Leben aufwärts, immer aufwärts strebt. Und nichts zwischen den schweren Schneepolstern und dem schweren Schneehimmel als hie und da ein paar flatternde Raben. Die Huftritte des Braunen verklangen, als träte er in Watte. Ohne Laut glitt der Schlitten durch lautlose Stille. Denn der harte Winterwind, der sie umpfiff, hatte auch Frau Margret gezwungen, den beweglichen Mund zu schließen und im neuen Umschlagtuch zu vergraben.
Wieder eine Ortschaft, Ouelkhorn. Aber nur zwischen den ersten Häusern hin fuhr Janfredrik. Dann bog er hinunter über bestellte Äcker, über Brachland und Heidekraut, pfadlos auf dein weißen Laken, das gleichmäßig alles unter sich zudeckte und schützte, schnurgerade zum Ziel, zu den aufragenden Kämpen von kahlen Eichen und schneegebeugten Edeltannen, die fern am Horizont die Kolonie Schmalenbeek andeuteten.
Frau Margret ächzte, so oft die Kufen in eine Ackerfurche, in ein Sandloch einsanken, das Gefährt schwankend kippte; der Bub lachte, Trina saß mit halbgeöffneten Lippen in stummem Entzücken.
Ein kräftiger Ruck, da war die Dorfstraße. Schon strahlte die Schneedecke größere Helligkeit aus als der Himmel über ihr. In den Gehöften blinkten lichthelle Fensterchen wie Glühwürmchen zwischen der überhängenden Schneelast auf dem Dach