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und den hohen Schneepolstern am Boden. Janfredrik ließ den Braunen Schritt gehen. Da benutzte Frau Margret den verminderten Luftzug und begann:
„Js das ein Fahrt! Ich möcht' bloß wissen, wohin der Mann uns bringt. Obgleich mich das eigentlich gleichgültig sein kann, denn lebendig komm ich ja doch nich an. lln das wird die Herrens in Bremen, die uns weggeschickt haben, auch woll ganz recht sein. Oh, Kinders, Kinders, was für ein Welt is das!"
„Paß auf!" rief Janfredrik. Der Schlitten machte eine so scharfe Biegung, daß Margret in den Schnee geflogen wäre, wenn sie sich nicht eilig angeklammert hätte. Da hörte sie auf zu sprechen und stöhnte und ächzte nur noch.
Die Pferdehufe klapperten jetzt hohl auf den Holzplanlen einer Brücke. Der Schlitten fuhr auf Janfredriks Hof. Eine Minute noch. Er stand. Es war so dunkel, daß man das Haus kaum erkannte. Nur eine Erderhöhung schien es. Der Schnee auf seinem tief herabgehenden Dach schloß sich lückenlos dem auf der Erde liegenden Schnee an. Sie mußten durch das große Dielentor an der Giebelseite eintreten. Janfredrik leuchtete dazu mit den Streichhölzern, die er in der Tasche trug und jedesmal an seinem Beinkleid anrieb. So tappten sie sich bis zur Herdstätte, wo Janfredrik das Lämpchen an- Zündete. Wie ein Jrrlichtchen zitterte sein Strahl durch den weiten, dunklen Raum. Doch, ob er gleich feuerlos war, schien er den Eintretenden warm, denn die Schneedecke schützte und die Leiber der Kühe durchwärmten ihn.
Margret Swensen sank gleich auf eine Truhe, barg das
Gesicht in den Händen und wiegte sich hin und her vor Be
kümmernis. „Was is es schrecklich! Oh, man einmal schrecklich is es hier."
„Margret Swensen," sagte Janfredrik, „da liegt Torf, un baben steht die Grütze. Mach' zu un koch was. Dein Kinders wollen essen."
Er selbst ging zum Pferd, spannte es aus, rieb es ab und führte es in seinen Stand.
Als Trina sah, daß ihre Mutter sich nicht rührte, briete sie nieder, blies das Feuer in Brand, und weil sie in der
Dunkelheit den Brunnen nicht finden konnte, schöpfte sie ein
paar Schalen voll Schnee in den großen Kessel. Damit rührte sie die Grütze an. Unterdessen vollführte Brün langsam, nachdenklich einen Rundgang durch das Haus, betrachtete die Pflüge, die Sägen, die Hacken, die Schinken am Deckenbalken, ging zu den Kühen, den Ziegen, den Schweinen, begutachtete die Leiter zum Boden. Es hatte nicht hübscher bei dem Korbflechter ausgesehen, nur ärmlicher, enger und schmutziger. Er hatte auch heute ein ausgiebiges Mittagsbrot gehabt und Aussichten auf ein Abendessen — Annehmlichkeiten, die für ihn nicht zu den selbstverständlichen Ereignissen des Tages gehörten. Dazu die herrliche Schlittenfahrt! Eigentlich war er mit seinem Tausch ganz zufrieden. Er fand es nur überflüssig, den alten Jan vom Moor das merken zu lassen.
Als sie abgegesfen hatten, zündete Janfredrik eine Kerze an und öffnete die Tür zur Stube rechts.
„Süh, Margret Swensen, hier in das Bett, da kannst du un dein Tochter in slafen. Un für dein Jung is ein hier auf der Diele. Und die andere Stube is meine. Un nu macht euch das kommod. Was noch zu sagen war, das können wir morgen an Dag betören. Arbeit gibt das hier alle Hände voll, un mein Meinung is nich, daß ich dein Kinders zu Faulenzers aufziehen will. Gu'nacht."
Trotz der Unfreundlichkeit seiner Gäste spürte Janfredrik Befriedigung ob seines Tagewerks. Um das Mädchen wäre es schade gewesen, wenn es den Lockungen des verdächtigen Kerls zum Opfer gefallen wäre. Und der Bub — ein Dieb und Lügner freilich. Aber er hatte doch nicht mit der Wimper gezuckt, wie wild auch die Fahrt talab ging.
Mit einer gewissen Neugier stieg Janfredrik in sein Wandbett. Ob Brün sich einstellen würde, nun er wieder zu Haus
war? Er hätte gern gewußt, ob sein toter Kamerad zufrieden mit ihm wäre.
Als er aufwachte, wollte er der Kuckucksuhr nicht glauben. Sechs! — Brün war nicht gekommen!
Er sprang aus dem Bett, stieß die Stubentür auf, starrte angestrengt Zum Pferdestand drüben. Tiefer Schatten lag drin wie immer, aber er ballte sich heute nicht zusammen. Die Augen, die von diesem Fleck aus ihn beobachtet hatten, fühlte er nicht mehr auf sich gerichtet.
Rasch ging er auf die Diele, klopfte an das Wandbett Brüns, an die Stubentür, hinter der die Frauen schliefen.
„Hallo! Aufstehn! Das 's Zeit."
Er zündete die Herdlampe an, brachte auch das Herdfeuer in Gang. Noch kam keiner seiner Gäste. Da öffnete er die Türen von Brüns Bett, stellte den Bengel, wie er sich auch sträubte, auf seine Füße. „Nu mach'fix."
Da kam Trina.
„Das Kochen is Arbeit für euch Frauensleute", sagte Janfredrik.
Es gab aber nicht bloß für die Menschen zu kochen. Kühe, Ziegen, Schweine verlangten ihr Teil. Eigentlich kam ihr Recht sogar noch vor dem der Menschen.
Margret Swensen stand nicht auf. Die Schlittenfahrt war ihr trotz des warmen Umschlagtuchs nicht gut bekommen, und der Rauch auf dem Flett schlug ihr auf die Brust.
Als die Suppe gegessen und das Vieh gefüttert war, gab Janfredrik jedem der jungen Leute eine Schaufel und öffnete die Tür. Eine dicke, weiße Mauer stand davor, und Trina begriff jetzt, warum noch immer kein Morgen tagen wollte. Sie mußten die Wand wegschaufeln und einen bequemen Pfad zur Brücke dazu. Eigentlich war es lustige Arbeit, und der Junge freute sich jetzt seiner Holzpantinen, die ihm die Füße vor Nässe schützten. Für Trina holte Janfredrik Brüns Schuhe. Es wurden ein paar Strohwische hineingesteckt, damit sie paßten.
Als die Kinder das Tageslicht erreichten, stieg gerade die Sonne als glühend rote Scheibe herauf über den unbegreiflich weißen Schnee, der die Welt bedeckte. Hunderttausend Kristalle flimmerten in Rot und Gold und Diamantgefunkel. Die Birken am Kanal standen feierlich leuchtend in ihrem winterlichen Hermelin, der die Linien ihrer anmutig verschlungenen Äste hervorhob. Auf jeder Latte des Gartenzauns saß ein weißer Schopf, der Ziehbrunnen trug einen dicken Kranz, und die Edeltannen bogen tief ihre gepuderten Zweige. Jeder Laut erfroren, alles Leben versteckt. Eine Stille ringsum wie in einem Zauberland.
Unwillkürlich ließen die beiden die Schaufeln sinken. Mit Staunen und Beängstigung begriff Trina, daß diese neue Welt keinen Weg für sie hatte, fester sie einschloß als eines Gefängnisses Mauern. Sie mußte ihre Flucht verschieben bis zum Frühjahr.
Brün erwog eben die Aufrichtung eines Schneemanns, als Janfredrik ihn beim Arm faßte. „Nu wasch dir, zieh dein guten Rock an. Ich bring' dir zur Schul'."
Das ging Brün über den Spaß. Mit der Schule mindestens hatte er gehofft fertig zu sein.
„Das gibt hier ja gar kein Schul'", sagte er störrisch.
„Meinst, du bist bei Indianers? Zu! sonst mach' ich dir Beine."
Aber der Bube riß sich los, fuhr wie ein Affe die Leiter zum Heuboden hinauf. „Da lur' up, oller Jan."
Er stand, die Lukentür in der Hand, bereit, sie dem Bauern, wenn er nachkäme, auf den Kopf zu schmettern. Erfreute sich auf die Hetzjagd. Den alten, steifen Kerl wollte er mürbe machen.
Zu seiner Enttäuschung verfolgte Janfredrik ihn nicht. Ersah von oben, wie Holm den Braunen vor den schlitten spannte. Nun war ihm seine Flucht fast leid. Wenn er
gewußt hätte, daß man hier im Schlitten zur Schule fuhr! Er fing auch an, sich da oben zu langweilen. Als Holm eine Weile vom Hof fort war, kletterte er vorsichtig die Leiter herunter. Trina kam gerade zur Tür herein, zwei Eimer- Wasser am über die Schulter gelegten Joch schleppend.
70 *