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„Dumme Dern", sagte Brün. „Warum tust, was der alte Ekel dich heißt?"
Trina zuckte die Achseln. „Es is ja alles verschneit."
Der Bube drückte pfiffig ein Auge zu und schnalzte mit der Zunge. „Wenn's Frühjahr wird, willst du wall ausrücken?"
Sie schüttete einen Eimer Wasser über die Steinmosaik des Fletts, daß die in die Torfglut des Herdlochs spritzenden Tropfen Zischten, und antwortete nicht.
Brün trat näher. „Hör du, ich geh' mit."
Das lag nicht in Trinas Absicht. Sie sah durchs Fenster. „Der Holm kommt zurück."
Eilig fuhr der Junge die Leiter wieder hinauf. „Glaubst du, daß er mir haut?"
„Wenn er in sein Wut sogar Menschen umbringt."
Da schlug Brün die Lukentür hinter sich zu und setzte sich drauf. Ihm war unbehaglich zumute.
Janfredrik, der dem Vorsteher den Schlitten zurückgebracht hatte, führte das ledige Pferd in seinen Stand. Dann betrachtete er Trinas Werk. „Das is gut, mein Dern. Ich seh, du lernst das. Auf den Abend kommt Alheid Ehlers, die wird dich das Spinnrad in die Reihe bringen."
Das frühe Mittagsesfen wurde aufgetragen. Eine stille Mahlzeit. Margret Swensen lag im Bett. Ihr Sohn hockte auf dem Boden. Trina aß stumm.
Als ob ein Leiche im Haus lag', dachte Janfredrik. Dann fiel ihm ein, für Brüns Nächste lag ja wirklich eine drin.
Da mußte man Geduld haben. Aber ein Gedanke ließ ihn
nicht los, eine Neugier. Brün war zur Nacht nicht an sein Bett getreten. Auf seinem einsamen Weg zum Vorsteher war er nicht an ihm vorübergestrichen, wie er pflegte, als kaum wahrnehmbarer Schatten, der eine eisige Kälte ausstrahlte. Vielleicht hatte er es vorgezogen, sich seinen Verwandten zu zeigen, seiner Schwester? Die Vorstellung ließ ihm keine Ruhe. Er ging in Margret Swensens Stube, öffnete die Bettüren.
„Margret Swensen, ich möcht' man bloß wissen, ob du hast slafen können?"
„Kranke Menschens slafen überhaupt nich", antwortete Margret grämlich. „An wenn sie noch gar das geboten wird
wie mich! — Ich steh aus das Bett nich mehr auf, Herr
Holm, da freuen Sie sich man zu."
„Ich mein', ob ein in der Nacht in Ihr Stube gekommen is, Margret Swensen?"
„In mein Stube?" Margret fuhr auf. „Jesus! Gibt das Diebens hier? Räubers?"
„Ich mein'," Janfredrik sprach ganz leise, „ob — er geht manchmal hier durchs Haus — ob Brün vielleicht bei Sie gewesen is?"
„Brün?!" Jetzt kreischte Margret. „Hilfe! Trina, steh dein Mutter bei. Ich bin bei ein Wahnsinnigen!"
Janfredrik drückte die Bettüren wieder zu. „Denn is' gut. Denn is' sehr gut." Also wirklich, Brün war nicht gekommen, auch heute nicht! Fast übermütig sah Janfredrik Zu der Bodenluke hinauf. Der da oben saß, konnte ihn nicht ärgern.
Er blieb den ganzen Nachmittag Zu Hause, putzte das Pferdegeschirr, besserte es aus. Als er gegen Abend aus der Tür ging, öffnete Brün die Luke. „Trina, gib mir zu essen!"
Aber Janfredrik hatte alles Brot und jeden Wurstrest in den Schrank in seiner Stube getragen und weggeschlossen.
Diesmal heulte der Junge.
Und als am Abend die Grützschüssel auf den Tisch gestellt wurde, hielt er's nicht länger aus. Sprosse für Sprosse kam er die Leiter herunter und Schritt für Schritt bis zum Tisch.
Da sah Janfredrik ihn an.
„Ich -— ich geh morgen in die Schul'", stotterte Brün und streckte die Hand nach einem Stück Brot aus.
„Zieh dein Büx runter", befahl Janfredrik.
„Ich — ich will's gewiß nich wieder tun!"
Hageldicht sausten die Schläge nieder. Der Korbflechter hatte es nicht so gut gekonnt. Margret Swensen sprang mit gleichen Füßen aus dem Bett.
„Mein Kinders! Mein Kinders! — Er will mir mein Jung' totschlagen wie mein Bruder!"
Sie versuchte Janfredriks Arm festzuhalten, aber sie hätte ebensogut versuchen können, den Hausbalken zu heben.
„Verinkommodier dir nich, Margret Swensen", sagte Janfredrik, gelassen hauend. „Jung's müssen Prügel haben. Du hast da woll die Kraft nich zu gehabt. Nu müssen wir das nachholen."
Dann stellte er den Stock in die Ecke. „Jetzt kannst
essen kommen. Beträgst dich aber's nochmal ungebührlich, denn so setzt das auch'n Fasttag. Verstanden?"
Margret blieb bei den anderen. „Ich muß doch mein Kinders schützen", sagte sie. Es wurde ihr im Bett auch zu langweilig.
Die Schüsseln waren kaum leer gegessen, als Vorsteher Ehlers, seine Schwester Alheid, der Schullehrer, Jan Meier- Clüvers eintraten. Ganz Schmalenbeek war neugierig auf Janfredriks Hausgenossen. Als ginge ein Telephondraht von Gehöft zu Gehöft, so war die Nachricht durch die Kolonie geflogen: Janfredrik Holm hat sich ein Haus voll Leute aus Bremen mitgebracht, Brüns Leute. Viel Staat soll ja nich damit Zu machen sein. — Aber ein Hauch von Achtung war in dem Geranne. Die Leute im Moor sind ernst und schwer. Wenn sie's ihm vielleicht nicht nachgetan hatten, sie begriffen, was Janfredrik trieb.
Margret Swensen erblickte kaum die Fremden, als sie laut schluchzend sich zu beklagen anhub. Ehlers sah erschrocken auf Janfredrik.
Aber der sagte gelassen: „Margret Swensen, paß Achtung. Alheid zeigt dein Tochter eben das Spinnen. Du wirst da woll auch nich mehr viel von wissen. Nu kannst es lernen."
Margret wandte nicht den Kopf. „Zu was soll ich denn spinnen? Ich bin ein todkranke Frau. Ein Stück Linnen für mein Leichentuch wird woll von Brün sein Eigen noch für mich übrig sein. Sonst kannst mir ja auch ins Wasser smeissen wie ihm."
Empört packte der Lehrer ihren Arm. „Schweigen Siel"
Das tat Margret nicht. „Meinen Sie, ich fürcht' mir? Wenn er mir auch umbringt wie mein Bruder Brün, und Sie all sehen dem ruhig mit an. Darum wird Unrecht noch lang nich Recht."
Ihre schrille Möwenstimme füllte Diele und Flett und ließ keinen anderen Laut aufkommen. Das Spinnrad stand.
„Bring dien Modder to Bedd, Trina", sagte Alheid streng. „De weet nich mihr, wat se snackt. Morgen kümmst to mi."
Janfredrik begleitete die Männer vor die Tür. Der Lehrer sprach ihrer aller Meinung aus: „Gott gebe Ihnen
Kraft, die Frau zu ertragen, Holm."
„Ja," sagte Janfredrik, „Margret Swensen is was bitter. Das is sie. Aber sie is ein bessere Arznei für mir als dein Pulvers und dein Mixturen, Schulmeister. Seit sie mir's alle Stunden sagt, daß ich Brün umgebracht Hab, sagt er mir das gar nicht mehr. Zwei Tagens hat er sich nich sehen lassen. Nu glaub' ich wirklich, daß ich noch mal ein gesunden Menschen werd'."
Als Trina an einem der nächsten Tage Janfredriks Stube scheuerte, sah sie zwischen den Fenstern eingerahmt Brüns Bild hängen. Scheu blickte sie um sich, ob sie allein sei, dann trat sie ungläubig näher. Wirklich, es war sein liebes, fröhliches Gesicht! Gerade gegenüber dem Wandbett hing es. Wenn der da drin schlief, aufstand, mußte sein erster Blick darauf fallen. Mochte Janfredrik das Bild denn sehen?
Warum nahm er es nicht weg? Und warum hatte er sich Brüns Familie ins Haus geholt? Viel Freude machten sie ihm doch wirklich nicht.
Zum erstenmal kam ihr die Ahnung von etwas Rätselhaftem, Tragischem bei diesem Totschlag. Sie fing an, Janfredrik zu beobachten, wenn sie abends ihm gegenüber beim kleinen Lämpchen am Herdhimmel in verstocktem Schweigen dicke, unegale Fäden spann, während Brün widerwillig sich