Heft 
(1906) 31
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mit seinen Schulaufgaben plagte und der Bauer nach Art der ledigen Burschen im Moor lange, blaue Strümpfe strickte. Woran dachte er, wenn er so den Rauch seiner Pfeife vor sich hinblies und die scharfen, blauen Augen kaum von den Maschen hob? Die Augen waren noch jung, aber das Haar über der Stirn war grau, als wäre über Nacht ein Reif auf sein verblichenes Blond gefallen.

Lieber freilich ging Trina abends zu Vorstehers, wo zu der großen Familie meist Besuch sich gesellte, die alten Frauen grausige Geschichten von Spuk und Hexen erzählten und die jungen von Not und Glück heimlich Liebender, wo die Räder um die Wette schnurrten, die Puttäpfel am Feuer zischten, während Alheid ernst und geduldig sie über alle Fertigkeiten belehrte, die in einer Moorwirtschaft nötig sind.

Als sie vier Wochen in Schmalenbeek war, schrieb sie ihren Brief an Baranow. Papier und Marke verschaffte sie sich von Schullehrers Dora. Sie wußte es findig anzustellen. Auch die Mutter durfte nichts merken, die schon gar nicht. Sie wolle nach Bremen kommen, schrieb sie. Aber das Reisegeld müsse Herr Baranow ihr vorstrecken, denn sie habe keins, könne auch niemand um Geld bitten, weil ihre Angehörigen sie nicht fortlassen wollten. Darum dürfe er auch keinen Brief an sie selbst adressieren. Er solle schreiben: Gretchen 8. Postlagernd Grasdorf.

Es war ihr eingefallen, daß der Händler sich vielleicht nicht mehr in Bremen aufhielt. Darum wendete sie sich an ihren früheren Herrn, den Kneipenwirt, und bat ihn, das einliegende verschlossene Schreiben Herrn Baranow nachzusenden.

Sie nahm den in ihrem Gesangbuch versteckten Brief mit, als sie am Sonntag mit ihrem Bruder und Janfredrik zur Kirche nach Grasdorf ging, und schob ihn unbemerkt in den Postkasten am Schulhaus. Ihn in Schmalenbeek aufzugeben, getraute sie sich nicht.

Fiebernd wartete sie auf Antwort. Jedesmal, wenn sie nach Grasdorf kam, wußte sie es fertigzubringen, unbemerkt ins Postbureau zu schlüpfen und nachzufragen. Aber es kam keine Antwort.

Inzwischen lebte sie sich langsam ein. Es gab einige Mädchen ihres Alters in Schmalenbeek, die ihr gefielen. Was die Burschen anlangte, da konnte sie nicht umhin, sie zu ver­gleichen mit den feinen Herren aus den Kontoren, die sie in Bremen auf der Straße bewundert hatte, und sie fand sie zu derb, zu laut.

Am meisten aber interessierte sie immer wieder Alheid Ehlers. Die blaue Leinentracht, die die reiche Bauerntochter wie die anderen Moorfrauen trug, paßte wunderbar gut zu der großen Gestalt, dem strengen Schnitt ihres Gesichts, das noch immer an ein Madonnenbild aus dem Mittelalter er­innerte. Instinktiv begriff Trina die Schönheit dieses Gesichts, instinktiv auch das, was ihm größeren Reiz gab als die harte Reinheit seiner Linien, den Ausdruck stolz verschwiegenen Leids und die Hoheit des Sieges darüber.

Alheid sprach mit Trina nur das Notwendige. Nie fragte sie nach ihrem früheren Leben. Aber immer, wenn sie sie entließ, gab sie ihr eine Weisung in bezug auf Janfredrik mit, wie sie ihm das Essen kochen solle, auf welche Weise seine blauen Leinwandkittel zu waschen und zu plätten seien, daß sie ihm Zum Sonntag frische Wüsche zurechtlege.

Trina gehorchte mit gutem Willen. Der Mann sollte ihr nicht vorwerfen dürfen, daß sie sein Brot ohne Entgelt gegessen habe. Sie wunderte sich aber täglich mehr über seine Tat.

Und an einem Sonntagnachmittag, als sie allein mit Al­heid war, wagte sie die Frage:Wie mag das einmal Zu­gegangen sein, daß der Holm meinen Onkel erschlagen hat?"

Alheid schwieg erst eine Weile. Dann stand , sie auf, ging in ihrer Mutter Stube, kam mit einem aufgeschlagenen Photographiealbum Zurück und deutete auf ein Bild.Üm de hett he dat dohn."

Trina sah das lachende Gesicht, und ein eigener Schauer durchrieselte sie. Janfredrik, der Mann mit dem grauen

Haar und den jungen Augen, der ihrer Jugend fast ein Alter schien, hatte also eine Frau liebgehabt, ohne Maß, ohne Grenzen, bis zum Verbrechen. Mit angehaltenem Atem wartete sie, daß Alheid die Geschichte erzählen sollte. Aber die klappte hart das Buch zu.Du weetst nu sien Unglück."

Von diesem Tag an umgab sie Janfredrik mit töchterlicher Fürsorge. Kehrte er naß von: Feld heim, so hing das trockene Zeug zum Wechseln für ihn schon am Feuer. Nie fehlten an seiner Wäsche Knöpfe oder Bänder. Sogar seine Pfeifen reinigte sie ihm mit Krähenfedern, die sie im Birkenbusch auf­las. Als er's das erstemal merkte, sah er sich erstaunt nach ihr um. Da bückte sie den Kopf tief und wurde sehr rot. Sie sagte nichts. Er aber gewöhnte sich allgemach daran, seine Stube blank wie eine Schiffskoje zu finden, seine Bibel genau an ihrem Platz, die Brillengläser abgewischt, ein Etwas von Gemütlichkeit und Nettigkeit im Hause, das selbst Zu Brüns Zeit nicht dagewesen war: das Walten einer aufmerk­samen Frau.

Der kleine Brün ging jetzt regelmäßig Zur Schule, nicht bloß aus Furcht vor Janfredriks Armkraft. Es gefiel ihm da ganz gut. Wenn in Bremen die Jungen seiner Klasse von zu Hause sprachen, von den Leckerbissen zu Mittag, den Nach­mittagsausflügen oder dem, was ihnen vom Weihnachtsmann auf den Tisch gelegt worden war, hatte er stets, von Neid verzehrt, seitwärts stehen müssen. Hier merkte er mit angenehmem Erstaunen, daß er ein gleicher unter gleichen war. Dazu unter­richteten ihn die Jungen in allerlei Dingen, die ihm gefielen. Der Jüngste von Meier-Clüvers ließ ihn mit seiner Flinte nach Spatzen schießen, Lehrers Fritz hatte im Gebüsch einen ver­borgenen Dohnenstieg. Man wies ihm, Schlingen für Hasen Zu legen, und sobald die Eisdecke taute, fischten alle Knaben im Kanal nach Aalen und Hechten. Es gab keinen Schutzmann, kein Verbot. Er durfte gehen und stehen und sich breit machen, soweit das Auge reichte, soweit das Moor sich streckte.

In den ersten Tagen hatte es ihm Spaß gemacht, Janfredrik heimlich Hammer, Säge oder Beil Zu verstecken, Hacken und Harken etwa so zu stellen, daß der Bauer im Dunkeln auf die Zinken treten und der Stiel ihm gegen die Zähne schlagen mußte. Aber bald fand er das dumm. Lieber strich er mit den Kameraden im Moor umher.

Und einmal sagten sie ihm etwas, das packte ihn, wie nichts im Leben ihn noch gepackt hatte. Das war am Kanal. Sie lauerten alle, ob ein Hecht an die Oberfläche käme. Den wollten sie schießen. Da sagte Menne-Meier-Clüvers zu Brün:

Du kannst woll lachen. Du bist fein heraus. Ich Hab' noch drei ältere Vrüders. Aber du bist man allein."

Brün verstand die Meinung nicht. Da erklärten sie's ihm. Der Holm werde ja nicht heiraten. Der habe sich die Familie von seinem Partner ins Haus genommen, damit Brün Lorensens Schwestersohn mal seinen Hof kriegte. Das wisse ganz

Schmalenbeek.

Brün wurde blaß vor Aufregung. So habsüchtig sein Sinn war, an eine solche Möglichkeit hatte er nie gedacht. Sie stieg ihm zu Kopf wie ein starker Trunk. Hofbesitzer, er, der Bremer Vetteljunge!

Er redete fast nicht mehr. Wie mit Ketten zog's ihn heim. Musternd ging er um das Haus herum, zahlte die

Obstbäume, begutachtete den Brunnen. Dann strich er an den Viehständen hin, befühlte die Kühe, die Ziegen, betrachtete

Pflug und Wagen. Eine Hacke, die am Boden lag, nahm

er auf, hängte sie sorgfältig an ihren Haken. Sie war ja sein Eigentum. Mit boshaftem Blick streifte er seine Schwester. Mochte die nur allein ausrücken. Ihm gefiel's ganz gut

im Moor!

Und fortan paßte er gut auf, daß keine Milch vergeudet wurde, kein Brot, daß das Vieh sein Recht bekam und doch nicht zu viel fraß, und es war ihm leid um jede Handvoll Hafer. Denn es war sein Hafer! (Fortsetzung folgt.)