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verblüffend war. Mein Junge hat sich ihn als Vorbild genommen; den jungen Gliedern gelingt das, und auch ich wage einen weiten Sprung nach einem unter dem Wasser hervorschimmernden Felsen. Aber der tückische Geselle hatte eine so glatte, schräge Fläche! Der Fuß glitt ab, und im Nu war ich im Sturzbad, in dem die Fackel zischend erlosch. Hilfreiche Freunde leuchten mir heraus, aber mit dem Stechen ist's vorbei, denn die Fische sind inzwischen scheu geworden.
Auf einer Insel lodert aber ein tüchtiges Feuer, über ihm brodelt im Kessel der Mats, der brasilianische Tee, und an ihm wird ein saftiger Spießbraten zubereitet. Dorthin zieht es uns. Der Himmel öffnet zwar seine Schleusen, aber wir sind an Nässe gewöhnt und lagern gemütlich, rauchend, „Mats tomend", wie es in der schönen deutsch-brasilianischen Wortbildung von tornar---nehmen heißt, und schauderhaft schöne Geschichten erzählend. Ob uns wohl die eingeborenen Landsleute, die Bugern, belauschen? Leicht möglich, aber was schadet es, wir leben mit ihnen in Frieden, sie haben uns noch kein Vieh geschlagen und kein Eisenzeug gestohlen, und von unserer Seite ist noch auf keinen geschossen worden. Wir sind sicher im Wald, und ein musikalisch veranlagtes Mitglied unserer Gesellschaft schnitzt sich von Taquararohr eine Flöte und entlockt ihr zauberhafte Weisen.
Einem von uns ist es aber doch zu naß, er möchte am liebsten nach Hause gehen, aber man hat schon am Tag seine liebe Not, den Weg durch den Wald zu finden. „Es geht nicht, Dicker!"
Um die Weihnachtszeit ist es. Drüben in der Heimat, da hatte er es bequemer, der Fischhändler brachte den Karpfen ins Haus. Aber wir lachen dazu; es ist doch schöner, sich selbst den Fisch für die Weihnachtstafel zu fangen.
Und die Ausbeute verspricht reich zu werden, denn die Legangel weiter unten im tieferen Wasser arbeitet gut; die wird noch ein paarmal bis zum Tagesanbruch nachgesehen und frisch mit Regenwürmern geködert.
Ein hellgrauer Schein im Osten zeigt uns an, daß die Sonne emporsteigt, wenn wir auch nichts von ihr zu sehen bekommen. Ein Waldhuhn ruft, ein anderes antwortet weit drüben, auch die anderen Vögel werden nach und nach laut, und wir rüsten uns zum Aufbruch.
Jetzt geht's im Boot stromab! Wie schön furcht unser Fahrzeug aus gehöhlter Zeder die spiegelglatte Wasserfläche! Es wird gesungen und Unfug getrieben. Aber nicht zu lange, da ruft der Mann vorn: „Achtung, alle ruhig sitzen!"
Wir sind bei der ersten Stromschnelle, aber wir kennen die Stelle, wo man durchkommt. Schon zieht der Strom gewaltig . . . Jetzt, Hurra! schießen wir hindurch. Zwar streift der Boden unseres schwerbelasteten Kahnes die Felsen unter ihm, aber ein gewaltiger Stoß des Mannes da hinten sorgt dafür, daß er nicht hängen bleibt, quer gerissen wird oder gar mit der Spitze nach vorn überschlägt. Das war dessen Sache, aber der Mann vorn darf auch nicht müßig sein, sonst rennt der Kahn gegen die Felsen. Das müssen „feste Kerle" sein, die beiden: kaltblütig, rasch und stark. Die anderen brauchen nur ruhig zu sitzen.
Als wir die vierte und letzte Stromschnelle glücklich genommen hatten und nun bis nach Hause nur noch eine lange, stille Strecke vor uns lag, da sagte ich: „Pfui Teufel, ist
das kalt, wenn man so naß ist. Ich schwimme jetzt bis nach Hause, im Wasser ist's wärmer."
Und alles, was schwimmen konnte, folgte meinem Beispiel.
Am Landungsplatz, den wir stolz unseren Hafen nannten, wurde die Beute geteilt. Für jede Familie, gleichviel ob sie einen oder mehrere Teilnehmer zu dem Zug gestellt hatte, gab
es gleiche Teile. Ja, wir Wilden sind sehr gute Menschen. Mein Anteil war schwer. Ich war froh, daß wir nicht mehr gefangen hatten. Als ich mit der schweren Last und mit meinem Jungen vor meiner lieben Frau stand, sagte sie: „Gott sei Dank, daß ihr wieder da seid, aber ihr werdet beide krank werden."
„Krank? Ach wo!" Man ist in Brasilien an das Naßwerden gewöhnt. Reichlich brachte uns das Wasser Freuden, aber auch Wasserleid und Wassernot lernten wir kennen.
Unsere Verbindung mit der übrigen Welt war die Dona Franciscastraße, die von Joinville über Sao Bento bis auf fünf Kilometer von Rio Preto hinaufführt. Der Rest der Strecke war aus Privatmitteln bis nach unserem Ort verlängert worden. Bon hier weiter nach Rio Negro, einem kleinen Städtchen Paranas, führte damals nur ein Mulo- weg. Alle unsere Waren bezogen wir deshalb von Joinville oder Sao Bento, denn von dorther konnten wenigstens Wagen den Verkehr vermitteln. Diese Wagen blieben aber einmal aus, als es mehrere Wochen lang, Tag für Tag, Nacht für Nacht, geregnet hatte. Die Wege waren eben
grundlos geworden. So fehlte mir dies und jenes, und ich mußte nach Sao Bento, das 35 Kilometer entfernt war, reiten, um das Nötige zu besorgen.
In meinen Poncho gehüllt, trabte ich also in den Regen hinaus. Dieser „Ponsch" ist ein kreisrundes, gefüttertes Stück Tuch mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes. Da er im Stehen bis etwas unter das Knie reicht, schützt er beim Reiten auch Beine und Sattelzeug vor dem Regen. Aber heiß ist es darunter, und wenn er gründlich naß wird, nimmt er ein Gewicht an, das wenig angenehm ist.
Langsam schritt mein Baco (Falber) über die Brücke des Rio Preto, der schon ziemlich hoch angeschwollen war. Er schnob und guckte mit Mißtrauen durch die breiten Ritzen der Bohlen auf das Wasser darunter. Das Zittern der Brücke paßte ihm augenscheinlich nicht, und er trat so leicht, als ob er sie über sein Gewicht täuschen wollte. Wir dachten nicht, daß es das letzte Mal war, daß wir über diese Brücke setzten.
Am anderen Ufer ging es in scharfem Trab vorwärts. Aber der Weg wurde immer schlechter. Manchmal steckte das Pferd im Wasser, das ihm bis an den Bauch reichte, dann setzte es über Lehmhügel, wo alle Hufe zugleich ausglitten, nur selten konnte man eine Strecke neben der Straße auf dem Gras traben. Die Landschaft war verändert, die Flüsse angeschwollen, selbst der kleine Rio dos Bugres breitete sich wie ein See aus. Auf der Landstraße kein Wagen, kein Reiter, keine Menschenseele — alles wie ausgestorben. Die Einwohner, meist gute Bekannte und Landsleute, hatten sich in ihre Häuser verkrochen. Trotz alledem kam ich glücklich ans Ziel, erledigte meine Geschäfte und trat, um ein Gepäck von 24 Kilogramm schwerer, den Heimritt an. Aber gleich hinter Sao Bento kamen die Abenteuer.
In Lan^ol steht ein guter Freund vor seinem Hause.
Es wäre schon halb finster, meint er, ich sollte bei ihm über Nacht bleiben.
„Ich bin gewöhnt, in der Nacht zu reiten, und das Pferd findet im Finstern seinen Weg so gut wie am Tage."
„Na, wenn du doch im Finstern reiten willst, bei dem Wetter, da können wir auch noch vorher eine Partie Billard spielen."
Ich stand starr. „Was, ein Billard habt ihr hier? Seit wann denn?" Es zog.
„Laß das Tier bei mir im Stall, da hat es Mais, und nachher kann es rausgehen in das kleine Pikett, ein bißchen Gras fressen und sich wälzen, und jederzeit kannst du wieder satteln!"
Ritt durchs Wasser.