Heft 
(1906) 36
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glücklicheres tun, als mir gerade dieses Zukunftsbild zu ent­werfen, in meiner jetzigen Stimmung . ."

Erich Bardefleet blieb stehen. Sein weißblonder Schnurr­bart zuckte in dem braunen Gesicht, so ärgerlich biß er sich auf die Lippen.Also richtig eine Dummheit!" sagte er. Ich hätll es mir ja eigentlich denken können ..."

Bitte kommen Sie weiter!" Thomasine Rasmussen war ungeduldig.Wir wollen zu unserer Gesellschaft Zurück."

Er schloß sich ihr an.Wissen Sie!" versetzte er:Jetzt ist's mir klar: da spricht jemand ganz anderer aus Ihnen! Ich Hab' mir die ganze Zeit schon den Kopf zerbrochen, wer? Unsere Bekannten hier sind ja alle zu dumm dazu. Gegen die käme ich immer auf. Es muß ein Outsider sein. Und so verrückt es klingt ich möchte jetzt wetten: Es ist unser seliger Kilian Böhm!"

Unser seliger Kilian Böhm?" War er denn tot? Sie schaute ihn bang an, und er lachte:Na seinen Geist hat der doch schon lange aufgegeben! Er selber lebt ja noch! Da brauchen Sie nicht zu erschrecken! Aber dies Erschrecken hat Sie verraten! . . . Also Kilian Böhm ist's! Na ich

danke! Ich muß gestehen, Fräulein Rasmussen: wenn schon, dann hätte ich mir lieber einen ernsthafteren Nebenbuhler gewünscht ..."

Sie begriff ihn anfangs gar nicht:Nebenbuhler? Was heißt das? . . . Daß ich etwa für Kilian Böhm irgendwie

aber das ist ja lächerlich das ist ja verrückt ... ich weiß wirklich nicht, wofür Sie mich halten . ."

Ich hätte Ihnen diese Geschmacksverirrung ja auch nie zugetraut."

Aber daß Sie das nicht einsehen, daß es auch eine Freundschaft gibt - ach wo, Freundschaft das ist's noch weniger aber einen geistigen Einfluß, der nach ein oder zwei zufälligen Begegnungen in einem fortwirkt ich habe Kilian Böhm seit damals und dem Tag darauf nicht wieder­gesehen ich will ihn auch gar nicht Wiedersehen ich kann es nicht einmal denn er haust doch in der Wüste Nein es war einfach, daß mir plötzlich jemand die Augen aufgemacht hat, und daß ich ihm sehr dankbar dafür bin und nun abwarte, was daraus weiter in mir wird ..."

Und dieser jemand", sagte ihr Begleiter,ist ausgerechnet Kilian Böhm! Mit diesem von allen guten Geistern ver­lassenen Geschöpf soll ich mich nun herumschlagen diesem

na ich habe Ihnen ja in die Hand versprechen müssen, daß er ein Gentleman ist sonst würde ich's selber nicht glauben, sondern ..."

Ich begreife ja, daß er Ihr Feind ist", sagte Thomasine Rasmussen, und er widersprach:Ich? Nein! Der hat zwei andere Todfeinde. Die haßt er! Von denen hat der eine die Arbeit erfunden und der andere die Seife! . . . Kilian Böhm wäscht sich höchstens mit Sand. Die Moslim dürfen das in der Wüste. Sie wissen doch, daß er Mohammedaner ist? Er soll 'nen ganz netten kleinen Harem in Kairo haben

Schwiegermütter alles. . . deswegen flüchtet er auch immer hier 'raus nach den Pyramiden."

Nun ist's genug von dem rohen Spott!" sagte Thoma­sine Rasmussen.Nun hören Sie mich an: Ich will kein Wort über ihn von Ihnen mehr hören. Sie sollen mir das nicht entweihen nicht ihn selbst seine Persönlichkeit geht mich nichts an aber das, was von ihm ausgeht, und was es für mich geworden ist verstehen Sie das?"

Nein!" versetzte ihr Begleiter trocken.

Das ist auch gleich! Jedenfalls wissen Sie es jetzt!"

Sie hatte sich in Zorn geredet. Eine leichte Röte färbte ihre Wangen. Eine Weile gingen sie stumm dahin, längs einer Hecke, in deren nächtigkühlem Dunkel Tausende und aber Tausende von Zugvögeln jubilierten, und wieder im Schatten von Dattel- und Kokospalmen und über das brennende Sonnengold freier Blumenflächen - man schaute hier im Pharaonenlande gar nicht mehr des Morgens nach, ob die Sonne schien - man wußte: der Himmel war ewig blau,

Tag für Tag und Woche um Woche und endlich versetzte Erich Bardefleet nachdenklich:Sonderbar diese Fähigkeit des Jdealisierens hatte ich bei Ihnen noch gar nicht bemerkt! Ich hielt Sie immer für so klar und so recht für das mutter ot tuet empfänglich. Aber Sie stilisieren sich ja die Menschen mit einer wahren Virtuosität zurecht . ."

Das ist absolut nicht der Fall!"

Doch. Sie lernen da einen Menschen kennen: bei der Sphinx! Hinten die Pyramiden Sonnenuntergang Wüste... er trägt einen weißen Mantel er schwatzt ge­heimnisvolles Zeug. Dann sehen Sie ihn nicht wieder, und in der Erinnerung wäckfft solch ein Bild, und Sie ergänzen es sich, bis es zu Gott weiß was wird. Das ist ganz natür­lich. Das ist der Hang zur Romantik, der unbewußt in so vielen sonst ganz gescheiten Menschen steckt. Ich bin auch nicht dumm aber ich fühle mich völlig frei davon."

Ja weiß Gott!" sagte Thomasine Rasmussen. Etwas Wahres mochte schon an dem sein, was er sprach. Er besaß ja eine wahre Kunst, sie mit jeder seiner kühlen Äußerungen zu beunruhigen und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie war froh, daß sie nun am Ghezirehpalast ankamen und dies Gespräch vorläufig sein Ende fand.

Es war die Zeit des Fünfuhrnachmittagstees. Draußen, vor den Toren, hielt eine ganze Wagenburg Automobile, Sportgefährte, Glas kutschen und Landauer der Diplomaten, der Effendis und der reichen Griechen, und Droschken in Menge und im Garten innen saßen an den Tischen die satten Menschen der ganzen Welt, vom Minenkönig von San Francisco und dem englischen Lord bis zum Pariser Bankier und russischen Fürsten, mit ihren Frauen und Töchtern, und es wehte wie ein Hauch von Gold unter den Palmen und hinüber zu den nahen Wassern des Nils. Thomasine Rasmussen und Erich Bardefleet gesellten sich zu ihren Be­kannten. Es war immer der gleiche Kreis oder vielmehr: er wechselte in sich wohl dieser reiste ab jene trafen neu ein aber es blieb doch das gleiche Bild der gleichen Menschen bei all diesem Kommen und Gehen. Dem einzelnen haftete nichts Persönliches an. Das, was alle einte, war eben nur der gemeinsame Winteraufenthalt am Nil. Darum drehte sich alles. Bon sich oder seinem Eigenen sprach nie­mand. Das war in Gesellschaft verpönt. Niemand wußte daher eigentlich recht, wer der andere war, und es interessierte ihn auch nicht. Und Thomasine dachte sich, daß es doch eine eigentümliche Lieblosigkeit sei, seinen Nächsten nur als Mittel gegen das langweilige Alleinsein zu gebrauchen, wie er einen auch, und sich ihn im übrigen sanft, aber schonend vom Leibe zu halten. Und es schien ihr, als präge sich diese Härte der Weltauffassung auf den glattrasierten Gesichtern der Engländer rings um sie her aus und spiegele sich auf den rosigen, lächelnden Zügen der Amerikanerinnen und sei wahrscheinlich auch auf ihrem eigenen Antlitz zu finden, und sie schämte sich beinahe, hier zu sitzen. Und auch das, wovon man um sie her sprach, langweilte sie heute noch mehr als schon die letzten acht Tage. Es war so ermüdend einförmig: ob in dem Expreßzug von Assuan nach Khartum genügend Komfort zu finden sei, und ob sich der Ausflug nach dem Sudan überhaupt lohne undJawohl - die Königsgrüber in Theben werden bei elektrischem Licht gezeigt versäumen Sie das ja nicht!" undAch wo schwierig! . . . Cook arrangiert die Partie nach dem Fayüm alle Tage. . . Nehmen Sie sich nur bei ihm Tickets!" und was man heute nach dem Diner wohl mache richtig da war ja Ball in Shepheards Hotel. Und damit war man wieder mitten im Gesellschaftstreiben und zeigte sich die Sterne, als deren Trabanten man sich hier im Ghezirehgarten fühlte: dort die katholische Prinzessin mit ihren Kindern, die sich so gern scheiden lassen wollte aber der Papst erlaubte es nicht sie war schon dreimal umsonst deswegen in Rom gewesen und der alte, wie ein Bier­brauer aussehende Mann da drüben verdiente, wenn er so dasaß und rauchte, in der Minute zehn Dollars aus seinen