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Petroleumquellen in Amerika — er hatte es selbst neulich gesagt — und hier der vollbärtige Herr im einfachen grauen Reisezivil mit seinen Begleitern — das war ein regierender deutscher Bundesfürst — aber er war incognito hier — wer ihm vorgestellt wurde, mußte ihn mit „Sie" und „Herr Graf" anred en. . .
Das, was man sich da erzählte, hatte nun nicht einmal 'mehr etwas mit Ägypten gemein. Es war international wie das Gezwitscher von Vögeln. Das konnte ebensogut in Nizza gesprochen werden oder in Ostende oder St. Moritz, je nach der Jahreszeit — und wenn man zur rechten Zeit an einen dieser Orte kam, so traf man wahrscheinlich all diese armen Reichen wieder, all die altvertrauten Gesichter, die mit ihren Angehörigen, ihren Chauffeuren und Bediensteten, ihren Koffern, ihren Hunden und ihrer Langeweile auf die Wanderschaft gegangen waren, immer rundum, um dann wieder von vorn anzufangen. Und solch ein Leben war Erich Bardefleets Ideal! Das hatte er ihr vorgeschlagen, als äußerste Lockung, als etwas, was seiner und ihrer besonders würdig sei! Sie lachte innerlich zornig auf und warf einen feindseligen Blick auf ihn, der neben ihr saß, und bemerkte, daß er lächelte. Aber nicht zu ihr hinüber, sondern nach der Seite, wo er irgend einen Bekannten entdeckt haben mußte. Denn er winkte mit der Hand und rief laut: „Na — was stehen Sie denn da, Herr Doktor. . . Kommen Sie doch bei! . . . Nur immer munter! . . . Nur keine Müdigkeit vorgeschützt! ..."
Der, den er meinte, war ein kleiner, ziemlich rundlicher Herr in einem hellgelben, ganz neuen Sommeranzug, gelben spitzen Strandschuhen und einem mausgrauen, leichten Filzhütchen. In der Hand trug er einen großen, auch ganz neuen, khakifarbenen Sonnenschirm. Alles an ihm, auch der hohe Stehkragen, die blaue gefältelte Hemdbrust, die bunte Krawatte waren nagelneu. Er machte eine etwas verlegene, sonderbar abwehrende Bewegung mit der Hand, als sei er nur ein Fremdling hier, wie jener Fürst, dessen Inkognito man respektierte, und faßte dann doch, unter Bardefleets Blick, einen Entschluß und schritt auf die kleine Gesellschaft zu. Die Art, wie er beim Gruß zuerst mit der Hand an die Krempe des Hutes stieß und ihn sich dadurch schief ins Genick rückte, war merkwürdig linkisch, man hätte glauben können, er sei eine solche Kopfbedeckung gar nicht gewohnt und habe auch fremde Stiefel an, so behutsam ging er auf den Fußspitzen. Und das von einem dunkelen krausen Vollbart umrahmte Gesicht des kleinen, dicken Mannes, die tiefen, weichen Augen kamen Thomasine Rasmussen so seltsam bekannt vor, als er jetzt beklommen lächelnd, förmlich wie ein armer Sünder, vor ihr stehen blieb, und plötzlich merkte sie mit einem wahren Schrecken: das ist ja Kilian Böhm! Er hat sich wieder europäisch gekleidet, um in den GHezirehgarten und in deine Nähe kommen zu können...
Sie war im ersten Moment so betroffen, daß sie gar kein vernünftiges Wort des Willkommens fand. Erich Bardefleet aber war aufgesprungen und faßte den scheuen Gast, um dessen Lippen es von Bangen wie über eine Missetat zuckte, ohne weiteres bei der Hand und führte ihn herbei und begrüßte ihn laut und leutselig: „Na, das ist mal nett von Ihnen, mein lieber, verehrter Herr Doktor, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue! Gestatten Sie, meine Herrschaften, daß ich Sie mit Herrn Doktor Kilian Böhm bekannt mache. Sie wissen: der berühmte Ägyptologe und Sanskritforscher, so, setzen Sie sich nur da neben Fräulein Rasmussen! Ich trete Ihnen meinen Platz ab! Nur Ihnen! Ich tät's bei keinem andern..."
Kilian Böhm war gegenüber der kaltblütigen Sicherheit Erich Bardefleets ganz hilflos. Er tat, was der wollte, und ließ sich nieder und drückte Thomasine Rasmussen die Hand und sah sie dabei verstört und doch auch glücklich an. Sie merkte, er zitterte am ganzen Körper vor Aufregung über sein Wagnis, hier in europäischem Gewand zu erscheinen, das er gewiß schon seit Jahren nicht getragen. Es mußte ihm furcht
bar heiß und drückend sein. Denn die Schweißtropfen, die er, der Sohn der Wüste, sonst gar nicht mehr kannte, standen dick auf seiner Stirn. Und er suchte ein Taschentuch, um sie sich zu trocknen, und fand nicht gleich die ungewohnte Hosentasche, und machte dann, als er es wieder einsteckte, einen unwill kürlichen Ruck mit der Schulter, wie um einen unsichtbaren, weiten Arabermantel zurückzuwerfen, und der Herr ihn: gegenüber sah ihn erstaunt an. Aber niemand merkte etwas. Die drei oder vier Reisegefährten, die Thomasine und Erich Bardefleet seinerzeit bei der Heimsuchung Kilian Böhms an der Pyramide begleitet, waren alle nicht mehr da.
Erich Bardefleet hatte sich etwas abseits einen Stuhl irr die Reihe der übrigen gerückt, schlug ein Bein übers andere, zündete sich eine Zigarette an und sing mit denen nur ihn wieder von dem Ball heute abend zu sprechen an, zu dem eine Anzahl ihm bekannter englischer Offiziere aus dem Sudan auf Urlaub erscheinen würden — große Jäger darunter und andere Sportcharaktere. Um Kilian Böhm kümmerte er sich nicht weiter, und auch die andern überließen ihn Thomasine Rasmussen und sahen ihn nur von der Seite mit verstohlenem Interesse und einem unterdrückten, halben Lächeln an. Denn etwas Komisches war an ihm. Man konnte gar nicht einmal sagen, was! Es haftete an seinen grellen, funkelnagelneuen und dabei nur mäßig sitzenden Kleidern, an seinen eigentüm lichen Bewegungen, die, sogar jetzt, während er nur bei dem arabischen Diener Tee bestellte, etwas förmlich Plastisches, Blumen- und Farbenreiches wie das Gebärdenspiel eines Orientalen an sich hatten, und auch an seinem Gesichtsausdruck, der immer noch eigentümlich verdutzt war, so als staune er über sich selbst und darüber wie er hierher geraten.
Früher hatte er von unten, aus dem Gewühl der Straße herauf, über diese närrische Drohnenwelt da oben vergnüglich gelacht. Jetzt, wo er mitten darin war, wurde sie ihm un heimlich. Sie flößte ihm Angst ein. Thomasine sah das wohl. Er saß wie ein scheuer verflogener Vogel neben ihr, förmlich bei ihr Schutz suchend, und zog sogar einmal in seiner Beklommenheit das rechte Bein hoch, um sich nach morgenländischer Sitte darauf zu setzen, und ließ es beschämt, auf einen raschen Blick von ihr hin, wieder sinken und wischte sich wieder den Schweiß von der Stirn und seufzte leise über die Marterwerkzeuge europäischer Kultur, die ihn vom Halskragen bis zu den engen Stiefeln umspannten, und schaute sie dabei doch schüchtern glücklich an, als wollte er sagen: Für dich leide ich das alles! Und sie kämpfte entschlossen die Enttäuschung nieder, in der sich für sie der malerisch weiß gekleidete, einsame Weise in Wüstenglut und Pyramidenschatten in diesen rundlichen, deutschen, linkisch in seiner Teetasse löffelnden Gelehrten verwandelt hatte, eine Gestalt, wie man ihr auch daheim in jeder kleinen Universitätsstadt, eigentlich vor jedem Gymnasium begegnen konnte, und fragte freundlich: „Nun, was haben Sie denn die ganze Zeit gemacht, Herr Doktor?" Und nun schien ihr die Anrede „Herr Doktor", die ihr bisher immer so sonderbar vorgekommen, ganz natürlich.
Die andern hörten nicht zu, sie schauten alle einer eben vorüberrauschenden, wespenschlanken Dollarprinzeß nach, und Kilian Böhm erwiderte stockend: „Ich Hab' auf Sie gewartet ..."
Das ärgerte sie. Wie konnte er nur denken, daß sie immer wieder zu ihm hinauspilgern würde? Oder das überhaupt könnte? Er war wirklich ein großes Kind. Und er fuhr, leise und kleinlaut, fort: „Und weil Sie gar nicht mehr kamen, Hab' ich gedacht, ich wollte einmal nach Ihnen sehen, und Hab' mir den Rock und die Hosen da machen lassen, und im Hotel nach Ihnen gefragt, und da hat mar: mir gesagt, Sie wären hier. Und wie ich hier sah, daß so viele Leute um Sie herum saßen, da wollte ich lieber wieder still Weggehen. Aber da hat mich der da drüben im letzten Augenblick noch bemerkt ..."
Er warf einen schuldbewußter: Blick nach Erich Bardefleet. Durch den gleichmachenden europäischen Kleiderschnitt schienen von ihn: Mut und Sicherheit gegenüber den: großen, blonder:
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