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Mann gewichen zu sein. Aber dann lächelte er und meinte: „Schließlich ist's doch ganz gut! Nun können wir uns doch wenigstens einmal wieder sprechen!" Und sie antwortete: „Ja, freilich, Herr Doktor!" und dachte sich dabei im stillen: Hätte dich doch Bardesteet lieber nicht gesehen! Wärest du lieber heimlich fort, ehe ich dich gesehen! Es wäre für dich besser gewesen und für mich. Das ist eine grausame Erkenntnis, wie viel ein weißer Mantel im Leben ausmacht und ein unbeholfener Gruß . . .
Sie war zornig auf sich und ihre Kleinlichkeit, sie bezwang sich, er selber war ja da! Was lag an seiner Hülle? Und doch kam sie nicht darüber hinaus. Er tat ihr leid. Aber es war auch Ärger über ihn dabei. Sie sah jetzt sogar allerhand Mängel seiner Gestalt, die bisher der weite Faltenwurf verhüllt, die sonderbar runden und dicken, ein bißchen Zu kurzen Beine, die flachen Schultern, und vor allem dies Bäuchlein, das sich vordringlich und vergnüglich wölbte, und wenn sie die Augen abwendete und sich wiederholte: Er selber ist ja da,
so kam die Frage hinterher: Aber weswegen? Und die Antwort: Deinetwegen! brachte ihr neue Beklemmung. Was wollte er denn nur von ihr? Bei jedem andern war dies klar» genug. Aber solch ein wunschloser Weiser wie Kilian Böhm . . . nein, das Unrecht wollte sie ihm in Gedanken nicht auch noch antun. Ihn hatte gewiß nur der Drang Hergetrieben, die Gespräche über solch ernste und tiefe Dinge wie neulich mit ihr zu erneuern.
Aber es war heute schwer, ihn überhaupt zum Reden zu bringen. Er war zu unruhig und erregt. Er wollte nichts sagen, was nicht Zu diesem Ort und zu diesem Kreis paßte, und rückte auf seinem Stuhl hin und her und sah Thomasine verstohlen und freundlich an und trocknete sich wieder den Schweiß, in den die zugeknöpften Kleider ihn badeten, und machte ein klägliches Gesicht und gestand ihr halblaut auf ihre Frage: „Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, so enge Stiefel zu tragen. Sie drücken mich fürchterlich!" und sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch und starrte vor sich hin, um ihren Unmut zu verbergen.
„Eine Zigarre, Herr Doktor!" rief Erich Bardefleet höflich und reichte sie seinem Gegner hinüber und zündete ihm noch selbst das Streichholz an. Er nahm sie und rauchte. Nun sah er wirklich ganz wie ein kleiner deutscher Philister aus.
Und mitten aus seinem Kummer über das quälende Schuhzeug heraus sagte er zu Fräulein Rasmussen: „Sie hatten
ganz recht neulich . . . beim Abschied an der Bahn. Ich darf mein Europäisch nicht völlig verlernen, auch in der Kleidung nicht! Man wird sonst zu einseitig. Es entgeht einem zuviel! Ich Hab mir auch noch einen Gesellschaftsanzug anfertigen lassen. Da bin ich nun ganz frei. Da kann ich hin, wohin ich will!"
Kilian Böhm in Frack und weißer Binde! Das Herz tat ihr weh bei dem Gedanken. Sie wollte ihn ihm ausreden. Äber dann fiel ihr ein: er hat ja doch keine Gelegenheit, ihn zu tragen, und sie schwieg. Er auch. Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander. Sie machte sich innerlich Vorwürfe. Sie hätte doch vielleicht vorsichtiger gegen ihn sein müssen. Nun hatte sie ihn aus seiner Beschaulichkeit und seinem stillen Lebenskreis gerissen. Und er schien zu merken, daß ihr etwas an ihm nicht recht war. Er suchte es gutzumachen. Er nahm wieder einen Anlauf zu einem Gespräch. Aber die Angst, irgendwie anzustoßen, lähmte seine Zunge. Es kam nichts von Seelenwanderung und Aufhebung von Raum und Zeit, sondern er fing von einer ganz trockenen, wissenschaftlichen Entdeckung an, einem Fund, den man gestern in der Gegend gemacht, wo einst die Pyramide Men-Nofer gestanden. Ihr Erbauer war der Pharao Pepi gewesen. Das hörte Erich Bardefleet und fragte schleunigst herüber: „Wie hieß der Pharao, Herr Doktor?" Und Kilian Böhm wiederholte ernsthaft: „Pepi!" und wurde, - als eine Dame daraufhin plötzlich mit dem Lachen herausplatzte, ärgerlich und versetzte: „Das ist
doch nichts so Merkwürdiges. Der Name .Pepll kommt in
der sechsten Dynastie sehr häufig vor! Wir treffen da noch auf einen Pepi-Nacht, der Pyramidenvogt war, und einen Pepi-Na . . . und ..."
„Und sonst lauter Pepis!" sagte Erich Bardefleet, und nun lachten alle. Und das reizte Kilian Böhm in seiner
Verlegenheit noch mehr. Er beharrte: „Ich weiß wirklich
nicht, was daran komisch ist!" und entfesselte neue Heiterkeit. Und die galt — Thomasine zuckte zusammen — nicht nur den Pharaonen, sondern auch ihm. Er hatte etwas Komisches an sich, in der stillen, vorwurfsvollen Art, mit der er diesen leichtsinnigen Weltkindern gegenübersaß und von seinen Pepis sprach und unseligerweise auch von einem Seher jener Zeit, der Schepses-Kaf-Leben genannt war. Da hatte Erich Bardefleet, auf einen dicken Frankfurter Bankier an einem Nachbartisch deutend, gemeint: „So könnte der auch heißen!" und
Kilian Böhm hatte ihn nicht verstanden, sondern ihn unschuldig angeschaut, und wieder kicherte die Dame von vorhin und unterdrückten die andern mühsam ihr Lächeln aus Respekt vor einem so hervorragenden Ägyptologen. Und als er beharrlich und pedantisch wieder anfing: „Die Forschungen des Marquis de Rouge haben mit unumstößlicher Sicherheit ergeben, daß König Pepi in Mittelägypten auch eine Stadt anlegte, die nach ihm die Pepistadt benannt war ..." da stand Thomasine plötzlich auf und sagte: „Verzeihen Sie! Ich muß jetzt nach Hause", und die andern erhoben sich rasch auch, froh, den gelehrten Mann loszuwerden, und Kilian Böhm brach mitten im Satz ab, saß einen Augenblick erschrocken da und murmelte dann kleinlaut: „Ach so!" und trat auch auf seine Beine mit schmerzhaft verzogenem Gesicht. Denn die Stiefel drückten ihn nun noch mehr. Er hinkte beim Gehen, und daß er dabei noch zu lächeln versuchte, schnitt Thomasine ins Herz. Er tat ihr jetzt wieder wirklich leid. Sein Hütchen hielt er in der Hand und stand mit bloßem Kopf da. Und sie wollte ihn zum Abschied trösten und ihm ein gutes Wort sagen und drückte ihm recht freundlich die Rechte und nickte vertraulich: „Auf Wiedersehen, lieber Herr Doktor Böhm!"
und nun hellten sich seine traurigen Züge wieder auf, und in seinen Augen war wieder der stillglückliche, dankbare Ausdruck, während er ihr nachsah, wie sie mit den andern zu den Wagen schritt, und er selber mutterseelenallein neben dem leeren, unordentlichen Teetisch stand.
Erich Bardefleet hatte seinen Dogcart draußen. Er war allein damit gekommen. Jetzt stieg Thomasine Rasmussen bei ihm ein und ließ sich von ihm in die Stadt zurückbringen. Er lenkte selbst den feurigen Traber. Sein knirpsiger brauner Groom hockte blasiert, die Arme über seinem goldflittrigen roten Affenjäckchen gekreuzt, den Fes tief im Genick, auf dem Hinterbänkchen. Er verstand nur etwas Englisch. Wenn die beiden da vorn Deutsch redeten, störte er sie nicht. Aber zunächst wechselten sie nur ab und zu ein paar gleichgültige Worte miteinander, während sie durch das Gewühl des Nachmittagskorsos auf der Insel Bulak dahinfuhren. Erst als sie die große Nilbrücke hinter sich hatten, lachte er plötzlich auf und sagte: „Merkwürdig, wie der Mensch sich rückwärts
entwickeln kann! Heute war Kilian Böhm der richtige deutsche Gelehrte, von Anno dazumal mein' ich — jetzt sind sie ja auch schon anders — aber ich erinnere mich aus meiner Studienzeit noch an genug solche linkische Bücherwürmer! Als so ein Kerl ist er offenbar auch vor langer Zeit hier herübergekommen und hat sich dann allmählich hier im Morgenland bunt eingesponnen. Und nun kriecht doch wieder solch ein graues Männchen in Räuberzivil heraus."
Sie erwiderte nichts. Was auch? Er hatte ja recht. Er besaß ja die Gabe, selten etwas besonders Kluges, aber niemals etwas Dummes zu äußern. Und jetzt sprach er nichts anderes aus, als was sie sich selber dachte. Und dann setzte er noch hinzu, auf das farbige Gewühl der Straße, die weißen Häuser, den blauen Himmel, die grünen Palmen blickend: „Von diesem Standpunkt aus ist wahrscheinlich der ganze Orient eine optische Täuschung. Und ebenso auch Kilian