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Böhm. Wenigstens, was orientalisch an ihm ist. Na — und der Rest .... den haben wir ja heute gesehen!" Er lachte wieder herzlich, während er den Wagen vor den: Hotel zügelte und ein Schwarm bunter, dienstbarer Geister die Treppe hernbstürzte. „Haben Sie bemerkt, wie den Kauz seine engen Stiefel kniffen?"
„Ja!" sagte Thomasine Rasmussen kurz. Sie ärgerte sich über seinen Ton. Aber sie drückte ihm zum Abschied die Hand fester als die Tage bisher und eilte dann
in den Gasthof, ohne sich umzuwenden. Es war wie
eine Flucht. Und sie fühlte: Er schaute sehr befriedigt
hinter ihr her. Einen größeren Gefallen als durch sein
heutiges Erscheinen hätte ihm Kilian Böhm ja auch gar nicht erweisen können.
Und diese Stimmung der wieder wachsenden Wehrlosigkeit gegenüber Erich Bardefleet blieb, während sie mit den beiden alten Husebecks im Speisesaal unten das Diner einnahm und kaum zuhörte, was bei den einzelnen Gängen der Konsul sich von seiner Frau an Erinnerungen an ganze Generationen chinesischer Köche im fernen Osten vorerzählen ließ — und auch als sie allein oben in ihrem Zimmer stand, war sie in einer Laune, daß sie am liebsten gar nicht zu dem Ballabend gegangen wäre, sondern sich gleich, nur neun Uhr abends, enttäuscht und verdrossen ins Bett gelegt hätte. Jetzt kam ihr nicht nur Kilian Böhm komisch vor, der vielleicht schon wieder träumerisch vor seinem Zelt in der Wüste hockte, an seiner Wasserpfeife sog und, in die Nacht hinausblinzelnd, mit dem schwarzen Schattenberg der Cheopspyramide und dem mondbeschienenen Geisterhaupt der Sphinx und dem Stern - gefunkel am Himmel Zwiesprache hielt — nein — sie selber schien sich lächerlich, daß sie sich durch all diese romantische Staffage so hatte blenden lassen - schwärmerisch wie ein Backfisch, in Erich Bardefleets Augen. Und gerade um seinetwillen wollte sie von der Gesellschaft unten nicht fortbleiben. Er sollte nicht denken, daß sie Angst vor ihm habe. Aber sie schob es doch so lange wie möglich hinaus. Erst als die Walzerklänge von unten schon eine halbe Stunde an ihr Ohr getönt hatten, trat sie endlich, frische Blumen im blonden Haar, ihren großen Straußenfederfächer in der Hand, in weißem, ausgeschnittenem Kleid, eine strahlendstolze, königliche Erscheinung, in den Ballsaal.
Die große Kuppelhalle war schon dicht gefüllt. Ein
Gewimmel von Toiletten in allen Farben der Blumenbeete draußen im Garten und von schwarzen Fracks und weißer Wäsche unter den Palmen in den Ecken und dem Glanz der Kronleuchter — ein Schleppenrauschen und Lachen und Plaudern in Englisch, in Deutsch und Französisch und Italienisch durcheinander -— das lud und lockte und schmeichelte wie drüben das Schwirren der ungarischen Zigeunergeigen — und doch schoß es ihr plötzlich durch den Kopf: Was ist das wieder
für ein Singen und Springen? — was sind das für leere Gesichter? — das kann nicht das richtige Leben sein, wie mir das Erich Bardefleet weismachen will.
Und da sah sie ihn. Er stand im Gespräch mit einer Gruppe britischer Offiziere aus dem Sudan, die natürlich alle Frack und weiße Binde trugen — braungebrannte, von der Sonne verzehrte Sportköpfe — alle noch jung, die meisten glattrasiert, mit einem hartnäckigen Zug um die dünnen Lippen, wenn sie auch heiter lächelten und flirteten, dem angeborenen Instinkt des Weltbeherrschens, so wie wohl einst im alten Rom die jungen Männer von Stande ausgesendet waren, um an allen Enden der Erde die Barbaren im Zaum zu halten. Einige andere, aus einem Nebenzimmer gekommene Kairenser Deutsche, die den roten Fes, das Zeichen des Dienstes in der Khedivialregierung, auf den blondhaarigen, bei einem oder zweien mit verharschten Schmissen bedeckten Köpfen trugen, hatten sich dazugesellt. Sie
lachten unbändig und deuteten auf eine Ecke des Saales, und einer von ihnen sagte kopfschüttelnd: „Nee — so ein
verrücktes Huhn!" Und zugleich hatte Erich Vardefleet Fräu
lein Rasmussen bemerkt und kam auf sie zu und war so verdächtig vergnügt, daß sie merkte, es müsse etwas Besonderes geschehen sein!
Sie schaute ihn erwartungsvoll an, und er meldete ihr, die Fingerspitzen leicht aneinanderschlagend, um doch irgendwie seinem innern Jubel Ausdruck zu geben: „Wissen Sie
schon das Neueste? Aber erschrecken Sie nicht: Kilian Böhm ist hier!"
Sie zuckte wirklich zusammen. „Hier im Hotel?"
„Ja. Mitten im.Vallsaal oder vielmehr — er hat immer die Wand als Rückendeckung. Da schiebt er sich dann so lang. Da... da ist er! . . . Da wo die Damen so lachen — es kennen ihn doch eine Menge Leute hier — und die ihn nicht kennen, denen sagen's die andern . . . Eben hat er einer Engländerin auf die Schleppe getreten. Darin ist er nämlich groß — er hat, glaub ich, schon drei auf dem Gewissen — sehen Sie ihn?"
„Ja", sagte Thomasine Rasmussen.
„Ist er nicht gottvoll? Der Frack! Wie er hinten absteht — und wie sich vorn das Bäuchelchen wölbt - und die Binde sitzt schief . . . und wie er dabei immer so ernst und kummervoll dreinschaut. . ."
„Aber was macht er denn nur hier?" fragte sie erbittert.
„Er sucht Sie!" Erich Bardefleet konnte sein Entzücken kaum mehr verbergen. „Überall sucht er Sie. Er will sich an Sie klammern, hier in der bösen Welt. Er kann nicht begreifen, daß Sie noch nicht gekommen sind, wo der Ball doch schon lange angefangen hat, und fragt alle Leute nach Ihnen, und die schicken ihn überall hin in den April — bis zur American Bar war er schon und hat Sie auch dort nicht gefunden."
Thomasine Rasmussen biß sich auf die Lippen, und der andere fuhr selig fort: „Er hat immer noch die engen Stiefel
an. Beobachten Sie nur, wie er geht —- wie auf rohen Eiern — bloß mit den Fußspitzen — da . . . da. . . jetzt läuft er aus einmal nach dem Garten hinaus ... die beiden jungen Deutschen drüben, die so lachen, haben ihm wahr scheinlich aufgebunden, Sie schöpften da draußen ein wenig frische Luft."
Zwischen den hageren straffen Athletengestalten der eng lischen Sudanoffiziere hindurch konnte Thomasine Rasmussen jetzt deutlich Kilian Böhm sehen, wie er sich, immer scheu, mit ebenso schlechtem Gewissen wie heute nachmittag, durch die glänzende Ballgesellschaft dahintrollte —' in seinem viel zu knappen Frack und den zu kurzen schwarzen Hosen. Ein paar hochmütige Amerikanerinnen wendeten nachlässig die Köpfe aus ihren langen weißen Hälsen nach ihm. Die wunderten sich auch, wie der kleine, dicke, vollbärtige Mann hier hereinkam - und die bösen Buben, die ihn unter die Palmen gesandt, schmunzelten hinter ihm drein. Gottlob — jetzt war er wenigstens weg. Thomasine Rasmussen atmete auf und ließ Erich Vardefleet stehen und eilte ihm durch den Korridor in den Park nach.
Dort stand er neben einem duftenden ostindischen Blütenstrauch im Mondschein. Als er sie erblickte, lächelte er glücklich und ging auf sie zu und streckte zutraulich seine Hand aus. Aber sie nahm sie nicht. Sie hemmte ihren Schritt vor ihm und sagte erbittert und leise: „Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich und mich hier lächerlich machen, Herr Doktor Böhm?"
„Ich?" fragte Kilian Böhm ungläubig. Allmählich verbreitete sich ein Schrecken über sein Antlitz.
„Ja, Sie! Was fällt Ihnen denn ein, mich hier überall zu suchen? Wer hat Sie überhaupt geheißen, hierher Zu kommen?"
Es zuckte von bitterem Schmerz um seine Lippen. „Sie haben doch selbst vorhin gesagt: Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen!'" . .
„Aber doch nicht hier . .! Herr Doktor Böhm . . wenn Sie mich ein bißchen gern haben und ein bißchen vernünftig
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