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wohnte. Das war ja nun für mich sehr bequem, denn ging es in meiner Studentenwirtschaft mal knapp her, was bei Musensöhnen in seltenen Fällen Vorkommen soll! dann wanderte ich ohne Scham und Scheu zu dem jungen Ehepaar, aß mit, was sie hatten und nicht hatten, und entschädigte sie für das, was ich ihnen an guten Bissen wegnahm, durch meine liebenswürdige Gegenwart.
Ich muß hier vorausschicken, daß zu den wenigen — sehr wenigen menschlichen Schwächen, deren ich mir bewußt bin, von jeher die eine gehört hat — wenn man „Schwäche" nennen will, was eigentlich nur eine besondere Feinheit der Geschmacksnerven ist — also daß ich die Schwäche hatte, gute Dinge lieber zu essen als schlechte, und daß mir mit einer Magenlabung leicht beizukommen war. Mein jugendlicher Appetit und eine gewisse holde Dreistigkeit unterstützten dieses angeborene Talent bis zur äußersten Vervollkommnung, und ich langte zu, wenn es mir schmeckte, ohne besondere Rücksicht darauf, was für den lieben Nächsten auf der Schüssel blieb.
Ob es die Folge dieser Eigenschaft war — ich will es nicht untersuchen — in jedem Fall bemerkte ich bald bei meinem Geschwisterpaar eine ganz verteufelte Neigung, mir gute Extra- bissen, die etwa ihre Tafel zierten, schnöde zu verheimlichen. Ich kam öfter des Abends unerwartet dazu, wenn gerade der letzte Rest eines Pastetchens oder ein Spargelsalat auf dem Tisch stand, den ich in der Urgestalt nicht zu sehen bekommen hatte, auch hörte ich einmal mit meinen beiden, mir extra zu dem Zweck angewachsenen Ohren, wie mein Schwager zu seiner Frau die bissige Bemerkung machte: „Tu' die Gänseleberwurst weg, Mathilde; wenn Rudolf die in Angriff nimmt, ist morgen im ganz besonderen Glücksfall noch ein Zipfelchen davon übrig!"
Na, solche scheußliche Gesinnung mußte ja auch das lammfrommste Jünglingsherz mit tiefer Bitterkeit erfüllen, und sie straflos hingehen zu lassen, wäre gegen die einfachsten Gesetze der Moral gewesen! Ich stellte mich zunächst arglos und ahnungslos, aber ganz im stillen wartete ich auf ein günstiges „Gelegenheitlein", wie der Staar der Frau Hadwig im „Ekkehard", um den beiden die Sache „zu besorgen", wie man so zu sagen pflegt. Und diese Genugtuung sollte mir bald durch eigenes Verschulden der Übeltäter werden. Ich wußte, daß ein Onkel meines Schwagers, ein reicher Gutsbesitzer aus Pommern, jedes Jahr zur Rebhühnerzeit die gute und zur Nachahmung gar nicht genug zu empfehlende Gewohnheit hatte, den Meinigen eine Sendung dieses edelsten aller Vögel zu schicken; den ganzen Sommer über hatte ich es an feineren und gröberen Hinweisen auf dieses zu erwartende erfreuliche Ereignis nicht fehlen lassen! Ich hatte nie versäumt, bei festlichen Anlässen mein Glas mit liebenswürdigem Gesichtsausdruck zu erheben: „Wie schön wird dieser vortreffliche Wein zu den Rebhühnern schmecken!" Kurz — ich durfte nun mit gutem Gewissen sagen, daß ich in der wichtigen Angelegenheit nichts versäumt hatte, was immer ein recht beruhigendes Gefühl ist!
Da, eines Abends im goldenen September, gehe ich wieder einmal Zu den Geschwistern, und aus irgend einem mir heut nicht mehr erinnerlichen Zusallsgrund — ich glaube, der Vorraum des Hauses wurde neu gestrichen — bediene ich mich der Hintertreppe, um hinauf zu gelangen. Meine Augen schweifen dabei planlos umher und sehen — o Freude ohne Grenzen und ohnegleichen — außen am geschwisterlichen Küchenfenster ein Bündel Rebhühner hängen, das ich in aller Geschwindigkeit auf fünf bis sechs Exemplare taxierte. Der Anblick hätte mir fast Tränen der Glückseligkeit erpreßt. — Also, sie sind da, die lang' Ersehnten, und nun werde ich eingeladen! jubelte mein gefräßiges Studentenherz.
Ich beschloß, den Lieben nicht die hübsche Überraschung zu verderben, ihnen nicht den schönen Anblick zu mißgönnen, wenn eine zarte Freudenröte bei der schönen Wendung: „Komme morgen zu uns zum Rebhühneressen!" meine männlichen Züge übergießen würde, und ich betrat mit einer wahrhaft meisterhaft gespielten Ünbefangenheit das geschwisterliche Wohnzimmer.
Die Unterhaltung wurde beiderseits aufs harmloseste eingeleitet: „Nun, wie geht's?" — „Oh, ich danke." —- „Hast du Nachrichten von Hause?" — und dergleichen mehr, was man so als Alltagsgespräch und Alltagskost aufzutischen pflegt. Aber bei diesen gleichgültigen Fragen und Antworten sieht mein durch die Erwartung geschärfter Adlerblick, daß die Meinigen auch Unbefangenheit heucheln — und zwar bei weitem nicht so gut wie ich.
Ein gewisses, künstliches Lachen, das ich an meiner guten Schwester von unserer gerneinsamen Kinderstube her kannte, und das immer bestimmt war, eine begangene oder in kurzem zu begehende Schandtat zu verdecken und zu verstecken — ein irrer, mich nur flüchtig streifender Blick meines Schwagers — die beiden hatten etwas — das war mir klar — aber was?! Einen Augenblick zerbrach ich mir den Kopf darüber — denn die Nächstliegende Lösung siel mir absolut nicht ein! Ich verließ somit das Gebiet der ungelösten Rätsel, das ohnehin kein behaglicher Aufenthalt ist, und wartete mit allen Sinnen, mit jeder Fiber auf den Moment, wo die Freudenkunde: „Die Rebhühner sind angekommen, morgen kannst du sie mit uns verspeisen!" den Oualen der Ungewißheit ein fröhliches Ende machen würde.
Aber Minute auf Minute verrann — wir tranken Tee mit aller Gemütlichkeit — wir kehrten ins Wohnzimmer zurück —- saßen um die sonst trauliche Lampe am runden Sofatisch. Die Unterhaltung war teils lahm, teils von künstlicher, hüpfender Lebendigkeit — aber das heißersehnte Wort „Rebhühner" wollte sich nicht vernehmen lassen. Ich lauerte darauf, wie nur je ein verzauberter Märchenprinz auf die Formel, die ihn aus einen: unleidlichen Büren zu einen: goldschimmernden Königssohn machen soll — aber vergebens. Endlich ertrug es die gefolterte Seele nicht länger.
„Jetzt ist ja die Hühnerjagd in schönster Blüte!" warf ich mit vortrefflich gespielter Nachlässigkeit hin, dabei den Gesichtsausdruck meiner Lieben scharf beobachtend. Ein blitzartiges Zwinkern mit dem Augenlid, das sich mein Schwager leistete, entging mir ebensowenig wie ein flüchtiges Erröten seiner Gattin. Der Hausherr trällerte statt aller Erwiderung und ohne ersichtlichen Grund die damalige Tagesmelodie: „Herzliebchen mein unter dem Rebendach" vor sich hin — meine Schwester sagte nur trocken und kühl: „Eben" ein Zweisilber, aus dem sich ebensowohl nichts wie alles schließen läßt. Ich wagte noch zwei oder drei Versuche — ich streute die zum Hauptthema leitenden Worte: „Leibgericht" „Wacholderbeeren" — ja sogar „Speck" als Freudenblumen in das dürre, unfruchtbare Land der lahmen Unterhaltung — aber nichts verfing! Da plötzlich wurde es meinem arglosen Gemüt mit erbarmungsloser Deutlichkeit klar: die Elenden wollen mir das Eintreffen der Rebhühner verschweigen — die wollen sie ganz allein essen! Ein Moment lähmender, geistiger Starrheit kam über mich — ich faßte solche bodenlose Verderbtheit zuerst überhaupt nicht! Aber dann fiel in die wohl vorbereitete Mine sichtlicher Entrüstung der Funken einer Idee: so etwas durfte nicht ungerochen bleiben — eine derartige Gemeinheit verlangt ihre exemplarische Bestrafung — und sollte sie haben, so viel an mir lag.
Nun hieß es aber vor allen Dingen, die Verbrecher sicher machen. Ich begann eine lärmende Heiterkeit zu entwickeln — ich parlierte und erzählte, was das Zeug halten wollte — ich setzte mich an den Flügel und stimmte ein gefühlvolles Volkslied an — und dabei arbeitete es in meinen: gereizten Hirn wie in einer Maschinenwerkstätte. Fünf Rebhühner waren es wenigstens, die ich gesehen habe —- große, schöne Kerle — und dazu laden sie ihren Bruder nicht einmal ein! Und bei dieser Vorstellung ergriff mich eine ungeheuere Wehmut — ich brach mit einen: schrillen Mißakkord mitten in meinem Lied ab, schützte eine fast vergessene Verabredung mit einen: Studienfreunde vor, den ich in später Stunde von der Bahn holen sollte, und verabschiedete mich einigermaßen kühl — was immerhin menschlich war — von meinen nächsten Angehörigen.