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Kenneraugen als jung, fett und bildschön feststellte, in ein blitzsauberes Küchentuch zu hüllen und mit allen erforderlichen Ingredienzien hinter mir herzutragen. Ich rechnete, während ich mit diesem Liebesboten durch die Straßen schritt, innerlich die Kosten meines Unternehmens nach. Suppe — kann bei einem Frühstück als überflüssig gelten, somit sortfallen, ein kleines Vorgericht stellt die hilfreich freundliche Konservenbüchse rasch und billig her, Braten und Nachtisch liefern die Geschwister, ich kann mir noch zwei Flaschen Schaumwein leisten — wir haben ja heut erst den Fünften des Monats!
Und dem leichtsinnigen Entschluß folgte, wie den meisten seinesgleichen, die Tat — eine Viertelstunde später wirkte und schaffte Karoline in der Küche brodelnder, würziger Dampf schlug an meine sehr angenehm berührte Nase — und in einem Eiseimerchen ruhten die beiden Silberköpfigen, die in ihrem verschwiegenen Innern die Funken des Frohsinns und der geselligen Stimmung beherbergen — allen Antialkoholikern zum Trotz.
Karoline, in blendend weißer Schürze, kommandierte ein Heer freiwilliger Hilfstruppen, zu dem die Kinder meiner Wirtin in aller Eile und voll fieberhaften Interesses an dem ungewohnten Ereignis angeworben waren und alles anschleppten, was in meiner Junggesellenhäuslichkeit etwa noch zur Ausgestaltung des Festmahls fehlte. Ich stand, als tadellos kostümierter Gastgeber, inmitten meines Zimmers, rieb mir die Hände vor Bosheit und Gastfreundlichkeit und sah dem Eintreffen meiner lieben Verwandtschaft entgegen.
Da waren sie auch schon, die Tante mit der reizenden, wirklich reizenden Cousine und das ahnungslose Geschwisterpaar; mit freudigem Hallo und staunender Bewunderung meiner Talente als Arrangeur nahmen sie alles in Augenschein — die Sache hatte von vornherein Stimmung!
„Nein, ein zu netter Einsall von dir, Rudolf", wiederholten sie einmal übers andere, ich schmunzelte nur und nickte so recht selbstgefällig nach allen Seiten.
„Nicht wahr, ich kann stolz auf meinen Bruder sein?" meinte Mathilde und klopfte mich zärtlich auf die Schulter, was mir eine leise Beschämung eintrug, die sich aber rasch und rückhaltslos wieder in satanische Freude über meinen frechen Witz verwandelte. Ich machte die Tischordnung, mein Schwager führte die alte Tante, ich meine Schwester und das allerliebste Cousinchen. Das bescheidene Vorgericht wurde mit freundlicher Anerkennung der spärlichen Studentenbörse nachsichtig hingenommen. Da öffnete sich die Tür, meine Wirtin brachte, mit einem Hochgefühl, als wenn sie die sämtlichen Rebhühner selbst ausgebrütet hätte, die Schüssel mit den braunen, duftenden Leckerbissen hereingetragen.
„Nun seht nur den Jungen an!" rief mein Schwager- freudevoll; „setzt uns hier Rebhühner vor! Du hast wohl im Schlaf das große Los gewonnen, Rudolf?"
„Es könnte sein!" erwiderte ich diplomatisch und entkorkte meinen Sekt. „Auf das Wohl meiner lieben, liebenswürdigen Gäste!" sagte ich gewandt, „mögen sie noch oft, und unter für mich so angenehmen Vorbedingungen, meinen einfachen Tisch beehren! Sie leben hoch!"
Es war ein unendlich fideles Frühstück!
Ich steigerte die Frohlaune bei mir und den andern durch fleißiges Einschenken; als der Nachtisch, süß und bräunlich, wie es der Baisertorte ziemt, erschien, verfehlte ich nicht, auf die
Meinigen als gütige Spender gebührend hinzuweisen, was ihnen einen abermaligen Toast einbrachte. Als nun gar noch Kaffee in kleinen Mokkatäßchen erschien, war die Bewunderung vollkommen, und mein berechtigter Stolz kannte keine Grenzen mehr.
„Ja, nun will ich euch einen Vorschlag machen", nahm mein Schwager, der heute vor Behagen und Seelengüte strotzte, das Wort, „Rebhühner sind etwas ganz Vorzügliches, das haben wir eben erprobt! Aber wenn es etwas gibt, was noch über Rebhühner geht, so sind es kalte Rebhühner, ich lade euch samt und sonders ein, heute abend bei uns kalte Rebhühner zu essen, die Karoline uns heute mittag braten sollte!"
„So?" dehnte ich, ihn scharf fixierend, „ihr hattet Rebhühner? Ich dachte, dazu wolltet ihr mich einladen?"
Aber bei dieser unverschämten Anzapfung begann es mir doch ein bißchen unbehaglich in der Magengegend zu werden, jetzt kam der peinliche, verhängnisvolle Moment meiner Entlarvung, er nahte auf geflügelten, unerbittlichen Sohlen.
Die Schwester und der Schwager sahen sich und mich indes verlegen an. „Ja — wir hätten ja auch — und wir dachten eigentlich..." Tante und Cousine lächelten verständnisinnig.
„Na!" sagte ich, und blies mich voll Courage, „wir nehmen wohl alle die freundliche Einladung dankend an — aber dann rate ich euch, besorgt euch schnell Rebhühner, denn wenn die heute noch gerupft, gebraten und uns kalt vorgesetzt werden sollen, dann wird's allmählich Zeit, und Karoline dürfte, wenn mich nicht alles trügt, auch nicht zu Hause sein!"
Meine Schwester sah mich mit wortlosem, starrem Erstaunen an. „Was heißt denn das?" brachte sie endlich tonlos hervor.
„Das heißt," rief ich freudestrahlend und nun wieder ganz Herr der Situation, „das heißt, daß ihr heut bei mir eure Rebhühner gegessen habt! Eure Karoline hat sie mit eurem Speck und eurer Butter bei mir gebraten! Habt ihr mich wirklich für so vernagelt gehalten, daß ich die lieben Vögelein nicht gestern in eurer Küche hätte rupfen sehen?"
Mein Schwager wollte wütend auf mich losfahren.
„Ruhe!" sagte ich mit Erhabenheit und Würde. „Ihr habt euch heute herrlich bei mir amüsiert — na, habt ihr's etwa nicht?" Ich wartete einen Moment auf Widerspruch, der aber natürlich ausblieb. „Gegessen hätten wir die Reb Hühner ja doch!" fuhr ich siegreich und jubelnd fort, „und wenn ihr eine Lehre bekommen mußtet, so konntet ihr sie unter keiner angenehmeren Form bekommen - ist das nicht wahr? Nächstes Jahr bin ich längst auf einer andern Universität, und wenn ihr da wieder Rebhühner eßt, werdet ihr bitterlich weinend sagen: ,Ach, hätten wir doch unsern guten Rudolf noch hier — der aß so gern Rebhühner was in keiner Richtung ausschließt, daß ihr mir welche schicken dürft!"
Na — das Ende der Sache war ja vorauszusehen! Es erfolgte bei der zweiten Flasche Sekt, die ich klüglich für etwaige Fälle seelischer Verstimmung zurückbehalten hatte, ein feierlicher Versöhnungstrunk — die Tante holte ihrerseits nun ihre Einladung nach, und wir saßen abends als ihre Gäste seelensfroh im feinsten Restaurant. Ich war — recht verdientermaßen —- der Herr der Situation und der Held des Abends.
Seitdem habe ich noch oft und viele Rebhühner bei den guten Geschwistern gegessen, und sie bei mir -— aber so fidel wie an jenem Tage ist es selten dabei hergegangen.
Der Kamps gegen die Wanderbettelei.
Von Lans Ostwald.
on der Romantik des Wanderlebens, wie sie Eichendorff in seinem „Taugenichts" schildert, finden wir heute nichts mehr auf der Landstraße — wenn sie überhaupt jemals vorhanden war. Gewiß muß das schön gewesen sein: fiedelnd die Landstraße entlang zu schwärmen, behütet von schönen und hochgestellten, wohlwollenden Frauen. Aber auch das ist sicher nur wenigen vergönnt gewesen.
Vielmehr dürfte es auch damals auf den Wanderwegen und in den Herbergen so ähnlich zugegangen sein wie heute. Beweis dafür sind die Vagabundenszenen in Nestrops „Lumpaci Vagabundus" und die Erlebnisse des großen Tragikers Hebbel.
Trotzdem bringt Eichendorffs „Taugenichts" einen wunderschönen Zug aus dem Wesen des deutschen Volkes klar und liebevoll zutage: