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die große Sehnsucht, in die Ferne zu schweifen — die Lust am Wandern, die in uns allen steckt.
Wir alle nehmen, wenn des Winters Schrecken vorüber sind, gern den Stock in die Hand und wandern vor das Tor, um zu sehen, ob die Knospen an den Bäumen schon gesprungen, ob die Sträucher schon grün sind und ob die Saat auf den Feldern keimt und wächst. Die erste Lerche, die wir hören, scheint wohllautender zu singen als mancher Künstler. Abends berichten wir wohl am Familientisch von den ersten Schneeglöckchen und den ersten Veilchen.
Zur Nacht sind wir wieder heimgekehrt.
Es gibt aber viele im deutschen Land, die nicht zur Nacht heimkehren und heimkehren können: die armen Reisenden, die Landstreicher, die Handwerksburschen, die Wanderarmen, wie sie heute genannt werden. Denen will man jetzt Heime errichten, Wanderarbeitsstätten erbauen.
Bisher mußten sie in Wind und Wetter von Tür zu Tür wandern und sich ihren Lebensunterhalt mühsam zusammenfechten. Nur jene, die aus dem Bettel eine Kunst gemacht haben, die recht erbärmlich, verfroren und verhungert sich gebärden konnten, hatten es leicht und standen sich gut dabei. Bessere Menschen aber mußten bittere Not leiden. Gerade sie aber verdienten es nicht, ohne Hilfe zu bleiben. Unter ihnen war eine große Anzahl von Männern und Greisen und Jünglingen, die nicht durch eigene Schuld auf die Landstraße gekommen waren. Zahlreiche Statistiken aus vielen Landstrichen Deutschlands, aus Herbergen, Arbeiterkolonien und aus Gerichten und Arbeitsnachweisen haben längst festgestellt, daß der Bedarf an Arbeitskräften heute hier, morgen dort stärker ist, und daß, um der Nachfrage genügen zu können, ein fortwährendes Hin- und Herwandern nötig ist. Gewiß, viele hat auch der Leichtsinn oder irgend ein Verbrechen oder Vergehen gegen das Gesetz entwurzelt. Viele andere wieder gehören zu denen, die nicht mehr recht leistungsfähig sind oder es nie gewesen waren; die werden in den Zeiten des schlechteren Geschäftsgangs eben einfach entlassen. Und für manche bringt der Weihnachtstisch die böse Zeit, in der keine „Saison" ist; besonders geht es den in der Bekleidungsindustrie Beschäftigten so.
Auf diese Weise kommt es, daß im Winter nicht nur die Wärmehallen und Asyle der Großstädte überfüllt sind; auch draußen in der Provinz sind die Herbergen stärker besucht als im Sommer. Und im kalten Regen, im scharfen Schneesturm, im schneidenden Ostwind müssen diese Mittellosen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wandern.
' Einige werden vielleicht durch die Strapazen abgehärtet. Mehr aber leiden darunter und büßen Arbeitskraft, wohl auch Arbeitslust, ein.
Da es aber nun um jeden Menschen zu schade ist, der zugrunde geht, will man ihnen jetzt Arbeit, Essen und Trinken und alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, besonders ein warmes Obdach, geben. Doch sollen sie es nicht geschenkt bekommen. Ein solches Geschenk würde ja alles wieder verderben, was man gutmachen will. Sie sollen sich ihren Unterhalt selbst verdienen. Sie sollen arbeiten. Man will ihnen Wanderarbeitsstätten bauen.
Schon lange sind viele ernste Männer, die ihr Leben den Armen und Elenden gewidmet haben, damit beschäftigt, den Wanderbettlern und wandernden Arbeitslosen Heimstätten zu errichten. Perthes fing vor mehr als fünfzig Jahren an, die Herbergen zur Heimat zu bauen, von denen wir fast fünfhundert im Deutschen Reich haben. Aber diese Herbergen können nichts schenken und bieten Nahrung und Unterkunft nur gegen Bezahlung. Die Wanderer müssen also von ihren Spargroschen zehren oder Mutter muß ihnen — wohl gar heimlich — manchen Taler nachschicken, oder aber sie müssen fechten gehen.
Das Betteln ist jedoch für den Geber sowohl als auch für den Nehmer ein recht zweischneidiges Schwert. Das sah man vor etwa dreißig Jahren zum erstenmal gründlich ein.
Die vielen sozialen Neubildungen, die damals im neuen Deutschen Reich sich verbreiteten und auch schon durchgesetzt hatten, verlangten auch nach Änderung im Fürsorgewesen. Die Innungen, die früher für die wandernden Handwerksburschen gesorgt hatten, konnten allein nicht mehr die Not bewältigen. Die übliche „Schenke", die sie gaben, reichte nicht aus. Und der Gesellen, die mit dem altväte- rischen Gewerksspruch in des Meisters Tür traten, wurden zu viele. Als nun gar vor dreißig Jahren der Krach nach den Gründerjahren viele Menschen brot- und heimatlos machte, die überhaupt keiner Innung mehr angehörten, traten hilfsbereite Männer und
Frauen zusammen und gründeten die Vereine gegen Verarmung und Bettelei. Die Hilfsbedürftigen brauchten nun nicht mehr mit gezogenem Hut von Tür zu Tür' zu gehen und demütig um eine kleine Gabe flehen, sondern sie bekamen eine größere Gabe von einer Stelle. Da die Vereine aber nur örtlich wirkten und oft auch die gereichte Gabe mißbraucht, in Schnaps umgesetzt wurde, so bildeten sich vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren Organisationen, die sich über ganze Landstriche erstreckten: die Verpflegungsstationen. Die Wanderarmen erhielten abends, wenn sie zugereist kamen, Suppe und Brot, bekamen ein Nachtlager, morgens einen Imbiß und an manchen Stellen auch ein Mittagessen, sie mußten aber dafür ein paar Stunden arbeiten: Gras schneiden, Steine klopfen, Holz zerkleinern, Straßen kehren oder was sonst an ähnlichen einfachen Arbeiten nötig war.
In vielen Provinzen und Landesteilen des Deutschen Reiches wurden die Stationen eingeführt. Auch wurden mit einigen hundert Stationen Arbeitsnachweise verbunden, um die Arbeitslosen in Arbeit bringen zu können. Aber weil sie nur ein Anfang und nichts Vollkommenes waren — in vielen Verpflegungsstationen mußten die müde einkehrenden und auch oft durchnäßten Wanderer in kalten Ställen auf Pritschen und im Stroh schlafen, ohne ausreichendes Essen zu erhalten — so gingen sie zum größten Teil wieder ein. In Württemberg, wo sie entstanden waren, gibt es schon seit Jahren keine mehr. Nur in Westfalen, Baden, Bayern, Schlesien und in einigen östlichen Provinzen sind einige Landstriche mit Stationsnetzen überzogen. Viele Gründe sprachen gegen sie. Vor allem verminderten sie in den Zeiten des schlechteren Geschäftsganges nicht die Zahl, der Wanderarmen. Und das furchtbare Laufen in Wind und Wetter von Station zu Station blieb.
Wie oft kam es vor, daß arme, schlecht gekleidete Wanderer bis auf die Haut durchnäßt des Abends einkehrten — oder andere mit hartgefrorenen Hosen durch den Schnee angewatet kamen.
All diese Unzulänglichkeiten und manche andere Ursachen führten dazu, andere Vorkehrungen für die Wanderarmen zu treffen. Größere Bezirke sollen einige Arbeitsstätten für sie einrichten, in denen die mittellosen Wanderer abwarten können, bis ihnen eine freie Arbeitsstelle angeboten wird. So brauchen sie sich nicht mehr unnütz der Unbill der Witterung auszusetzen und können sich ihren Unterhalt verdienen. Ist es nötig, daß sie eine größere Strecke zurückzulegen haben — etwa von dem Ort, wo sie mittellos wurden, bis zum Ort der Wanderarbeitsstätte oder von dort bis zu ihrer neuen Arbeitsstelle — so sollen sie mit der Eisenbahn befördert werden.
In der Gegend von Liegnitz und in der Nähe von Bielefeld in Westfalen sind solche verbesserten Verpflegungsstationen schon eingeführt worden. Die armen Reisenden müssen in ihnen stärker arbeiten als früher. Aber sie bekommen auch besseres und reichlicheres Essen und ein wohltuenderes Nachtlager. Merkwürdigerweise aber bot sich nur selten Gelegenheit, die Eisenbahn zu benutzen. Vor allem aber: die Wanderer wollten gar nicht immer fahren. Sie zogen das Wandern, wenn es auch oft beschwerlich war, dem Fahren vor. Und nur ein Zehntel aller, die in die meist recht freundlich mit Familienzimmer, das als Eß- und Aufenthaltsraum in den Mußestunden dient, mit Schlafsaal, Holzhof und Arbeitsschuppen eingerichteten Wanderarbeitsstätten einkehrten, blieben länger als einen Tag.
Das weist doch auf eine vor nichts Znrückschreckende Wanderlust hin, die das deutsche Volk beherrscht, die ihm zur zweiteu Natur geworden ist, und die berücksichtigt werden muß.
So dürfte das Bielefelder System, das ueben den Wanderarbeitsstätten größerer Orte — wo die Wanderarmen mehrere Tage rasten und sich im Holzhof, beim Steineklopfen oder im Schreibzimmer, das für feinere Stubenarbeiter eingerichtet ist, das Notwendige zum Leben verdienen können — auch ein Netz kleinerer Stationen vorsieht, wohl das praktischste sein und den Anforderungen aller am besten entsprechen. Der Arbeitsnachweis ist noch lange nicht genug eut-
wickelt, als daß die Arbeitsuchenden und die nach Arbeitskräften verlangenden Fabrikanten und Meister die Umschau, das Umfragen nach Arbeit entbehren könnten. Selbst aber wenn der 'Arbeitsnachweis, der Zu seiner Entwicklung und Vervollkommnung noch Jahrzehnte braucht, schon besser funktionieren würde, so müßte bei der Errichtung der Wanderarbeitsstätten doch auf die Eigentümlichkeiten des deutschen Volkes Rücksicht genommen werden. Was wäre es ohne das Wandern! Das Wandern ist die Poesie im deutschen Volksleben. Das Wandern gehört zum Deutschen.
1906. Nr. 36.
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