Heft 
(1906) 38
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Auflegen der bloßen Hand? Und Stolz und Hoffart? Ja, sollte eine Grafentochter, die mit ihrer weißen Hand achtund- zwanzigtausend Morgen Wald und Acker zu verschenken hatte, vielleicht die Augen unter sich schlagen wie ein armes Tage- löhnerkind? Und der Herr Graf gab ihr immer recht, denn er hatte andere Dinge im Kopf als die Erziehung seiner Tochter, er sagte nur jedesmal zu den Gouvernanten:Ja, mein liebes Fräulein, wenn Sie sich mit der Wawerka nicht ver­tragen können, dann bedaure ich sehr. . ." So hatte sie das Kind behalten dürfen, hatte es in die Pension begleitet und später auf allen Reisen, und nur ein einziges Mal war das Wort Trennung zwischen ihnen gefallen, als sie nach dem Tode des Herrn Grafen das Schloß verlassen mußten. Sie aber hatte nur gelacht:Wegen Geld willst du mir das Herz zerbrechen, soll ich von dir gehen, mein einzigstes Kind? Ei, wozu Hab ich denn gespart all die Jahre, meinen Lohn und die Geschenke? Und wo ich so reich bin, weshalb willst du mich jetzt auf einmal so arm machen, daß ich dir nicht mehr dienen soll?"

Als die alte Wawerka über die knarrende Holztreppe wiederkam, fand sie ihre Herrin immer noch auf dem Stuhl sitzend, die Augen starr auf den Boden geheftet . . . Da trat sie leise hinter sie und begann ihr das rotblonde Haar zu strählen. Rieb es mit weichem Tuch und entwirrte mit linder Hand die ineinander verschlungenen langen Strähne. Und halb singend, wie einst, wenn sie das ungebärdige Kind in den Schlaf wiegte, begann sie zu sprechen:Die Rappstute ist versorgt, und der Sarepka wird schweigen. Drei Kreuze hat er geschlagen, als ich mit der aufgehobenen Hand in dem dunkeln Stall vor ihm stand. Und außer uns ist niemand zu Hause, nur die beiden jungen Herren mit ihrem Lehrer, aber sie dürfen das Zimmer nicht verlassen, die Mutter hat's ver­boten, weil sie heut nachmittag unartig gewesen sind. Der Herr Baron aber ist noch auf dem Feld, und die Frau Baronin ist gegen Abend nach der Heinrichswalder Grenze pirschen gefahren, vor Dunkelwerden kommt sie nicht zurück."

Alix warf den Kopf in den Nacken und schüttelte das dichte Haar, das mit seinen Spitzen fast den Boden streifte. Um so besser, dann gibt's auch das dumme Gefrage nicht: Wo bist du gewesen und wo kommst du her? Soll ich viel­leicht sagen: In Beidritten, aber der Herr Graf von Rehna waren nicht zu Hause?"

Die alte Wawerka schlug die Hände zusammen.Nicht zu Hause? Wo du ihm gestern gesagt hattest, wenn das Wetter gut bleibt, wirst du vielleicht kommen, seine Fohlen anzusehen? Also ist das Wetter vielleicht schlecht gewesen?" Sie spie verächtlich aus.Ah, xsa Kren! Blut und Seele von einem Hund! Früher in Prahlstorff, wenn du damals gesagt hättest: Vielleicht werd' ich kommen, hätt' er acht Tage und Nächte gewartet, dir die Hände unter den Fuß gebreitet, wenn du wirklich gekommen wärst! Aber heute? Na tröst' dich, mein Herzchen, jetzt weißt du wenigstens, um was er dir damals seine Liebe geschworen hat! Umbringen hat er sich damals wollen, und jetzt ist er nicht zu Hause? Nicht zu Hause, weil du nicht mehr deine drei Güter mit­bringst, wenn du geritten kommst? Oh, welch ein Schlachtschitz, welch ein Starost und Graf! O tfi!" Und sie spie wiederum aus, während sie den Frisiermantel holte und nach Kamm und Bürste griff. Alix Prahlstorff aber erhob sich und trat vor den schmalen Spiegel in dem dürftig ausgestatteten Fremdenzimmer. Eine ganze Weile lang musterte sie ihr weißes Gesicht, ob die ausgestandene Todesangst in der glatten und zarten Haut keine Spuren hinterlassen hätte, dann reckte sie die schlanken Arme und ließ sich auf den von der alten Wawerka zurechtgeschobenen Rohrstuhl nieder.

Also es ist aus, Wawerka, und ich Hab' genug von der Heimat. Heute noch fängst du an zu packen, und morgen wird kurz Adieu gesagt!"

Wie du befiehlst, mein Täubchen! Aber gegen die Karten?"

An deine Karten glaub'ich nicht mehr!"

Die alte Wawerka legte den Kamm aus der Hand.Oh Kind, versünd'ge dich nicht! Haben die Karten schon einmal gelogen? Und haben sie vielleicht nicht damals die Wahrheit gesagt, vor jenen sechs Jahren, als immer das liebe Geld in der fremden Hand stand und der schwarze Brief über den langen Weg ins Haus? Und war's nicht vielleicht ein langer Weg von Baden-Baden nach Prahlstorff, wie wir auf die Depesche von dem Unglück nach Hause fahren mußten? Ganz gesund hatten wir den Herrn Grafen verlassen, ich seh ihn noch, wie er aus dem Bahnhof stand in seinem grauen Staub­mantel und uns mit dem Taschentuch nachwinkte ..."

Alix schüttelte unwillig den Kopf.Hör schon auf, Wa­werka! Und damals haben deine Karten vielleicht recht gehabt. Aber heute? Ehe ich fortritt, fragte ich dich, soll ich nicht lieber zu Hause bleiben? Du hobst dreimal ab aus Ja und Nein und sagtest: ^Reiten ist besser als zu Hause bleibend"

Die Alte hob die Schultern.Ja, Kind, liebes, wo steht es denn geschrieben, daß sich alles, was die Karten sagen, immer gleich am selben Tag erfüllen muß? Die Karten haben gewollt, daß du reiten sollst; ob du aber den Grafen Rehna der liebe Gott soll Krätze regnen lassen über ihn und seine Verwandtschaft ja, ob du aber dieses Hundeblut treffen wirst, davon haben sie nichts gesagt!"

Na ja, aber in den Tod Hütten sie mich fast getrieben!"

Uanie Xri8tu826 pomünL 8 ie, Herr Jesus Christus erbarm' dich!" Die Alte schrie auf und umschlang den rotblonden Kopf mit beiden Armen.Also darum war dein Gesicht so blaß und die Haare feucht, als ich sie in meine Hände nahm?"

Alix Prahlstorff nickte mit geschlossenen Augen.Ja, seinetwegen bin ich doch nur hierhergekommen, und weil wir gehört hatten, er wäre unverheiratet geblieben. Und es ging ja alles ganz gut, er kam täglich von Beidritten herüber..."

Die Wawerka nickte.Ich weiß, mein Kindchen, ich weiß."

Na ja also, wie er aber immer wieder fortritt, ohne gesprochen Zu haben, da glaubte ich, ich müßte ihm einen Schritt entgegenkommen, um ihm zu zeigen, daß ich gegen damals andern Sinns geworden war. Und wie er mich gestern abend, als wir allein durch den Park gingen, fragte, ob ich mir nicht einmal seine Fohlenkoppel ansehen wollte, da Hab' ich noch mehr gesagt, als ich dir gestern zugestand, um nicht von dir gescholten zu werden, Hab' gesagt, wenn das Wetter gut bliebe, würde ich ganz bestimmt kommen!"

Kindchen, liebes, wie konntest du bloß! Wer von dem Mannsvolk greift denn nach einer Hand, die sich ihm entgegen­streckt? Und jetzt brauchst du mir weiter nichts zu erzählen, denn ich weiß Bescheid: Rache hat er nur an dir nehmen

wollen wegen damals, und jetzt reitet er vielleicht herum auf den Nachbargütern und prahlt vor allen Leuten, daß er dir den Korb ausgezahlt hat."

Schweig, Wawerka!" Sie riß der Alten mit einer un­gestümen Bewegung die Haare aus der Hand, und ihr schlanker Leib bäumte sich unter dem Zorn auf, der sie jählings über­flutete.Zwei Stunden ritt ich schon an der Fohlenkoppel auf und nieder, ein Knecht kommt endlich auf mich zu. Ich frag' ihn: .Ist dein Herr nicht zu Hauses Und da grinst der Kerl: ,Nein, Fräulinko, der Herr Graf sind schon am Vor­mittag fortgefahren, nach Maldeinen. Mir aber haben der Herr Graf befohlen, ich soll bei der Fohlenkoppel aufpassen, ob nicht eine Dame kommen wird mit rotem Haar . . / Da Zog ich dem frechen Hund die Reitpeitsche durch das grinsende Gesicht. ,Da, richt' das deinem Herrn aus, und wo ich ihn treffe, geht's ihm ebensoß jagte davon ohne Sinn und Verstand, bis ich ans erste Wasser kam, oder die Stute hatte mich hingetragen, denn sie trat an den Rand und fing an zu trinken. Und da kam's über mich, in dem sprindigkalten Wasser meinen Zorn zu kühlen, mich müd' und ruhig zu schwimmen, ehe ich hier wieder unter die neugierigen Gesichter meiner Verwandten trat. Und da zog ich mich aus und schwamm hinaus auf die Tiefe, wie in jenen Zeiten, da ich noch als halbwüchsiges Mädel von Prahlstorff aus fast jeden