Heft 
(1906) 38
Seite
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Tag nach dem einsamen Waldsee geritten war. Und schon wandte ich mich wieder zum Ufer, da richtet sich neben meinen Kleidern ein Straschnik auf, hebt das Gewehr, und ich soll ihm auf den Posten folgen, um mich auszuweisen, mit welchem Recht ich auf russischen Boden übergetreten war! In meiner Aufregung hatte ich nicht daran gedacht, mich diesseits der Grenze zu halten."

Die alte Wawerka stöhnte auf:0 ll62U8/.e, punia lloelmnst dieses Volk wird immer frecher!"

Und ich war so verschlagen und erschrocken, daß ich auf den See hinausschwamm und laut um Hilfe schrie. Da fing der Kerl an zu schimpfen, schoß nach mir zweimal, und ich gab mich verloren, denn die Todesangst nahm mir alle Kraft, kaum daß ich mich noch im Wasser halten konnte. Aber da, mit einemmal liegt der Kerl am Boden, ein junger Mann kniet über ihm, schlügt ihn mit der Faust in die Schläfe, ruft mir etwas zu, aber ich verstehe nichts, weiß nur, daß ich ge­rettet bin. Auch wie ich herausgekommen bin, weiß ich nicht mehr, weiß nur noch, daß ich wieder im Sattel saß und nach Hause jagte, als war' noch immer der Tod hinter nur her!" Sie lehnte sich erschöpft zurück, und die alte Wawerka nahm sie zärtlich in den Arm, schmiegte ihre runzlige Wange an ihr weißes Gesicht.Oi Vu82iullu moiu, mein Seelchen, mein armes, was hast du ausgestanden! Und Gott sei Dank nur, daß ich dich wieder Hab! Aber der Kavalier, der dich gerettet hat denn sicherlich war es ein Kavalier also, was ist aus ihm geworden? Hast du dich nicht bedankt und mit ihm gesprochen?"

Gesprochen? Oh Gott, Wawerka, ich war ja so be­sinnungslos vor Angst, daß ich mich nicht einmal mehr an sein Gesicht erinnere! In Hemdsärmeln war er, das ist das einzige, was ich weiß, aber auch das kann ich nicht ganz genau behaupten, es kann auch ein Heller Rock gewesen sein!"

Die alte Wawerka schlug die Hände zusammen.U026 üoollanst hat man schon so etwas erlebt! Läßt sich von einem Kavalier das Leben retten, spricht kein Wort des Dankes, sondern reitet fort und weiß nicht einmal, wie er aussieht?" Und mißbilligend fügte sie hinzu:Kindchen, Kindchen, wer weiß, was du da verpaßt hast! Die Karten haben nicht um­sonst gesprochen: Reiten ist besser, als zu Hause bleiben!"

Alix Prahlstorff schob die Unterlippe vor.Na ja, wenn du's so nimmst, dann hast du natürlich recht! Auf die Art und Weise kann man jede deiner Prophezeiungen zum Guten auslegen! Und es bleibt dabei: morgen, mit dem Abendzug wird gefahren. Erst nach Berlin, und dort wollen wir weiter überlegen. Vielleicht, daß wir uns nach Schlesien einladen lassen zu meinem Vetter Siesberg, oder ..."

Zwei Paar kräftige Knabenfäuste hämmerten gegen die Tür.Tante Alix, Tante Alix, wir müssen dich jetzt haben! Der Arrest ist glücklich abgesessen, und jetzt geht's in die Jagd­gefilde der Rocky-Mountains. Dazu aber brauchen wir eine Squaw!"

Ich werd' euch die Wawerka schicken", sagte Mix lachend.

Untersteh dich!" rief Heinz, der ältere der beiden Ouessen- dorpfer Sprößlinge, Zurück, und Fredi, der jüngere, fügte hinzu: Das alte Opossum soll in seinem Wigwam bleiben, wenn ihm sein Skalp lieb ist!"

Also dann mögen meine weißen Brüder nur vorangehen, ich komme gleich nach!" Und, während die beiden ungebärdigen Jungen die Turmtreppe hinabpolterten, sagte sie lachend zu der alten Wawerka:Da, hast du's gehört? Bor kaum ein paar Stunden Hab ich mit dem Tod gespielt, und jetzt soll ich dasselbe tun, aber mit dem jungen, blühenden Leben?"

Die Alte steckte ihren: Sorgenkind die schweren, rotblonden Flechten auf und sah aus glanzlosen Augen auf ihre Arbeit. Spielen, mein Seelchen, mein einzigstes? Spiel ist alles, nur wir Menschen sind immer so dumm, daß wir es ernst nehmen. Also spiel', mein Seelchen, spiel'! Spiel' mit den Menschen, spiel' mit den Herzen, tu ihnen weh und quäl' sie, nimm die Zeit wahr, denn sie geht rasch vorüber. Da­

nach aber kommt die Nacht. Sieh, auch ich war einmal

jung und schön, und die Männer, wenn ich über die Straße ging, reckten den Hals nach mir. Heute aber wenden sie sich ab und sagen Hexe^ hinter mir her, denn meine Augen sind trübe und mein Fleisch ist welk."

Alix Prahlstorff schauerte zusammen, über ihre Schultern war ein Frösteln gelaufen.Wawerka, rasch, beeil' dich!

Hier ist es kalt, ich will wieder ins Freie hinaus!"

Schön, mein Goldkind, schön! Und wie ist es nun: bleibst du bei deinem Befehl, daß wir morgen fortreisen sollen, wo doch die Karten nicht einmal, sondern zehnmal gesprochen haben: In der Heimat wirst du reicher werden, als du je gewesen bist?"

Geh, Wawerka, quäl' mich nicht, ich weiß es nicht!"

DieRote Prärieblume" Alix Prahlstorff stand an den Marterpfahl gebunden, derHinkende Hirsch", Häuptling der Siouxindianer, dargestellt von dem Kandidaten der Theo­logie und Hauslehrer Gotthilf Steinmann, bewachte das Opfer, Old Shatterhand aber und sein Freund Winnetou die beiden Ouessendorpfer Sprößlinge saßen ein paar hundert Schritte davon in ernsthafter Beratung, wie die Schwester Winnetous am besten aus der Gefangenschaft der feigen Hunde von Sioux zu befreien wäre. DasCaloumet" eine aus­gehöhlte und mit trockenen Kirschblättern gefüllte Kartoffel war unter heftigem Spucken geraucht worden, und gerade schickte der vom Los erwählte Winnetou sich an, das Sioux­lager, natürlich unhörbar, zu beschleichen, als eine Helle, ans Kommandieren gewöhnte Stimme über die Parkmauer rief: Tag, Jungens! Sind Papa und Mama zu Hause?"

Heinz, der ältere, sprang auf und verneigte sich wie ein vollendeter Kavalier.Nein, Herr von Sacrow, aber lange wird's nicht mehr dauern. Wenn Sie vielleicht die Liebens­würdigkeit haben wollen, inzwischen mit unserer Gesell­schaft vorlieb zu nehmen?" Der Jüngere aber hob, Schwei­gen gebietend, die kräftige Hand.Mein großer weißer Bruder möge seine Stimme dämpfen, denn wir stehen auf feindlichen Jagdgründen. Und wenn diese Coyoten von Sioux auch als blindgeborene junge Hunde auf die Welt kommen Winnetou der Apatschenhäuptling lacht über sie so müssen wir doch daran denken, daß vielleicht ein Kundschafter in der Nähe sein könnte!"

Ach ne," sagte Henner mit scheinbarem Ernst,dann habe ich wohl die Ehre, mit dem berühmtesten aller roten Krieger zu sprechen?"

Howgh, so ist es, du sprichst die Wahrheit!"

Henner verneigte sich mit übertriebener Höflichkeit im Sattel. Winnetou ist der Schrecken seiner Feinde, und seinem Scharf­sinn bleibt nichts verborgen. Also kann er mir vielleicht auch sagen, unter wem heut nachmittag die Rappstute seiner Frau Mutter gegangen ist?"

Die ,Rote Prärieblume^ hat sie geritten, aber jetzt befindet sie sich in der Gefangenschaft der Sioux!" Und Heinz, der ältere, fügte mit einem mitleidigen Seitenblick auf den jüngeren Bruder hinzu:Er meint nämlich Tante Alix Prahlstorff, Herr von Sacrow. Sie ist seit acht Tagen bei uns auf Besuch!"

Da lachte Henner fröhlich auf: die Fährte war bestätigt, und in wenigen Minuten hoffte er vor dem verfolgten Wild zu stehen. Den Zügel warf er über einen Ast, und gleich aus dem Sattel schwang er sich über die Mauer.Also schön, meine Herren Häuptlinge, dann spiele ich mit. Und erst wollen wir uns mal eine Friedenspfeife anstecken" er hielt den beiden rassigen Jungen, die ungeniert Zugriffen, seine Zigarettendose hindann aber beraten, wie wir dieser Bande von Sioux am besten ans Leder gehen. . .!"

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Alix Prahlstorff hatte sich nach ihrer Gefangennahme durch den Häuptling der Siouxindianer geduldig an den Marter­pfahl binden lassen, einen breiten Eichenstamm, der auf einer- kleinen Lichtung mitten in den: weitläufigen Oueffendorfer

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