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Park stand, aber die fröhliche Laune, mit der sie sich auf das wilde Spiel der beiden von Kraft und Übermut strotzenden Jungen eingelassen hatte, war rasch verflogen. Und jetzt langweilte sie sich sträflich, denn der wilde Indianerhäuptling hatte sich gar rasch in einen schüchternen Theologiekandidaten zurückverwandelt, saß zu ihren Füßen und sprach kein Wort. Vorhin, als seine beiden Zöglinge noch mitagierten, war er ganz amüsant gewesen, hatte mit wilder Gebärde sein Schlachtbeil geschwungen und die auf der einsamen Wiese lustwandelnde „Rote Prärieblume" mit Triumphgeschrei nach seinem Wigwam geführt, um ihr die Alternative zu stellen, seine Squaw zu werden oder am Marterpsahl zu sterben. Und das, so dachte Mix, wäre doch ein sehr netter Anknüpfungspunkt gewesen, ihr ein bißchen den Hof Zu machen; mit aller Wahrung des Abstandes natürlich, aber er hätte ja nur seine Rolle weiter zu spielen brauchen, ihr in der pathetischen Sprache der Rothäute zu beteuern, daß sein wildes Häuptlingsherz vom ersten Augenblick an, da er die „Rote Prärieblume" gesehen, sich vor Liebe verzehrte, daß sie den grausamen Tod am Marterpsahl sterben müßte, wenn sie nicht einwilligte, seine Squaw zu werden, denn er würde es nicht ertragen, sie an der Seite eines andern zu wissen. Und sie empfand es fast als eine Beleidigung, daß dieser junge Mensch so befangen, oder vielmehr, wenn man's genau besah, gleichgültig neben ihr saß. Sein von einem kecken Schnurrbürtchen beschatteter Mund sah gar nicht so aus, als wenn er noch niemals einem jungen Mädchen allerhand verliebte Torheiten in die Ohren geflüstert hätte, und die Schmisse auf seiner linken Wange zeigten doch deutlich, daß er auch etwas anderes während seiner Universitätszeit getrieben hatte als nur das Studium der Gottesgelahrtheit. Und war sie denn schon so alt und reizlos geworden mit ihren sechsundzwanzig Jahren, daß man ihr weigerte, was ihr sonst als etwas Selbstverständliches, als ein schuldiger Tribut erschienen war, den die Männerwelt ihrer Schönheit zollte, überall, wo sie sich nur sehen ließ, bewundernde Blicke und huldigende Worte? So alt, daß der eine, zu dem sie heut nachmittag geritten war, es hatte wagen dürfen, sie höhnisch zu beleidigen, und der andere, mit dem sie noch vor wenigen Minuten im Scherz und Spiel Brust an Brust gerungen hatte, jetzt gleichgültig zu ihren Füßen saß, ihren biegsamen Leib hatte umschlingen dürfen, und jetzt vielleicht an eine andere dachte, an irgend ein kleines Mädel da irgendwo oben in Königsberg, für das er Hauslehrern ging, um es nach vollendetem Studium als sein Weib in die endlich erarbeitete Pfarre zu führen? Eine böse Regung hob sich in ihrem Herzen, es doch einmal zu versuchen, ob sie denn wirklich schon so reizlos geworden wäre, daß es nicht mehr reichen sollte, dem jungen Bürschchen da zu ihren Füßen den Kopf zu verdrehen?! Ihm mit allen Künsten so den Sinn zu betören, daß er alles vergaß und hinter sich warf, was bisher den Inhalt seines Lebens ausgemacht hatte?!
Sie machte eine ungeduldige Bewegung, der junge Theologiekandidat sprang auf die Füße. „Pardon, gnädigste Komtesse, habe ich im Eifer des Gefechts die Fesseln vielleicht zu eng zugezogen?"
Alix Prahlstorff sah ihn mit einem herausfordernden Lächeln an. „Nein, nur die ,Rote Prärieblume^ findet, daß der ^Hinkende Hirsch' sich wenig Mühe gibt, sie in ihrem Entschluß, den Marterpsahl seinem Wigwam vorzuziehen, schwankend zu machen!"
„O Gott, verzeihen Sie, Komtesse," stotterte er verlegen, „ich war im Augenblick mit meinen Gedanken ganz wo anders. Aber, wenn Sie befehlen, natürlich ..."
Sie schüttelte den Kopf, um eine zudringliche kleine Fliege zu verscheuchen. „Nein, ich danke, auch mir ist die Stimmung verflogen, wollen uns lieber ein bißchen vernünftig unterhalten. Soll ich einmal raten, an was Sie eben gedacht haben? Aber ehrlich Ja sagen, bitt' ich mir natürlich aus, wenn ich's getroffen habe!"
„Wie Sie befehlen, gnädigste Komtesse!"
„Also dann" — sie machte eine kleine Pause und sah ihn aus rätselhaft schimmernden Augen an — „an Ihre Braut!"
Der gute Junge wurde rot bis unter die Haarwurzeln. „Wie . . . woher wissen Sie das, Komtesse?"
Alix Prahlstorff lachte belustigt auf: „Na, es war nicht
eben schwer zu erraten. Und jetzt erzählen Sie mir ein bißchen von ihr, Herr Kandidat, es interessiert mich."
„Wirklich, gnädigste Komtesse?"
„Würde ich Sie sonst darum bitten? Also wie . . . wie lange sind Sie schon verlobt, Herr Kandidat?" Eigentlich hatte sie etwas anderes fragen wollen, nämlich wie er in seinen jungen Jahren dazu gekommen wäre, sich schon für alle Zeiten zu binden; aber in dem offenen Gesicht hatte etwas gestanden, was sie warnte, sich eine unbedachte Blöße zu geben, deren sie sich hinterher vielleicht hätte schämen müssen . . .
„Wie lange?" sagte er nämlich, und in seine Augen trat ein glückseliges Leuchten. . . „Na, was man so richtig verlobt nennt, erst seit ein paar Tagen, denn vorgestern erst ist meine Prüfungszeit um gewesen, und sie hat nun geschrieben, jetzt wollte sie endlich meine Braut werden. Nämlich, Sie müssen wissen, gnädigste Komtesse," fuhr er eitrig fort und offenbar froh, für sein junges Glück eine ehrliche Teilnahme zu finden, „auf der Universität war ich so gut wie verlumpt und verbummelt, hatte zu saufen und raufen angefangen. Zuerst, weil ich das mir aufgedrungene Theologiestudium haßte, dann aber, weil ich zu einem ordentlichen und anständigen Lebenswandel keine Lust mehr, noch Kraft hatte. Da lernte ich mein Mädel kennen, merkte sofort, daß ich ihr gefiel, und gedachte wieder 'mal ein leichtes Abenteuer zu erleben, denn sie war aus einem Stand, wo unsereins als Student — entschuldigen Sie, gnädigste Komtesse, daß ich so rückhaltslos spreche — sich nicht allzu viel Skrupel macht. . . Weißzeug- nüherin war sie in einem Geschäft auf der Junkerstraße. Also ich dachte, nicht viel Federlesens zu machen, poussierte in der üblichen Weise, aber, halloh! es gab einen Widerstand. Sagt das Mädel doch und blitzt mich aus seinen blauen Augen an: ,Jch kenn' Sie schon lange, Herr Steinmann, Sie gefallen mir auch ganz gut, aber mit einem so ausgemachten Saufaus und Raufbold verkehr' ich nicht. Wenn Sie ein anständiger Mensch geworden sind, dann können Sie 'mal wieder an- fragen . . ? Na, erst lachte ich natürlich darüber, dann stieß es mich ein bißchen, und schließlich fing ich ganz ernsthaft an nachzudenken . . . Aber nicht, daß ich mich gleich umgekrempelt hätte wie'n Handschuh, im Gegenteil, eine ganze Weile lang trieb ich's nur um so toller; nur, wenn ich dem Mädel auf dem Couleurbummel in der Junkerstraße begegnete, und es sah mich aus seinen blauen Augen an, so halb mitleidig, halb verächtlich, dann schämte ich mich ein bißchen. Also da wurde es mir zu dumm, ich zog meinen Bratenrock an und suchte das Mädel in seinem Haus auf an einem Sonntagvormittag, weit draußen auf dem Sackheim. Da wohnte sie mit ihrer alten Mutter und einer lahmen, kränklichen Schwester in einem Häuschen, das von außen wie ein Bettler, von innen aber wie ein rechtes, sauberes und tugendhaftes Frauenzimmerchen aussah, ich aber kam mir mit meinen unlauteren Gedanken vor wie so ein rechter Urian. Na, ich will Sie nicht langweilen, gnädigste Komtesse, in diesem Häuschen bin ich allmählich wieder ein anständiger Mensch geworden. Erst Hab ich mich mit unserm lieben Herrgott vertragen, der immer noch viel klüger ist, als die dummen Kerle, die ihn leugnen, auch nur ahnen, dann fing ich an zu arbeiten, machte mein erstes Examen, immer meinen widerspenstigen, lieben, kleinen Kerl als Ziel vor Augen. Als ich aber ganz geschwollen vor Stolz und Selbstherrlichkeit vor ihn hintrat, da gab's eine gewaltige Enttäuschung. ,Diese kurze Zeit, Herr Steinmann, soll mir eine Gewähr sein für ein ganzes, langes Leben? Jetzt fängt Ihre eigentliche Prüfungszeit überhaupt erst an. Erstens, ob das Leben eines anständigen Menschen Ihnen so in Fleisch undBlutübergegangenist, daßSiegarnicht mehr anders leben können, und zweitens, ob Sie mich so lieb haben, daß Sie mich in zwei Jahren nicht vergessen. Wenn Sie, Herr Kandidat, nach dieser Zeit immer noch gesonnen sind, die