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Mündern hieb er mit der Faust auf den Tisch, erklärte, er würde sie zur Rechenschaft Ziehen, wenn sie ihm nicht den Willen ließen! Und mit achtzehn Jahren schon war er sein eigener Herr gewesen auf dem von den Vorfahren ererbten Besitztum, wenn dem Namen nach auch die Vormünder die Wirtschaft führten. Wirtschaftete wie ein Alter, hieb zuweilen herzhaft daneben, lernte aber von Tag zu Tag fester in seinen Schuhen stehen, bis er just am Tage seiner offiziellen Mündigkeit die, von hinten her gerechnet, erste der auf Ouessendors lastenden Hypotheken abstoßen konnte, einen geringfügigen Betrag, aber immerhin doch ein Anfang. Und seitdem war es immer aufwärts gegangen, dem schon in Knabenjahren gesteckten Ziel zu, indessen er sehen mußte, daß auf den Nachbargütern, die von den „Leutnants und Rittmeistern a. D." bewirtschaftet wurden, eins nach dem andern aus dem Besitz der alten Geschlechter fiel. Bürgerliche Namen tauchten allenthalben auf, wo früher der alte, noch aus der Deutschordenszeit stammende Adel gesessen hatte — er empfand kein Mitleid. Recht so, wer sich nicht zu behaupten verstand, war wert, unter- Zugehen, und nur eins bedauerte er, daß nämlich nicht schon früher mal ein Ouessendorpf auf sparsame Gedanken gekommen war. Bei vorhandenem baren Geld wäre in den letztvergangenen, der jetzigen Hochkonjunktur vorausgehenden Jahren ein Großgrundbesitz zusammenzukaufen gewesen, größer, als ihn das Geschlecht der Oueffendorpfe je besessen . . . aber, was nicht war, konnte ja immer noch werden. Immer noch wirtschafteten auf den Nachbargütern die Leutnants und Rittmeister a. D. weiter, die Wontrobas stahlen nach wie vor, ihm aber wuchsen bei stetig wachsendem Wohlstand aus später Ehe zwei Söhne heran, die mit Hellen Augen ins Leben sahen, und die er nach seinem Beispiel Zu führen gedachte. Und nicht umsonst hatte er sich zur Beihilfe in ihrer Erziehung einen handfesten Theologiekandidaten ausgesucht mit Schmissen im Gesicht. Frömmigkeit und Gottvertrauen sollten sie haben, aber in dem Sinne des alten Ritterspruches, den er sich selbst zur Richtschnur genommen hatte: „Wer Gott vertraut, fest um sich haut, hat nicht auf Sand gebaut!"
Frau von Ouessendorpf, eine trotz beginnender Fülle noch immer hübsche und elegante Brünette um die Mitte der Dreißig, saß im kleidsamen Jagdanzug auf der Parkveranda, einem geräumigen, über den Fenstern des Kellergeschosses gelegenen Vorbau, von dem eine breite Treppe zu einem allmählich in die weiten Rasenstächen des Parks übergehenden Ziergarten und künstlichen Weiher und Springbrunnen führte, und rechnete eifrig und mit gekrauster Stirn irr einem kleinen Kontobuch lange Zahlenreihen zusammen, den Wochenertrag der Butter und Milchwirtschaft mit sämtlichem Zubehör, wie Eiern, Obst und Gemüsen; denn sie führte in dem ihr unterstehenden Teil des Gutsbetriebes nicht minder ordentliche und planvolle Wirtschaft als ihr Gatte in dem seinigen. Und an den steigenden Erträgen hatte sie keinen geringen Anteil, denn sie hatte mit erstaunlicher Umsicht und Energie ein regelrechtes Versandgeschäft eingerichtet, das aus kleinen Anfängen zu stattlicher Blüte gediehen war und schon nach kurzer Zeit eine erhebliche Vergrößerung der Geflügelzucht und Gärtnerei nötig gemacht hatte. Quessendörfer Küken, Spargel und Butter gingen in sauberen Postpaketen bis weit hinter Berlin, und wenn die Zeit der Spickgänse herankam, waren die Aufträge kaum zu bewältigen, denn die große Räucherkammer in dem alten Wartturm lieferte ein ganz besonders zartes und wohlschmeckendes Produkt.
Frau von Ouessendorpf hob den Kopf, denn durch die Dielen der Parkveranda und das Geschirr auf dem Tisch war ein merkliches Zittern gefahren, ein sicheres Anzeichen, daß die gewichtige Gestalt des Hausherrn sich im Anmarsch befand, und sorgsam griff sie unter die „Wärmhaube", um sich zu überzeugen, daß die abendliche Lieblingsspeise des Gatten, eine säuerliche Suppe aus Fleischbrühe, feingewiegten Steinpilzen
und reichlicher Sahne mit einem ordentlichen Stück Fleisch darin, beim langen Stehen nicht kalt geworden war; ein Gericht, das jedem gewöhnlichen Sterblichen nächtliches Alpdrücken gebracht hätte, von dem aber der Baron von Ouessendorpf eine stattliche Terrine voll zu verzehren pflegte, um dann Zum „Nachtisch" überzugehen, einer gehörigen Portion Gänseweißsauer mit Bratkartoffeln, einem „Häppchen" säuern Aal, einer Schüssel Radieschen, Butter und Käse. . .
„Na so spät, Alter?"
Der Baron von Ouessendorpf küßte seiner Gattin mit einer gewissen altfränkischen Galanterie Stirn und Hand und ließ den gewaltigen Körper in einen auf ganz besondere Tragfähigkeit erprobten Sessel nieder. „Ja, verzeih, Fannutschka, bin aufgehalten worden. Na und die Übrigen? Die Jungens und unser Stammgast?" Womit er den Oberleutnant von Sacrow meinte, der seit etwa drei Wochen ziemlich regelmäßig nach beendigtem Dienst seine Abende in Ouessendors zu verbringen pflegte.
Frau Fanny machte eine kurze Kopfbewegung nach dem schon im Halbdunkel liegenden Ziergarten hin, auf dessen gelben Sandwegen ein Paar in eifriger Unterhaltung lustwandelte, 'immer um den kleinen Weiher herum mit dem eintönig plätschernden Springbrunnen... „Da! Die Jungens aber sind mit dem Kandidaten krebsen gegangen, in die Mal- deine. Wie die Räuber ausstaffiert, und einen großen Kientopf haben sie mitgenommen, obwohl ich ihnen sagte, Krebsen bei Fackellicht wäre verboten!"
Der Baron von Ouessendorpf lachte. „Schadt' nuscht, Mutti, Hab auch genug verbotene Sachen getrieben, als ich so alt war; nur erwischen sollen sie sich nicht lassen von dem Fischereiaufseher, sonst gibt's Wichse. Und eigentlich ist's mir ganz lieb" — er unterbrach sich, winkte mit der rotbraun verbrannten Rechten nach dem Ziergarten hinunter — „Guten Abend, lieber Sacrow ... ja, danke, ausgezeichnet . . . nehm's für genossen an, laßt euch nicht stören, Herrschaften — Also nämlich, ich Hab eine Kleinigkeit mit dir zu besprechen." Er holte einen Brief aus der Seitentasche seines schilfleinenen Jacketts. „Da, lies mal, Liebstes. Zuvor aber noch eine Frage: Wie steht's mit den beiden da unten?"
Frau Fanny Zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung! Aber ich glaube, Alix will's heute zu einer Art von Entscheidung bringen. Und, höchste Zeit, Hab' ich ihr gesagt, denn sie fängt bei diesem ewigen Geschnarchte ja schon an, ein spitzes Gesicht zu kriegen!"
Der Baron von Ouessendorpf langte nach der Terrine, um sich den ersten Teller seines geliebten „Steinpilzkenbartsches" aufzufüllen. „Aha, Hammelrippchen sind drin? Nicht übel!
. . . Und sollte ihm schon den Abschied geben, kommt doch nichts Reelles dabei heraus. Aber da, lies mal erst, Liebstes!" . . . Und Frau Fanny entfaltete einen großen Geschäftsbriefbogen, auf dessen Kopf eine lange Firma stand: „F. Bornträger & Co., Vermittlungen jeder Art, An- und Verkauf von Immobilien, Inkasso dubioser Forderungen, Darlehen in jeder Höhe an Privatpersonen nur von reellen Selbstdarleihern, Hypotheken, vertrauliche Auskünfte auf alle Plätze der Welt, Reichsbankgirokonto, Telegrammadresse: Securitas, Berlin." Und sie las mit halblauter Stimme:
„Sehr geehrter Herr Baron!
Ew. Hochwohlgeboren geschätzte Adresse als bevollmächtigter Vertreter der minorennen v. Eeckhenschen Kinder auf Heinrichswalde einer Anregung aus unserm werten Kundenkreis verdankend, dürfte sich durch unsere bewährte Vermittlung, wofür Referenzen bereitwilligst zu Diensten, Gelegenheit bieten, fragliches Objekt zu gutem Preis an den Mann Zu bringen. Suchender ist eine erstklassige Persönlichkeit, die aus besonderen Gründen eventuell nicht abgeneigt sein dürfte, bezüglich der Höhe der Anzahlung weitgehendstes Entgegenkommen zu zeigen, und bemerken wir, daß Frau Baronin von Reichner Wwe. auf Groß-Klentzien über fragliche Persönlichkeit bestens informiert ist. Diese wäre, falls passende