Heft 
(1906) 42
Seite
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Ja so. . . Na, ich sprecht doch eh immer leise", mit welcher Bemerkung er einen großen Heiterkeitserfolg erzielte, so wenig entsprach sie den Tatsachen.

Kamilla bot dein Schwiegervater,' der am Tisch Platz genommen hatte, allerlei an, doch er lehnte alles ab, denn er hatte bereits gegessen und hielt auf strenge Mäßigkeit und Regelmäßigkeit.

Im Schönbrunner Park bin ich gewesen... Zu Fuß hin und zurück. Für mich braucht's keine Stadtbahn und keine Straßenbahn zu geben, nichts. . . Ich sag' euch, schön war s . . . Kaum ein Mensch zu sehen, denn wo's schön ist, dort geht nie jemand hin."

Karl und Kamilla versagten seiner Leistung ihre Anerkennung nicht, doch Bruno hörte aus alledem nur heraus, daß der Vater, während sein einziger Enkel in Lebensgefahr geschwebt hatte, unbekümmert seinen Verdauungsspaziergang gemacht hatte.

Zufällig begegneten seine Augen denen Lisbeths, und er fühlte, daß sie ihm seine Gedanken von der Stirn las und er für sie so durchsichtig war wie Glas.

Mochte sie es denn wissen, daß er mit diesem Kraft­menschen, den nie ein Gefühl überwältigt hatte, dem niemals ein Schmerz bis an den Lebenskern gegangen war, nichts gemein hatte!

Wohlgelaunt machte der Alte Lisbeth Gartenberg den Hof und riet ihr, die Medizin fahren Zu lassen und zu heiraten, denn um sie müsse doch einGereiß'" sein.

Ich selbst, wenn ich ein bissel jünger war. . . Ja, Karl, Kamilla, Bruno, da könntet ihr was erleben!"

Glaub' ihm nichts, Lisbeth!" mahnte Kamilla.Du bist wenigstens schon die Dreizehnte, zu der ich ihn das sagen hör' . . . Der Papa hat's faustdick hinter den Ohren und plauscht gern eine jede an."

Der Alte schmunzelte.Na, meiner Frau gibt man auch nicht so leicht eine Nachfolgerin", sagte er, ernster werdend. Ich Hab' eine g'habt! ... So eine kommt alle heiligen Zeiten einmal vor. . . Aber das war auch ein Verhältnis zwischen uns! ... Bei der Silbernen Hochzeit waren wir noch wie in den Flitterwochen. . . Wenn Sie einen Mann kriegen, Fräulein, der Sie so behandelt, können Sie Gott loben... In allem Hab' ich ihr nachgegeben. Was sie g'sagt hat, ist geschehen . . . Ich mach' mir gar kein Verdienst draus . . . Denn so eine Frau! Der Geist! Die Bildung! Das Gemüt! So ein Herz!"

Karl und Kamilla blickten verlegen drein, denn sie fühlten, daß für Bruno nichts unerträglicher war, als seine Mutter von seinem Vater herausstreichen zu hören.

Als ob er sie je gekannt, verstanden hätte! sagte er sich. Bon dem, was sie, bei aller überlegenen Liebe für ihn, gedacht und gefühlt haben mochte, hatte er eben nicht die leiseste Ahnung und noch weniger davon, daß er zu dem ver­schlossenen Zimmer in ihrem Innern niemals Zutritt ge­sunden hatte. Unwillkürlich sich schüttelnd, um seine quälen­den Empfindungen loszuwerden, stand Bruno auf.

Wie trauer' ich ihr aber auch nach!" fuhr Bodenbauer unbeirrt fort.Ein Leichenbegängnis hat sie g'habt, von dem reden die Leute noch jetzt. Und auf dem Zentralfriedhof Hab' ich ihr ein Denkmal setzen lassen. . . Was das gekostet hat! Mir war nichts zu viel!"

Bruno stand jetzt hinter Lisbeths Rücken am Fenster, aber aus Karls hilflos verlegenem Gesicht hätte das junge Mädchen bequem alles lesen können, wenn Kamilla ihr auch noch nichts von diesem prunkenden und leider so geschmacklosen Denkmal der toten Schwiegermama erzählt hätte, das Bruno sogar den Besuch bei der Toten zur Qual machte.

Rasch stand Lisbeth jetzt auf.Einmal muß ich doch noch sehen, wie das Bubi schlaft", sagte sie.Dann entläßt du mich in Gnaden, Kamilla, nicht wahr? Es braucht heute nacht nicht mehr bei ihm gewacht zu werden, denn Fräulein Cillp hat ja einen leisen Schlaf und hört es, wenn er sich nur rührt."

Auf den Zehen leise das Zimmer betretend, fand sie, daß der Kleine ganz gut schlief.

Wenn nur der Großpapa nicht so laut reden möcht'!" flüsterte Cillp.Zum Glück ist er so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Um halb zehn geht er."

Dann trösten Sie sich, so weit ist's bald."

Nicht wahr, Bruno, du bringst die Lisbeth nach Haus?" fragte Karl, als das junge Mädchen wieder ins Zimmer trat.

Sie blickte ihn fragend an.Ja?" Keine Ziererei, kein Getue:Ich will Sie nicht bemühen" und dergleichen.

Er nickte bloß stumm.

Das könnte ich ja auch", meinte der Senior.Warum wollen Sie mit dem Jungen gehen, Fräulein? Gehen Sie mit dem Alten! Und eigentlich, schönes Fräulein, bin ich der junge Bodenbauer, und er ist der alte."

Eben deshalb gehe ich mit ihm", antwortete Lisbeth lächelnd.Sie sind mir zu jung."

Der Alte lachte so geräuschvoll, daß Kamilla froh war, weil man sich schon im Vorzimmer befand, wo Karl dem jungen Mädchen in die Jacke Half, während Bruno in seinen Winterrock schlüpfte.

Sie waren beide schnell fertig, und Lisbeth ging auch nicht auf den Abschiedsplausch ein, den Kamilla und der Alte noch mit ihr anfangen wollten, sondern reichte rasch die Hand herum und schlüpfte hinaus. Bruno folgte ihr nach einem ebenso flüchtigen Abschied.

Als er hinter der leicht die Treppe hinabhuschenden Gestalt die Stufen Hinabstieg, fiel ihm ein, was alles zwischen dem jetzigen Augenblick und dem lag, da er ahnungslos diese Treppe herauf­gekommen war. Wie vieles drängte sich in die kurze Zeit zu­sammen! War er denn noch derselbe Mensch? . . .

Die Nebenstraßen der Ringstraße lagen still, fast aus­gestorben, und ein winterlich scharfer Hauch, von Norden kommend, pfiff und sauste unfreundlich daher, ohne doch den leichten Nebel zerteilen zu können, der die Straßen erfüllte.

Nebeneinander schritten sie dahin in der Richtung, die Lisbeth angegeben hatte, er mit den Händen in den Taschen, während die ihrigen im Muff steckten, beide mit etwas vor­gebeugtem Kopf gegen den Wind ankämpfend.

Bruno war mit dem Gedanken beschäftigt, wie nahe ihm das Mädchen schon seit Jahren lebte, so daß er sie von Rechts wegen längst kennen müßte, und ob es nicht vielleicht ein Instinkt der Selbstverteidigung gewesen war und nicht bloß Voreingenommenheit oder sonst was, was ihn dazu veranlaßt hatte, jede Mitteilung Kamillas über sie geflissentlich zu über­hören oder abzulehnen.

Wenn sie aber jetzt davon anfing, was für ein prächtiger alter Herr doch sein Papa war, dann hatte sie eben doch nicht jene Fühlung für ihn, wie er sich's vorstellte. Dann war's gut oder schlecht.

Doch Lisbeth fing keineswegs davon an. Sie sagte nur, es sei hübsch weit bis zu ihrer Wohnung, besonders, wenn man seinen Rückweg dazu rechne, und im Grunde hätte sie überhaupt keine Begleitung gebraucht.

Bruno führte dagegen an, er hätte sich heute noch nicht viel Bewegung gemacht, und es schade ihm nichts.

Sie machen sich vielleicht überhaupt zu wenig Bewegung", mutmaßte das junge Mädchen.Aber darauf sollten Sie achten und ordentlich spazieren gehen."

Er lächelte über den lieben, schulmeisternden Ton.

Glauben Sie auch wirklich zuversichtlich," fragte er seiner­seits,daß mein kleiner Neffe ganz gesund wird, ohne daß Folgen Zurückbleiben?"

Ganz zuversichtlich! Wenn man in der Erholungszeit alle Vorsichtsmaßregeln ergreift. Und das wird man doch. . . Mein Papa hat gesagt: Es wird wieder vollständig gut. Haben Sie meinen Papa noch nie bei Kamilla gesehen, Herr Doktor?"

Bruno verneinte.Niemals. Und Ihre Mama? Die

lebt doch auch noch? Haben Sie Geschwister? Nichts, nichts weiß ich von Ihnen-"