895
Seidenbluse mit dem weißen Tüll am Hals zu der im Lampenlicht zart schimmernden Haut!
Dieses festliche Kleid am Krankenbett war ihm aber doch auffällig, bis aus dem Gespräch der Damen der Grund erhellte. Lisbeth erzählte, wie oft Kinder sich vor schwarzgekleideten Menschen fürchteten, und Kamilla bekräftigte lebhaft, ihr Bubi sei auch immer besonders erfreut, wenn er sie hellgekleidet sähe.
Darum also! Es war ihm eine Erleichterung, zu entdecken, daß sie für ihre Salondamenkleidung einen andern Grund hatte als den der übrigen jungen Mädchen: daß sie eben hübsch sein und gefallen wollte.
Ob sie bei andern für hübsch gelten würde, wußte er noch kaum, obgleich er annehmen konnte, daß diese reinen, kindlichen Züge Anspruch auf diese Bezeichnung hatten, er wußte nur, daß ihm, während er sie anschaute und ihrer Stimme lauschte, ganz seltsam wohl wurde, bis ihn ganz plötzlich eine Beklemmung erfaßte, unter deren Eindruck er aufstand, um in das Zimmer zum Kind hineinzugehen.
Fast zu gleicher Zeit mit ihm hatte sich aber Lisbeth Gartenberg erhoben und war hineingehuscht, um nach dem kleinen Kranken zu sehen.
Nun blieb er unschlüssig in der Nähe der Tür stehen, vergebens bemüht zu erforschen, woher das Unbehagen kam, das ihn mit einem Male ergriffen hatte.
„Gelt, die is' lieb?" fragte Kamilla von ihrem Sitz her.
Bruno fuhr zusammen und starrte die Schwägerin mit einem solch geistesabwesenden Blick an, daß ihr höchst ungemütlich wurde und sie bei sich feststellte, der gute Bruno rapple wirklich von Tag zu Tag mehr.
Eben kam Karl aus dem Zimmer mit feucht schimmernden Augen. „Der Burscht schlaft wie ein Engerl", sagte er gerührt. „Wir dürfen aufatmen. Herrgott aber, so was spürt man in den Knochen. Fast geb' ich dir recht, Bruno. Ich möcht ihn nicht um die Welt hergeben, aber ich bin doch froh, daß ich nur den einen Hab? . . . Man hat um ein Kind genug zu zittern."
Kamilla seufzte zustimmend.
Als nun Lisbeth mit dem Bericht zurückkam, alles stehe gut, und der Kleine werde sich nach und nach gesund schlafen, schlich sich Bruno leise, ohne um Erlaubnis zu fragen, in das Nebenzimmer hinein. Der Kleine lag der Wand zugekehrt und schlief, wahrend die Bonne an seinem Bett saß.
Um das Kind nicht zu stören, setzte sich Bruno auf einen Stuhl neben den kalten Ofen, in der dem Entreezimmer Zunächst gelegenen Ecke. Von drinnen drangen die Stimmen der andern gedämpft herein, doch im Zimmer selbst war kein Geräusch vernehmlich als das Ticken der Weckuhr auf der Kommode.
Ungestört konnte er darüber nachsinnen, was ihm widerfahren war.
Er wollte nicht mehr zurück, hinein . . . Nein, nicht mehr hinein, das stand fest. Auch konnte er ja sehr leicht spurlos verschwinden. Dicht zu seiner Linken führte eine kleine Tapetentür ins Vadekämmerchen und von da ins Vorzimmer zurück. Er konnte also fortgehen, ohne daß irgend jemand etwas merkte. Drinnen bereiteten sie sich zum Abendessen vor. Er hörte Klirren von Gläsern und Eßzeug und dachte, Kamilla hätte wohl in ihrem nach vorn hinaus liegenden Speisezimmer decken lassen können, um dem Kind Ruhe zu gönnen!
Eben stand er auf, reckte schon die Glieder und wollte zur kleinen Tür hinaus, als die andere aufging und Karl hereinspähte, ihm winkend.
Ja, da half nun nichts. Er mußte also doch wieder hinein! — —
Blendend weiß strahlte der Damast des Tischtuches das Lampenlicht wider. Der Tisch war zierlich und einladend gedeckt. Kalter ausgeschnittener Braten, appetitlich mit Petersilie umrandet, verschiedener Salat in sattem Rot, Grün und Gelb, Wurstaufschnitt und das Silberpapier des Käses bildeten ein hübsches Stilleben.
„Setzt euch, Kinder", mahnte Kamilla. „Wir haben was nachzuholen. Du kommst daher, Bruno, neben die Doktoressa. Bedien' ihn, Lisbeth ... Ich muß doch dem Karl vorlegen."
Pauline in ihrem schwarz und weiß gewürfelten Barchentkleid, das schwarze Haar ölig glänzend und mit einem fettigen Lächeln auf dem häßlichen Gesicht, stellte freundlich grinsend die geblümte Teekanne auf den Tisch, aus der sich der goldbraune Tee dampfend in die Tassen ergoß.
Das Ehepaar und Lisbeth, die den ganzen Tag kaum etwas zu sich genommen hatten, entwickelten einen guten Appetit, doch das junge Mädchen widmete sich nebenbei noch der Aufgabe, Butterbrote für Bruno und für den Teller zu streichen, der vor dem noch leer gebliebenen Platz Fräulein Cillps stand. Wer sie so sah, konnte sich die Medizinerin nicht mit ihr zusammen denken.
Der würzige Tee, der wärmend Brunos Adern durchrann, schien seine Verstimmung doch nicht hinwegzuspülen. Was hatte er denn nur? Er sollte froh sein, daß er heute abend nur einen Schreckschuß empfangen hatte, daß das geliebte Kind drinnen in heilsamem Schlaf lag. Ja, er wollte auch froh sein, er wollte keine Ahnung in sich aufsteigen lassen, als bedrohte ihn unerwartet etwas Neues, Süßes, um so gefährlicher, weil es süß war und daher eine Anspannung aller Kräfte erforderte, um abgewehrt zu werden.
Die Bonne kam nun auch herein, entsetzte sich ein wenig über die Menge dessen, was die beiden Damen ihr auf den Teller gehäuft hatten, griff aber dann wie eine richtige Ausgehungerte zu. Nachdem sie kaum die erste Teeschale geleert hatte, schenkte ihr Lisbeth schon die zweite ein.
Es war etwas so Liebreiches in ihrem Benehmen gegen das Mädchen, daß diese, die von ihrer jungen Gnädigen auch nicht gerade schlecht behandelt wurde, doch den Unterschied spürte und ihr mit einem feuchten Augenaufschlag dankte.
Wenn sie nur irgend etwas tun oder sagen wollte, was ihn abstieße! dachte Bruno. Es mußte ja kommen. Anders war's nicht möglich. Doch er zitterte ebenso sehr vor dem Augen blick, der den Zauber brechen würde, wie er ihn herbeisehnte, und war im Innern für jede Minute dankbar, wo es nicht geschah, das Mädchen noch nicht zurücktrat in die Masse aller der Menschen, mit denen er nicht Zusammensein konnte, ohne daß ihn irgend etwas verstimmte.
Da noch immer nichts kam, fühlte er sich mehr in die Stimmung der andern hineingezogen, die das Wohlgefühl der gelösten Spannung nach einem Tag der Angst umgab.
Doch bei ihm konnte das nicht lange dauern. Eben hatte es an der Wohnungstür geläutet, und man hörte draußen eine laute, wenn auch joviale Stimme) die Paulinens Bericht von der günstigen Wendung mit erfreuten Ausrufen begleitete: „Na, endlich! Das ist schön! Ich hab's ja gleich gewußt!"
Kamilla blickte mit heimlichem Lächeln auf den Schwager, der schon ein Gesicht machte, als zöge man ihn bei den Haaren, dann sprang sie aus und lief mit ihrer schlängeln den Lebendigkeit ins Vorzimmer hinaus, um den „Großpapa" zu bewillkommnen.
Als sie wieder hereinkam, folgte ihr ein strammer, großer, alter Mann mit dichtem graumelierten Haar und glattrasiertem GesichH das ihn: im Verein mit seinen markigen Zügen den Anschein einer gewissen Bedeutung gab. „Abend, Abend", grüßte er. „Ah, da ist ja auch der Benjamin. Hoffentlich ist er erst gekommen, wie's schon gut war?" wandte er sich halb fragend an Karl.
„Warum hast du ihm denn gestern abend nichts gesagt, Papa?" fragte Karl.
„Was hält' er davon gehabt?" fragte der Vater achselzuckend zurück. „Helfen Hütte er doch nichts können. Guten Abend, Fräulein Doktorin! So was ist Doktor der Medizin! Wie eine Rose sieht sie aus! Wie eine Rose!"
„Papa, ich mache dich aufmerksam, daß du dein kräftiges Organ etwas dämpfen mußt", mahnte Karl.