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allen Zeitungen wieder die alte Mär von der Kaisergruft im Dorn zu Aachen aufgewürmt.
Durch ä Beecks Irrtum sank das Grabdenkmal Karls des Großen zur gewöhnlichen Memoire, wie sie nun genannt wurde, zur Erinnerungsstätte herab, bis sie im Jahre 1788, schadhaft geworden, ganz entfernt wurde. Der Proserpinasarkophag, in dem der Kaiser bestattet worden war, fand anderwärts Aufstellung und befindet sich gegenwärtig in einer Seitenkapelle des Münsters. Zur Zeit der Franzosenherrschaft wurden Nach
grabungen in der Oktogonmitte veranstaltet. Vielleicht schwebte Napoleon, der aus politischen Gründen für den Herrschersitz Karls des Großen, „Unseren erlauchten Vorfahren", wie er ihn in zahlreichen Urkunden bezeichnet^ so sehr viel tat, der kühne Traum vor, er könne 800 Jahre nach Otto III. in ähnlicher Weise durch die Öffnung der Kaisergruft im Aachener Dom seinen Namen mit einem gewissen Nimbus umgeben, wie er ja Otto III. durch die Wiederauffindung der Leiche des großen Frankenkaisers bis heute ausgezeichnet hat.
Doktor Dhalss.
(1. Fortsetzung.)
Novelle von A. No öl.
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ein, diese Aufregung! Diese Aufregung!" plauderte Kamilla, die sich mit der Freundin auf der Ottomane niedergelassen hatte. „Daran werd ich denken bis an meinen letzten Tag."
„Red nur nichts!" mahnte Bruno, der den Stuhl dicht neben der Tür einnahm. „Nächste Woche hast du's vergessen."
„Siehst du, so ist er!" wandte sich Kamilla an Lisbeth Gartenberg. „Du weißt viel, wie einer Mutter zumute ist!" sprach sie wieder, zum Schwager gewendet, in großartigem Ton. „Wie ich nach Haus komm und mein Kind seb! Ich Hab' geglaubt, ich sink' in die Erden hinein . . Ach, Lisbeth, ich bin dir so dankbar! . . Du hast ihn uns gerettet . . Nein, wirklich, bloß du! Du allein! . . Ich hätte ja auch alles getan, was dein Papa angeordnet hat, aber nicht mit solchem Verständnis. Hätte ich nur auch Medizin studiert!"
Bruno warf ihr einen etwas spöttischen Blick zu. Kamilla und Medizin!
„Und das Ärgste war," erklärte Kamilla der Freundin, „daß ich eine solche namenlose Angst vor dem Menschen dort gehabt Hab', denn er tut doch immer, als ob der Bubi eigentlich ihm gehören möcht' und nicht uns. Du, jetzt, wo du die Lisbeth gesehen hast, sag du noch einmal, daß studierte Frauen unweiblich sind. "
„Das Hab' ich nie gesagt . . Du verwechselst mich wahrscheinlich nach alter lieber Gewohnheit mit irgendwem", widersprach er in seiner nachlässigen Weise. „Unweiblich ist es nicht," setzte er nach einer Pause hinzu, auf die andere blickend, „aber schrecklich doch . . Gerade Medizin!"
Jetzt, wo die Furcht von ihm genommen war, nahm er sich erst Zeit, das Mädchen anzusehen und sich vorzustellen, was das schmächtige, kindliche Geschöpf alles schon hinter sich haben mußte: die grausigen Eindrücke des Seziersaals und des Spitals . . Schmerz und Grauen.
„Sie können doch noch nicht fertige Ärztin sein", fiel ihm plötzlich ein.
„Warum nicht?"
„Sie sind ja Zu jung. Die Mädchen kommen erst etwa mit zwanzig aus dem Mädchengymnasium . . Dann das Studium . . Eher sechs Jahre als fünf . ."
„Ja, die Lisbeth sieht so hundsjung aus, als ob sie höchstens die Fortbildungsschul' hinter sich hätt' . . Sie ist aber grad so alt wie ich . . Bald fünfundzwanzig. Wir waren einmal Gespielinnen und sind immer gute Freundinnen geblieben."
„Dann wundert es mich, daß ich das Fräulein noch nie bei dir getroffen habe."
„Während des Studiums Hab ich nur wenig Besuche machen können", erklärte Lisbeth in ihrem ruhig freundlichen Ton, der Bruno Wohltat. Er fühlte, daß er sich von der entsetzlichen Aufregung rasch erholte, und daß dies nur dem beschwichtigenden Einfluß zuzuschreiben war, der von diesem Mädchen ausging.
„Sie kennt dich schon lange", versicherte Kamilla schalkhaft. „Nicht wahr, Lisbeth? Dir Hab ich auch oft von ihr erzählt,
aber du hast dir nichts gemerkt . . Die Lisbeth kennt dich so genau, daß sie dir sogar schon einen Spitznamen gegeben hat!" schloß sie triumphirend.
„Aber, Kamilla!" wehrte das junge Mädchen.
„Da wäre ich doch neugierig!" brummte Bruno. Gott weiß, als was für ein unliebenswürdiger, wehleidiger Patron er in Kamillas Äuffassung dagestanden hatte! „Wie haben Sie mich geheißen? Sagen Sie mir's selbst!" bat er.
Sie zögerte einen Augenblick, doch freimütig begegneten ihre Augen seinem Blick. „Doktor Thales", kam es leise von ihren Lippen.
Ihn berührte das so merkwürdig, daß er betroffen dasaß. Denn da er eben umfassende Vorarbeiten zu einem Werk über den Hylozoismus trieb, hatte er sich gerade in der jüngsten Zeit viel mit Thales beschäftigt, der gewissermaffen die Einleitung zu diesem Werk bilden sollte, und wie die Gestalt des sagenhaften Weisen aus Quellen und Überlieferungen vor seinem inneren Auge aufstieg, da hatte er wirklich eine leise Seelenverwandtschaft verspürt, und nun war es ihm, als müßte sie eine geheime Verbindung mit seinem inneren Selbst haben, weil sie just auf diesen Namen verfallen war.
Kamilla lachte halblaut auf. „Es klingt etwas verdächtig. Ich weiß nicht, warum die Griechen solche Namen gehabt haben wie die Juden. . . Aristoteles, Perikles."
„Gut, daß du überhaupt weißt, daß der Thales ein Grieche war."
„Oh, ich Hab sogar noch gewußt, daß er einer der sieben Weisen war", rühmte sich Kamilla. „Aber die nähere Bekanntschaft mit ihm verdanke ich doch nur der Lisbeth. Sie hat mir auch gesagt, daß er der erste Neptunist war, und was ein Neptunist ist, ferner daß der Goethe im zweiten Teil von Sauft sich als Thales eingeführt hat, weil er ebenfalls Neptunist war. Es ist schön, eine gelehrte Freundin zu haben. Man saugt sich im Umgang mit ihr ganz voll Bildung und Gelehrsamkeit, ohne daß man sich dabei anzustrengen braucht."
„Hat dir das -Fräulein auch beigebracht, wie der Thales mit mir zusammenhängt?" fragte Bruno.
„Freilich! Die Ähnlichkeit mit dir ist verblüffend. Er wollte keine Familie gründen, um kein Kind zu verlieren, und er hat seine Neffen sehr gern gehabt."
Er mußte darüber lachen, wie sie das erklärte, doch sein Blick hing an der andern, deren Anblick von Minute zu Minute zauberhafter auf ihn wirkte. Sie bloß ansehen, das war, als ob seine Seele gestreichelt würde. Ihm war, wie einem ausgefrorenen Vaganten zumute sein muß, der aus eisiger Winternacht in eine warme Stube kommt, da allmählich auftaut und in eine wohlige Betäubung verfällt.
An diesem jungen Mädchen war nichts, was störend wirkte, keine Einzelheit, keine Linie, kein Ton. Es war eine Erquickung, zu betrachten, wie das Licht der Hängelampe sich in dem seidigen Haar spiegelte, das sich über der Stirn in einer schmalen weißen Linie teilte und oben auf dem Kopf aufgerollt war, glatt und schlicht, ohne künstlich gebrannte Wellen oder absichtliche Zerzausung. Wie wunderbar stand die lachsfarbige