Heft 
(1906) 42
Seite
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England kein Glück gefunden, hatte viele Fehler, die uns im Blut liegen: sie mar rücksichtslos und taktlos. Daß sie diesen abgetakelten Wüstling nicht lieben mochte, daß er sie schlecht behandelte, das mag ihre Untreue entschuldigen bei ihrer Reise nach Italien, Griechenland und Palästina! Freilich, sie hat viel Törichtes getan! Daß sie diesen ungebildeten Bergami, der früher drei Livres Gehalt hatte, zu ihrem begünstigten Kammerherrn und Reisebegleiter machte, ja sogar zum Groß­meister des -Ordens der Heiligen Karoline von Jerusalems den sie wohl in einer übermütigen Laune gestiftet hat, das sind Tollheiten, die man mit in Kauf nehmen muß. Und doch geschah, wie du weißt, das Unglaubliche. Als sie Königin geworden war, ließ Georg IV. ihren Namen aus der Liturgie streichen und gab dem ganzen Volk das Beispiel eines skanda­lösen Scheidungsprozesses, bei dem die Lords des Oberhauses zu Gericht saßen und das hohe Haus mit Dingen behelligt wurde, die sonst nur für Zofen und Waschweiber von Inter­esse sind. Und dann der plötzliche Tod ein Glas Limo­nade oh, man kann der erste Gentleman seines Königreichs und doch ein gemeiner Giftmischer sein!"

Nun, und dein Denkzeichen?"

Die unglückliche Königin wollte in ihrer heimatlichen Erde begraben sein. Hier ruht ja ihr Gebein; doch jetzt erst habe ich ihr einen Denkstein setzen lassen, der nicht bloß unsere Trauer, sondern auch des Königs Schmach verewigen soll. Auf diesem Denkstein steht mit goldenen Lettern: -Die ermordete Königin Karoline/ Und der König weiß es, er ist in Heller Wut darüber!"

Das war ein glücklicher Einfall, wenigstens nach der Ansicht des Herzogs; er erhob sich und drehte sich mehrmals auf dem Absatz herum. Doch als er dann mit stürmischer Zärtlichkeit sich der Geliebten nähern wollte, begegnete er einer unerwarteten spröden Abwehr. Miß Coleville blickte ernst und düster; eine Wolke lagerte sich auf ihrer Stirn.

Das war eine traurige Fürstenehe; doch es war eine Ehe! Wann wird die unserige fest geschlossen werden? Wenn ich auch als eine unbequeme Mahnerin erscheine: ich muß dich an dein Versprechen erinnern, Herzog Karl; ich muß dich daran erinnern, daß ich dir nur gefolgt bin unter der festen Zu­sicherung einer morganatischen Ehe. Nicht als eine Entführte und Verführte habe ich meines Vaters Haus verlassen, und ver­ziehen hat er mir nur, weil ich deinen Ring am Finger trage, das fürstliche Unterpfand einer baldigen Ehe."

Sie sah ihn mit strengen Blicken an, seine Hand, die in ihren blonden Locken wühlte, stieß sie zurück; sie erhob sich stolz und fremd; ihr festgeschlossener Mund kündigte einen energischen Entschluß an; ihr fragender Blick schien auf Antwort zu warten.

Karl war betroffen. Doch er faßte sich; es war ja nickst zum erstenmal, daß sie sich seinen Liebkosungen entrissen hatü und ihm entgegengetreten war mit königlicher Hoheit.

Sie aber mahnte wieder:Wochen und Wochen vergehen, Monate und Monate wann hältst du dein Versprechen?"

Der Souverän zuckte mit den Achseln; ein Fürst dars sich nicht examinieren lassen, als sitze er auf der Schulbank; auch er nahm eine schroffe, ablehnende Haltung an.

Ich lebe hier auf dem Dorf," fuhr sie fort,ich lebc wie eine Einsiedlerin. Ich gebe zu, es ist mein eigener Wunsch; ich sehne mich nicht danach, an den Hof zu kommen und vov diesen deutschen Frauen mit scheelen Blicken angesehen zu werden. Nur als die Gemahlin des Herzogs will ich unter sie treten, das ist mein gutes Recht, das ich dann in Anspruch nehme. Doch schon jetzt bin ich des Herzogs Braut durch ein bindendes Gelöbnis. Steh' mir Rede, Karl, wann erfüllst du dein Versprechen?"

Eine fürstliche Ehe," versetzte Karl,ist nicht so leicht geschlossen, auch keine Ehe zur linken Hand. Da müssen die Agnaten mitsprechen, mein Bruder..."

Den du niemals fragtest..."

Die Stände ..."

Die für dich nicht existieren!"

Gleichviel, es bedarf der Überlegung; es muß vieles geordnet und angeordnet werden; ich habe dann ja keine Nachkommen, die nach mir den Thron besteigen können."

Karl, wenn du mich hintergehst..."

Ist das deine Liebe zu mir? Nur aus Ehrgeiz hast

du beschlossen, mir anzugehören? Eines Herzogs Gemahlin

wolltest du werden; doch mich hast du nicht geliebt!"

Hab' ich dir nicht alles geopfert?" rief sie mit einer von Tränen erstickten Stimme.Doch die Ehre meines Hauses, meines Namens kann ich dir nicht opfern!"

Karl trat ans Fenster, riß es auf und pfiff seinem

Reitknecht; dann fiel sein Blick auf das schöne Weib, das be­fremdet, entrüstet auf ihn blickte. Es wurde ihm schwer, jetzt von ihr zu scheiden. Das Feuer des Zorns stand ihr schön zu Gesicht. Die schlanke, hohe Gestalt, die stolze Anmut ihrer Bewegungen, das Ebenmaß ihrer Züge, ihrer Formen, die wallende Lockenslut das lockte ihn mächtig an; doch eiv nachgiebig Wort zu sprechen, verbot ihm sein Selbstgefühl.

Ich werde wiederkommen, wenn du besserer Laune bist", sagte er und wendete sich nach einem flüchtigen Händedruck zum Gehen. Miß Coleville aber warf sich, als er das Zimmer verlassen hatte, in tiefem Schmerz auf die Ottomane. Die Ahnung eines trostlosen Schicksals kam über sie; sie sah sich getäuscht, verlassen, entehrt, durch den Treubruch eines Fürsten, dem sie Glauben geschenkt hatte. (Schluß folgt.)

Klätter und KlUlen.

Neues aus Hibet. Der Schleier, der so viele Jahrhunderte über dem geheimnisvollen Tibet und seinem Lamaismus lag, lüftet sich mehr und mehr. Nun liegt auch von einer deutschen Expedition ein Bericht aus Tibet vor, dem wir einiges allgemein Jnteressirendes hier entnehmen. Die Reich des vr. Aßmy und des Leutnants Genschow führte von Peking aus durch China nach dem tibetanischen Hochland. Mit welch merk­würdigen Schwierigkeiten man beim Reisen in diesen Gegenden bisweilen rechnen muß, illustriert die Mitteilung, daß das Reisegeld nicht weniger als 87 Pfund wog. Zudem wechsele das Münzsystem alle Augenblicke. In Tibet ist zur Zeit eine von den Chinesen geprägte Rupie im Umlauf, die mangels einer Scheidemünze bei Bedarf in Stücke geschnitten wird. Daneben gilt auch die englische Rupie die neugeprägten mit dem Kopf Eduards VII. nehmen die Tibaner aber nicht, sie wollen die alte Queen aus den Stücken sehen. Über die Flüsse führen mehrfach Kettenbrücken; die über den Tung-Ho war 125 Meter lang, 3^ Meter breit und etwa 40 Meter über dem Flußspiegel gelegen.Dünne Brettchen sind, nur höchst problematisch befestigt, quer über die Ketten gelegt, ein dünnes, lückenhaftes Geländer gibt dein armen Passanten ein ganz geringes

Gefühl der Sicherheit. Bei jedem Schritt schwingt die Brücke io senkrechter und wagerechter Richtung." Viele Reisenden lassen sich denn auch über solche Brücken mit verbundenen Augen von den Eingeborenen hinübertragen. Der Lama ist allgegenwärtig jeder dritte, an manchen Orten jeder zweite Familiensohn wird Priester und der eigentliche Herrscher im Lande. Bald begegnet man ihm hoch zu Roß, die Gebetsmühle auch beim Reiten eifrig drehend, bald wandert er zu einem Gehöft,die Trommel zu schlagen", d. h Gottesdienst abzuhalten. Fast in jedem größeren Gehöft hocken dieKahlköpfe" ums Feuer, jedem andern die Benutzung des so geheiligten Wärmemittels wehrend. Die Lamapriester scheiden sich in vier Sekten, äußerlich schon an der roten, gelben, weißen und schwarzen togaartigen Gewandung kenntlich. Die einzelnen Sekten und ihre Klöster liegen in ewiger Fehde mitein­ander, bei der es nur zu oft blutige Köpfe setzt. Der weltliche Besitz der Klöster und seine Verwaltung oder richtiger Ausbeutung gleicht dem unserer Klöster im Mittelalter. Gebetsmiihlen, diese eigenartige Form Gebete zu verrichten, sind in den Hansern der Neichen mehrfach eingebaut. In den Zeiten des Müßiggangs setzt sie der Hausbewohner