Heft 
(1881) 295
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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

tig, zu höhlen und zu glätten, was nie ge­sehen werden, kaum wirken konnte. Dieser selbstlose Fleiß kehrt im Kleinsten wieder: die Verzierungen von Schilden und Schu­hen, die Schwerter und Köcher, die Flügel und Schlangen, die rauhe Außenseite und die glatte Innenfläche der Thierfelle, die elastischen Gürtelschnüre der Frauen, die Anschirrung der Gespanne Alles ist mit gleicher Liebe, mit gleicher Sorgfalt, mit gleicher technischer Vollendung und Gewissenhaftigkeit gearbeitet; überall eine selbstbefriedigte Freude am eigenen Schaf­fen, wie nur die Natur und von größeren Knnstschöpfungen nur noch die Werke des Parthenon sie zeigen. Von den Pergameni­schen Künstlern bringen sie uns den höchsten Begriff bei; sie erscheinen in gewisser Beziehung auf dem Höhepunkte künstleri­schen Vollbringens: glückliche Erben jeder Art von Technik und Vortragsweise, konnten sie Alles und dies Alles wie­derum auf sehr verschiedene Weise, wie das z. B, in der Haarbehandlnng, aber auch bei der Gewandung ohne Weiteres hervor­tritt. Aber trotzdem ist da nichts von Manier, von bloßer Mache, sondern ein Jedes ebenso direct und frisch empfunden wie zur Ausführung gebracht. Und zeigt ein Vergleich mit Werken, wie der sterbende Gallier dessen Original wir nun einmal der Zeit des Attalos zuschreiben wollen , daß wir es hier noch mit einer leben­digen, aufwärts strebenden Entwickelung zu thun haben,* die wir eben als helleni­stisch-kleinasiatische Kunst bezeichnen können, so werden wir zugleich mit Staunen gewahr, wie eine Zeit, die wir schon als wesentlich reproductiv anzusehen pflegten, in einer bestimmten Sphäre nach längerem bewußten Streben gerade erst das Höchste erreicht hat, und zwar in einer Sphäre, die unseren künstlerischen Anschauungen und Anforderungen vielleicht leider im Ganzen doch näher liegt als das, was wir bisher mit dem unzureichenden Worteder Antike" ganz allgemein zu bezeichnen gewohnt waren. Das ist, wie schon im Eingang bezeichnet, die Sphäre des rhetorischen Pathos, als deren Aus­läufer und Endpunkt im Alterthum wir wohl die Gruppe des Laokoon anzusehen

* Man vergleiche z. B. die immerhin steife Lage der linken Hand des Galliers mit der Fingerbewegung fallender Giganten.

haben, deren freie, originale und natur­wahrste Bethätigung wir jedoch von nun an stets in den Pergamenern bewundern werden. Und selbst dieser Zeit sind die Göttergestalten noch nicht zur Phrase geworden, wenn auch durchaus nicht alle gleich inhaltsvoll sind. Damit ist uns ein ganz neues Licht erstanden, dessen Beleuch­tungsgebiet noch gar nicht einmal abge­grenzt werden kann. Unter wie neuem Ge­sichtspunkte erscheint uns dadurch jetzt schon die ältere Kunstübung Kleinasiens; möglich selbst, daß diese Werke mehr als alle seit der Renaissance gefundenen bestimmt sind, praktisch und treibend aus unsere eigene Kunstentwickelung zu wirken.*

Für die gestimmte Erscheinung darf man nicht vergessen, daß Farben an Ge­rüchen und Gewändern, ein warmer Ton auch am Nackten, Zusätze von Schwertern, Binden, Gehängen, Schuhknöpsen in Bronze zum Theil wahrscheinlich, zum Theil gewiß auch an den Pergamenischen Werken ver­wendet waren. Was beim praxitelischen Hermes, den wir im Mai des Jahres 1877 zu Olympia fanden, noch ansfallen mußte, nämlich die Anstückung des Gewandes aus kleinen Marmorstücken, erscheint hier als Regel: Arme und Hände, Finger und Locken, Bauch- und Kopfstücke, Schlangen­zähne und Gewandfalten, genug Alles, wozu der Marmorblock gerade nicht ans­reichte, ist ohne Scheu in besonderen Stücken angesetzt. Was dein Alterthum unwesentlich schien, darin war es frei von Pedanterie oder Rigorosität; und wie es z. B. kein Bedenken darin fand, die nächste Umgebung des Parthenon als einen rau­hen, unebenen Felsen zu belassen, so nahm es auch keinen Anstoß an der Stücknng seiner bedeutendsten Werke.

Blickt man endlich auf das Ganze der Composition, so muß man freilich sagen, ihr werden wir erst dann gerecht werden,

* Ich weiß, daß ich damit in Gegensatz zu Meh­reren trete, deren Urtheil ich schätze; auch können wohl meine Worte nicht so verstanden werden, als ob ich für Nachahmung der pergamenischen Werke plaidirte. Aber wie frisch Empfundenes unmittel­bar in Plastik übersetzt sich ausnehmen muß, bas kann man allerdings von ihnen lernen. Wer das aus einen Schlag sehen will, dem ist zu rathen, sich von den Pergamenern einmal direct in die Nationalgalerie zur Prometheusgruppe zu begeben, für die übrigens hierin gar kein besonderer Vor­wurf liegen soll.