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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.
tig, zu höhlen und zu glätten, was nie gesehen werden, kaum wirken konnte. Dieser selbstlose Fleiß kehrt im Kleinsten wieder: die Verzierungen von Schilden und Schuhen, die Schwerter und Köcher, die Flügel und Schlangen, die rauhe Außenseite und die glatte Innenfläche der Thierfelle, die elastischen Gürtelschnüre der Frauen, die Anschirrung der Gespanne — Alles ist mit gleicher Liebe, mit gleicher Sorgfalt, mit gleicher technischer Vollendung und Gewissenhaftigkeit gearbeitet; überall eine selbstbefriedigte Freude am eigenen Schaffen, wie nur die Natur und von größeren Knnstschöpfungen nur noch die Werke des Parthenon sie zeigen. Von den Pergamenischen Künstlern bringen sie uns den höchsten Begriff bei; sie erscheinen in gewisser Beziehung auf dem Höhepunkte künstlerischen Vollbringens: glückliche Erben jeder Art von Technik und Vortragsweise, konnten sie Alles und dies Alles wiederum auf sehr verschiedene Weise, wie das z. B, in der Haarbehandlnng, aber auch bei der Gewandung ohne Weiteres hervortritt. Aber trotzdem ist da nichts von Manier, von bloßer Mache, sondern ein Jedes ebenso direct und frisch empfunden wie zur Ausführung gebracht. Und zeigt ein Vergleich mit Werken, wie der sterbende Gallier — dessen Original wir nun einmal der Zeit des Attalos zuschreiben wollen —, daß wir es hier noch mit einer lebendigen, aufwärts strebenden Entwickelung zu thun haben,* die wir eben als hellenistisch-kleinasiatische Kunst bezeichnen können, so werden wir zugleich mit Staunen gewahr, wie eine Zeit, die wir schon als wesentlich reproductiv anzusehen pflegten, in einer bestimmten Sphäre nach längerem bewußten Streben gerade erst das Höchste erreicht hat, und zwar in einer Sphäre, die unseren künstlerischen Anschauungen und Anforderungen — vielleicht leider — im Ganzen doch näher liegt als das, was wir bisher mit dem unzureichenden Worte „der Antike" ganz allgemein zu bezeichnen gewohnt waren. Das ist, wie schon im Eingang bezeichnet, die Sphäre des rhetorischen Pathos, als deren Ausläufer und Endpunkt im Alterthum wir wohl die Gruppe des Laokoon anzusehen
* Man vergleiche z. B. die immerhin steife Lage der linken Hand des Galliers mit der Fingerbewegung fallender Giganten.
haben, deren freie, originale und naturwahrste Bethätigung wir jedoch von nun an stets in den Pergamenern bewundern werden. Und selbst dieser Zeit sind die Göttergestalten noch nicht zur Phrase geworden, wenn auch durchaus nicht alle gleich inhaltsvoll sind. Damit ist uns ein ganz neues Licht erstanden, dessen Beleuchtungsgebiet noch gar nicht einmal abgegrenzt werden kann. Unter wie neuem Gesichtspunkte erscheint uns dadurch jetzt schon die ältere Kunstübung Kleinasiens; möglich selbst, daß diese Werke mehr als alle seit der Renaissance gefundenen bestimmt sind, praktisch und treibend aus unsere eigene Kunstentwickelung zu wirken.*
Für die gestimmte Erscheinung darf man nicht vergessen, daß Farben an Gerüchen und Gewändern, ein warmer Ton auch am Nackten, Zusätze von Schwertern, Binden, Gehängen, Schuhknöpsen in Bronze zum Theil wahrscheinlich, zum Theil gewiß auch an den Pergamenischen Werken verwendet waren. Was beim praxitelischen Hermes, den wir im Mai des Jahres 1877 zu Olympia fanden, noch ansfallen mußte, nämlich die Anstückung des Gewandes aus kleinen Marmorstücken, erscheint hier als Regel: Arme und Hände, Finger und Locken, Bauch- und Kopfstücke, Schlangenzähne und Gewandfalten, genug Alles, wozu der Marmorblock gerade nicht ansreichte, ist ohne Scheu in besonderen Stücken angesetzt. Was dein Alterthum unwesentlich schien, darin war es frei von Pedanterie oder Rigorosität; und wie es z. B. kein Bedenken darin fand, die nächste Umgebung des Parthenon als einen rauhen, unebenen Felsen zu belassen, so nahm es auch keinen Anstoß an der Stücknng seiner bedeutendsten Werke.
Blickt man endlich auf das Ganze der Composition, so muß man freilich sagen, ihr werden wir erst dann gerecht werden,
* Ich weiß, daß ich damit in Gegensatz zu Mehreren trete, deren Urtheil ich schätze; auch können wohl meine Worte nicht so verstanden werden, als ob ich für Nachahmung der pergamenischen Werke plaidirte. Aber wie frisch Empfundenes unmittelbar in Plastik übersetzt sich ausnehmen muß, bas kann man allerdings von ihnen lernen. Wer das aus einen Schlag sehen will, dem ist zu rathen, sich von den Pergamenern einmal direct in die Nationalgalerie zur Prometheusgruppe zu begeben, für die übrigens hierin gar kein besonderer Vorwurf liegen soll.