Heft 
(1881) 295
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Hrrschfcld: Die Scnlptnreu von Perqainon. 51

äußere Treppenecke, dem vorausgesetzten Dionysos drüben entsprechend und un­mittelbar anstoßend an die Seegottheiten, nahm hier der Kampf einer Göttin ein, an­scheinend der Amphitrite ein neuer Beweis dafür, daß verwandte Gottheiten znsammengerückt waren, ein Princip, das den Unholden gegenüber zugleich einen innerlichen und gemüthlichen Sinn haben kann, obgleich auch sie im Kampfe sich einander beistehen. Auch ein Seecentaur, ein Helfer der Götter (Triton?) scheint hierher gestellt werden zu müssen; dieser kämpft über einem Gefallenen, dessen groß­artiger Ausdruck an die Alexanderköpfe gemahnt. Ob in dieselbe Folge auch die Ausfahrt des Meergottes mit dem Hippo- kampengespann (s. oben) gehört, ist ganz ungewiß; und ich wende mich gleich zur Nordseite der Ara, nahe welcher so viele Platten gefunden worden sind und wohin durch kleine Fragmente so viele andere ge­wiesen werden, daß mir wenigstens zweierlei sicher erscheint, daß wir dort nämlich weder die Athenagruppe noch auch die Treppen­anlage zu suchen haben. Nahe der Nordost­ecke und der Athena scheint da eine Folge von neun Platten gestanden zu haben, die zum großen Theile etwas ostnordöstlich von ihrem ursprünglichen Standort ge­sunden wurden. Göttinnen unter ihnen eine mit Schild und Speer treten aus Gefallene und theilen Todesstreiche aus, Götter kämpfen mit Schwert und Schild, einen nmringeltund umarmtem gewaltiger Schlangenmann und hält ihm den beschil- deten Arm mit den Zähnen fest, bisher die einzige Stelle, an der ein Gott vorüber­gehend in Noth ist. Dann tritt ein gewal­tiger Recke auf, nur zum geringen Theil erhalten, der mit beiden Händen als Waffe eine Keule zu schwingen scheint. Wenn Einige mit Recht Spuren des Löwenfelles an seinem Kopfe sehen und dieser Held danach Herakles ist, so erscheint seine räum­liche Nähe bei den zwei Hauptgottheiten des Kampfes, Athene und Zeus, zunächst doppelt gerechtfertigt: denn einmal knüpfte ein altes Orakel an ihn den Sieg in der Gigantomachie, dann aber galt er als Bater des pergamenischen Heros Telephos und damit zugleich als Stammvater der pergamenischen Fürsten. Ja, erwägt man dies und erinnert sich dabei noch, wie nahe dem Zeus und der Athena der Heros in

den meisten anderen Darstellungen der Gigantomachie erscheint, so kann man wohl fragen, ob er nicht auch hier vielmehr auf der Ostseite gesucht werden müßte. An die Nordseite gehört auch ein feuriges Zweigespann bildeten Gespanne etwa den Mittelpunkt jeder Seite?, dahin auch, nach den kleinen Fundstücken, eine Gruppe, die ich auf Kriegs- oder Rache- götler beziehen möchte: eine geflügelte Göttin (Nemesis?), die mit schnellem Schritt einem fliehenden Giganten gefolgt ist, reißt ihn am Kopfe zurück, und ihre erhobene Rechte treibt mit starkem und sicherem Stoß ihm von oben her einen Speer in die Brust; dann folgt ein Zwei­kamps Bewaffneter, im Harnisch der Gigant, im leichten kurzen Gewände der weit aus­holende Gott, Schild klirrt auf Schild, zum Tode getroffen bricht zwischen Beiden ein jugendlicher Körper zusammen in Linien von ergreifender Schönheit. Eine lang bekleidete Göttin, das schöne Haupt hinten umschleiert, schreitet mit hastigem Schritt vor, sucht dem vor ihr Gestürzten den deckenden Schild wegzureißen, während sie mit erhobener Rechten ein schlangenum­wundenes Gefäß auf ihn zu schleudern im Begriff ist. Dann stößt ein halb gefallener Gott dem stiernackigen Koloß sein Schwert in die Brust. An die Nordseite scheint endlich noch die etwas schwächere Gruppe eines Zweikampfes zwischen einer Göttin und einem Schlangengiganten zu gehören, und die auch in der Arbeit verwandte Göttin, die einen Speer gegen einen Schlangenmann erhebt, während vor ihr ein gewaltiger Löwe sich auf einen mensch­lichen Giganten geworfen und hinter ihr­em anderer Gigant wohl auch als Monstrum gebildet im Kampfe be­griffen ist. Nicht nur des Löwen wegen rücke ich diese Gruppe nahe an die Ecke im Nordwesten und lasse jenseits derselben an der Westseite die Göttin im fließen­den Gewände folgen, welche auf mächtigem Löwen über einen Gefallenen hinweg in den Kampf hineinreitet. Gleich als hätte sie eben abgeschossen, hebt sie einen neuen Pfeil aus dem Köcher, und während der so entstehenden Pause hält eine vor ihr hereilende Göttin* einen andringenden

* Das im Bogen über ihrem Haupte flatternde Gewand ruft eine große Reihe ähnlicher Gestalten

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