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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.
Gegner auf. Der blitztragende Adler hinter der Löwenreiterin scheint das Eintreten einer anderen Richtung anzudeuten und kann hier zugleich die Führung um eine Ecke vermittelt haben. An diese westliche Seite mag man auch die erhabene Auffahrt vom Zweigespann des Helios stellen, das ein jugendlicher Gigant mit erhobenem Fell scheu zu machen sucht; vor dem Sonnengotte ritt Eos — man vergleiche ihren Gürtel mit dem der Löwenreiterin —, an derselben Seite ist die Schwester Selene zu suchen, die vielleicht mit Recht in einer seitwärts reitenden, vom Rücken gesehenen Göttin erkannt wird. Nur muß man diese drei Gottheiten nicht einfach hinter einander ausgereiht denken; das würde dem Charakter dieser Kunst nicht entsprechen.
Nicht weiter will ich ausdehnen, was doch im besten Falle zunächst nur die Wahrscheinlichkeit einer Vermuthung für sich haben kann; auch werden diese Andeutungen genügen, um von der möglichen Entwickelung der Bilderreihe wenigstens einen Begriff zu erwecken. Die Fülle künstlerischer, kuustmythologischer, historischer und technischer Gesichtspunkte ist im Augenblick noch unübersehbar. Wahrlich prophetisch waren die Worte Bruun's, wenn auch in etwas anderem Sinne gemeint, daß die pergamenische Kunstschule nicht verfehlen würde, uns noch in Zukunft und in verschiedenem Sinne zu beschäftigen.
So groß in jeder Beziehung sind die Reste der Gigantomachie, daß wir zunächst für die anderen Funde, so vielsagend auch diese sind, so sehr sie uns unter anderen Umständen fesseln würden, kaum einen Blick übrig haben. Die Frauenstatuen stellen wohl zum Theil Priesterinnen dar,
auf römischen Sarkophagen ins Gedächtnis;. — Man vergleiche übrigens die Verschiedenheit der Gewandbearbeitung bei ihr und der reitenden, also zwei unmittelbar neben einander befindlichen Figuren.
eine Richtung, in welcher wir die Kunst dieser Periode auch in Rhodos vielfach thätig finden. Die kleineren (1,58 m hohen) Reliefs gehen die Telephossage und wohl noch einen Theil der mythischen Vorgeschichte Pergamons an; diese scheinen oben, innerhalb der Säulenhallen des Altarbaues, angebracht gewesen zu sein. In ihnen steckt noch viel von der „antiken Ruhe und Einfachheit", ein neuer Beweis von der theilweise eklektischen Vielseitigkeit dieser Zeit und Schule. Hier, wenn irgendwo, haben wir die Vorbilder für das gute römische Relief, z. B. au den älteren Triumphbogen, vor uns. Aber sie will ich diesmal nur erwähnt haben wie die schon im Eingang genannte Fülle anderer Funde.
Wieder sind die Arbeiten ausgenommen; es liegt im Plane, das Bild der alten Stadt im Zusammenhänge herauszuarbeiten, wie es uns in Olympia mit einem antiken Festplatze gelungen ist.
Man neide uns diese Erfolge nicht: wir haben gegen andere große und früher gesicherte Culturnatiouen Europas auch auf diesem Gebiete noch so viel nachznholen; mögen auch sie nicht bloß an dem Unserigeu Antheil nehmen, sondern auf gleichem Felde zu wetteifern, uns zu überbieten suchen. Auch das werden wir als eine willkommene und köstliche Frucht unserer Unternehmungen begrüßen, wie es seinerseits nicht verfehlen kann, den Sinn für das Ideale bei Stumpferen zu erwecken, bei Anderen wach zu erhalten.
Wir aber wollen es als ein gutes und verheißungsvolles Zeichen begrüßen, daß gleich nach der Zeit, in welcher unser Vaterland aus harten Kämpfen erneut hervorgegangen ist, uns ein Bildwerk geschenkt ward, das den endgiltigen Sieg wenigstens über irdische Feinde in der eindringlichen und erhabenen Sprache der Kunst verewigt.