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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
meinschaftliche Sache gemacht haben. Aber man hatte keine positiven Beweise seiner Schuld gegen ihn vorzubringen, und Niemand sühlte sich aus Interesse sür das Gemeinwohl geneigt, sein Ankläger zu werden. So lebte er seit einigen Monaten in Ningpo, mißtrauisch beobachtet und ängstlich gemieden, aber that- sächlich unbehelligt. Er gab, als ich ihm auf der öffentlichen Promenade begegnete, einem schmächtigen, hübschen, elegant gekleideten jungen Menschen den Arm, der mit seinen winzigen Füßen und seinen dreisten, großen, schwarzen Augen wie eine verkleidete Frau aussah und allgemein als eine solche galt. Der Gras und sein jugendlicher Gefährte verschwanden eines Tages aus Ningpo. Man wußte nicht, wohin sich das abenteuerliche Paar gewandt haben mochte, und Niemand kümmerte sich sonderlich darum. — Einige Wochen später begegnete ein Dampfschiff auf dem Wege von Shanghai nach Ningpo einem verlassenen Boote, das mit der Ebbe aus dem breiten Strome, an dem Ningpo gelegen ist, in die offene See Hinaustrieb. Der Capitän des Dampfschiffes hielt an und ließ durch einige seiner Leute das treibende Boot heranholen, um es ins Schlepptau zu rrehmen. In dem Fahrzeug fand man einen Leichnam, der von dem Capitän und von mehreren der Passagiere als der des französischen Grasen erkannt wurde. — Der Mann war ermordet worden. Er hatte eine Kugel in der Brust, und sein ganzer Körper war mit Hieb- und Stichwunden bedeckt. Der französische Consul leitete der Ordnung halber eine Untersuchung ein, die jedoch, wie die meisten ähnlichen Untersuchungen in China und Japan, erfolglos blieb. Es wurde nur festgestellt, daß der Graf und sein Gefährte, als sie Ningpo mit ihren wenigen Habseligkeiten verlassen, sich in eines jener offenen Fischerboote begeben hatten, die sich zu Tausenden aus dem Strome und an der Küste umhertreiben. Der Besitzer des Fahrzeuges konnte nicht ermittelt werden. Man vermuthete, der Graf sei von Piraten überfallen und ermordet worden. Was bei der Gelegenheit aus der Frau geworden sein mochte, die ihn begleitete, darüber war nichts zu ermitteln. Sie hatte wahrscheinlich sein Schicksal getheilt:
Es sei hier beiläufig bemerkt, daß sich in den zahlreichen und dichten Schwärmen von Sturmvögeln, welche zu Anfang der sechziger Jahre — das heißt zur Zeit der Taiping-Rebellion, des englisch-französischen Krieges gegen China und der Eröffnung von Japan — aus alleü Welttheilen nach dem fernen Osten gezogen kamen — daß sich in diesen Schwärmen, wie in denen anderer Wandervögel, auch einige Weibchen befanden. Von diesen wilden, geheimnißvollen Wesen läßt sich jedoch an dieser Stelle nicht viel mehr sagen, als daß es Sturmvögel von reinstem Blut, richtige „Küchlein der Mutter Carey" waren und als solche ohne Familie, heimathlos und unberechenbar. — Die Gefährtin des Grasen mochte eines dieser abenteuerlichen Wesen gewesen sein. Sie wurde, nachdem sie verschwunden war, von Niemand reclamirt, vermißt oder betrauert.
Ningpo-su, die „freundliche Wellenstadt", eine der schönsten Städte der reichen Provinz von Tschekiang, liegt in einer fruchtbaren, sorgfältig cultivirten, bergumschlossenen Ebene. Sie ist wie Shanghai von einem an dreißig Fuß hohen, mit Gras bewachsenen, von zahlreichen Thürmen überragten Mauerwall umgeben und hat ungefähr eine halbe Million Einwohner. Ningpo besitzt viele Klöster und Tempel, darunter den in ganz China berühmten Tempel, welcher der Göttin Ma-tsu-pu geweiht ist und aus dem zwölften Jahrhundert datirt; ferner die uralte, sechzehneckige Pagode Tien- sung-tah — die vom Himmel geschenkte Pagode —, welche um das Jahr 750 errichtet sein soll. Von der Höhe dieses Thurmes überblickt man ganz Ningpo. Die Stadt gewährt dem Europäer einen eigenthümlichen und imposanten Anblick: mit ihren engen Straßen und dem starken Ringwall, der sie umgiebt, gleicht sie einer großen, mittelalterlichen Feste.
Die Fremden, denen Ningpo durch den Friedensvertrag von 1842 geöffnet wurde, haben sich außerhalb der Ringmauer der chinesischen Stadt niedergelassen. Das „Zöttlsmant" liegt zwischen zwei Flüssen, von denen aber nur der kleinere aus einer Schiffbrücke überschritten werden kann; um den zweiten Strom zu passireu, bedienen sich die Fremden ihrer sogenannten „Hausboote" oder eines öffentlichen Fährkahnes.