Heft 
(1881) 295
Seite
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Lindau: Reise

Jin Jahre 1861 wurde Ningpo von den Taipiug-Rebellen erobert. Sie rich­teten dort große Verwüstungen an, so daß sie auch den fremden Knnfleuten, welche auf den Handel mit der chinesischen Stadt angewiesen sind, erheblichen Schaden zufügten. Die Klagen darüber fanden Gehör, und im Jahre 1862 wurden einige französische und englische Truppen- abtheilnngen nach Ningpo expedirt, denen es nach kurzem Kampfe gegen eine er­drückende U ebermacht gelang, die Rebellen ans Ningpo zu versagen, in ähnlicher Weise, wie ihre Waffenbrüder im Norden die Rebellen aus der Umgegend von Shanghai vertrieben hatten.

Ningpo ist eine reiche Handelsstadt. Ihre Opium-, Thee- und Seidehändler stehen mit der ganzen Welt in Verbin­dung. Doch hat Ningpo für den fremden Verkehr nicht annähernd dieselbe Wichtig­keit wie Shanghai, was hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben ist, daß der Hafen von Ningpo klein und der Strom, an dem die Stadt liegt, nur für Schiffe mit flachem Boden passirbar ist. Besonders charakteristisch für Ningpo ist, daß ein unverhältnißmäßig großer Theil der Be­völkerung inan sagt ein Fünftel dem Gelehrtenstande angehört. Ferner ist zu erwähnen, daß die Kunsttischler von Ningpo weltberühmt sind. Es giebt kaum ein europäisches Haus in China oder in Japan, in dem man nichtNing­po - Betten",Ningpo - Bilderrahmen", Ningpo- Stühle" oder-Tische" finde. Aber auch in Europa, namentlich in Eng­land, sind diese Möbel unter dem Namen Ningpo-Furnitnre" wohl bekannt und verbreitet. Sie sind gewöhnlich aus gel­bem oder hellbraunem, kunstreich durch­brochenem, mit grotesken Elfenbeinschnitze­reien verziertem Holze. Ich erinnere mich, in einem Möbelmagazin in Ningpo das größte Bett gesehen zu haben, das mir in meinen: Leben zu Gesicht gekommen ist. Es war volle fünfzehn Fuß lang und zehn Fuß breit und bildete ein kleines Gemach, das dazu bestimmt schien, einer ganzen Familie als Schlafstätte zu dienen. Im Allgemeinen sind jedoch die Ningpo- Möbel kleiner, eleganter und billiger, aber auch weniger dauerhaft als die massiven, gewöhnlich mit Marmorplatten versehenen Tische, Stühle und Bänke aus schwerem,

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hartem, dunklem Holze, welche von Can- ton aus auf die fremden Märkte gelangen.

Unter den Fremden, die sich in und vor Ningpo niedergelassen haben, befinden sich viele französische und einige englische und amerikanische Missionäre. Letztere führen ein ganz behagliches Leben. Sie machen von Amtswegen auf die Hochachtung ihrer Landsleute Anspruch und werden von diesen respectvoll behandelt. Die meisten von ihnen haben Frau und Kinder, sind comfortabel eingerichtet, beziehen ein gutes Gehalt, essen und trinken, was ihnen schmeckt, und erfüllen ihre Obliegenheiten möglichst viel chinesische Kinder in der christlichen Religion zu erziehen mit Pflichttreue und Eifer, aber ohne übergroße geistige oder körperliche An­strengung. Man würde sich eine falsche Idee von ihnen machen, wenn man sie für Apostel hielte, welche das Evangelium unter erschwerenden Umständen in heid­nischen Ländern predigen. Sie leben wie in England und Amerika unter den Augen ihrer Mitbürger und unter dem starken Schutze der Gesetze ihrer Heimath. Mit den französischen Missionären ver­hält es sich anders. Diese führen in Ningpo ein geheimnißvolles Klosterleben, und man weiß nur aus ihren eigenen frei­willigen Mittheilungen, was sie im Inne­ren von China, wohin sie Vordringen und wo sie sich festsetzen, thun und treiben. Ihre Sittenreinheit, sowie ihr Eifer und ihre Unerschrockenheit werden allgemein anerkannt, und diejenigen unter ihnen, die Hunderte von Meilen weit von der Küste unter den Chinesen leben, um diese zum Christenthnm zu bekehren, führen zweifellos eine höchst traurige Existenz. Ob ihre Bemühungen, denen sie Alles aufopfern, was nach gewöhnlichen Be­griffen das menschliche Glück ausmacht, von großem Erfolge gekrönt seien, dafür fehlt mir jeder feste Anhaltspunkt. Ich kann nur verbürgen, daß die wenigen christlichen Chinesen, die ich als Diener in den Vertragshäfen hier und da ange­troffen habe, sich vor ihren Landsleuten keineswegs in vortheilhafter Weise aus­zeichneten. Man erkannte sie am leichte­sten an einer eigenthümlichen Dreistigkeit, mit der sie ihren europäischen Herren

gegenüber auftraten. .- Ein richtiger

chinesischerBoy", der mit der Behänd-