Heft 
(1881) 295
Seite
56
Einzelbild herunterladen

56 Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

lung, die ihm in einem europäischen Hanse zu Theil wird, nicht zufrieden ist, verläßt seine Herrschaft unter einem beliebigen höflichen Vorwände; gewöhnlich sagt er, sein alter Vater oder seine alte Mutter sei krank und er müsse deshalb nach Hause gehen. Der getaufte Chinese dagegen, wenn er sich schlecht behandelt glaubt, pflegt zu drohen, daß er sich bei dem Pater N. N. beklagen werde. Die meisten in China ansässigen Fremden ziehen des­halb auch vor, heidnische Chinesen in ihre Dienste zu nehmen. Ich will jedoch nicht unerwähnt lassen, daß nach den übereinstimmenden Aussagen französischer Missionäre die im Inneren von China lebenden Christen sich durch moralische und intellectuelle Eigenschaften über die anderen Chinesen erheben sollen. Der gute Einfluß, den die Bekehrung ausge­übt haben mag, ist aber von den Fremden­niederlassungen aus nicht zu coustatiren. Alle Chinesen, die man dort kennen lernt, erscheinen als Menschen ohne Re­ligion und vollständig gleichgültig gegen jeden Cultus. China kennt überhaupt kein Glaubensbekenntniß, keine feierliche Verpflichtung, sich zu irgend einer be­stimmten Religion zu bekennen. Es ist das denkbar freisinnigste Land der Welt. Ein jeder chinesische Staatsbürger hat einfach diejenigen Pflichten zu erfüllen, welche ihm als weltlichem Unterthan des Kaisers auferlegt sind. Im klebrigen mag er verehren, was er will: die Ahnen, die Geister, den Himmel, die Lehren des Consueius oder die des Lao-tse, Buddha oder Mohamed. Auch das Christenthum würde nicht so angefeindet werden, wie dies der Fall ist, wenn es nicht in dem Verdacht stände, einen Staat im Staate bilden zu wollen und Tendenzen zu ver­folgen, welche der bestehenden Ordnung der Dinge gefährlich werden könnten.

In einem Lande, in dem die religiöse Gleichgültigkeit seit Jahrhunderten bis zum Aeußersten, bis zum Unglaublichen getrieben wird, muß es schwer halten, Proselyten für die christliche Religion zu machen. Die Missionäre haben nicht nur die Aufgabe, zu bekehren, sie müssen den in tiefsten Schlaf versunkenen religiösen Sinn erwecken, ja gewissermaßen erst er­zeugen. Aus diesem Grunde wird auch von den besten Kennern China's ange­

nommen, daß die Civilisation des Landes eine vollständige Umwandlung erfahren muß, ehe von wirklich erfolgreichen Be­kehrungsversuchen daselbst die Rede sein kann. Bis heute ist in dieser Beziehung verhaltnißmäßig wenig erzielt worden. Nach den Mittheilungen französischer Missionäre zählt ganz China augenblicklich ungefähr dreimalhunderttausend Christen. Das ist aber wenig in einem Lande, dessen Einwohnerzahl auf vierhundert Millionen geschätzt wird, und unter Berücksichtigung der historischen Thatsache, daß im Jahre 650 bereits nestorianische Christen nach China kamen und daß Franciscaner und nachher Jesuiten seit dem dreizehnten, respective sechzehnten Jahrhundert un­ausgesetzt bemüht gewesen sind, die christ­liche Religion in dein großenReiche der Mitte" zu verbreiten. Sämmtliche Christen des bei Weitem größten und bevölkertsten Staates der Erde würden bequem in einer mittelgroßen Stadt unterzubringen sein; und dies ist das Resultat zwölfhundert­jähriger Bekehrungsversuche! Man muß den Muth der Missionäre bewundern, die sich durch ein so geringfügiges Resultat nicht zurückschrecken lassen und ihre Be­mühungen, die heidnischen Chinesen zum Christenthum zu bekehren, unausgesetzt und eifrig sortsetzen.

Die Umgegend von Ningpo trägt scharf ausgeprägt den Charakter der chinesischen Landschaft. Das zum Reisbau vorzüglich geeignete Land ist aus das sorgfältigste cültivirt und von vielen Canälen durch­schnitten, die es in große und kleine Inseln zertheilen. Allerorten, ans jeder größeren Laudparcelle, erblickt man vereinzelt da­stehende alte Bäume und Baumgruppen, welche kleine, grüne Hügel, die geheiligten Ruhestätten der Vorfahren, beschatten. Dort spielen auch die Kinder und ruhen während der Mittagshitze Feldarbeiter und Hausthiere, darunter der kolossale, schwerfällige Büffel. Die zahllosen Grabhügel, welche sich jährlich vermehren, geben der chinesischen Landschaft einen ganz eigenthümlichen und traurigen Cha­rakter. Die Tvdten nehmen dort einen so unverhältnißmäßig großen Raum ein, daß man glauben könnte, man befände sich auf einem alten Schlachtfelde.

*