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Lindau: Reise
Futschau — „die glückliche Stadt" — im Süden von Ningpo gelegen nnd von allen Vertragshäfen ans durch Küstendampfer leicht zu erreichen, macht aus der Entfernung einen äußerst angenehmen Eindruck. Sie ist die Hauptstadt der reichen Provinz Fukiang, und ihre Bevölkerung wird auf achtmalhunderttausend Seelen geschätzt. — Futschau liegt am nördlichen Ufer des Min, am Fuße eines großen, mit Klöstern, Billen und uralten Bäumen bedeckten Berges, und ist wie die Schwesterstädte Shanghai und Ningpo von einem alten, malerischen Manerwall umgeben. Die Fremdeneolonie, die zur Zeit, als ich sie besuchte, einige vierzig Mitglieder zählte, hat sich aus einem freundlichen Hügel, der chinesischen Stadt gegenüber, niedergelassen. Der Anblick, den Futschau von dort aus gewährt, ist überraschend und gefällig. Auf dem schönen Minstrom wimmelt es von unzähligen Booten und Dschunken, von denen viele schwimmende Wohnungen bilden; in den Straßen der Stadt bemerkt man ein reges, geräuschloses Leben, wie in einem Ameisenhaufen. Bemerkenswerth istmuch eine alte, an tausend Fuß lange Brücke, die über den Min führt und deren Joche aus enormen Granitquadern anfgesührt sind. — Wenn man aber in die Stadt tritt, so zeigt sich ein anderes, häßlicheres Bild. Die engen Straßen sind von abschreckender Unreinlichkeit, und die meisten Häuser scheinen arme Händler nnd Handwerker zu beherbergen. Nur hier und da erblickt man ein stattliches Wohnhaus. Futschau ist durch seinen kolossalen Opiumverbranch berüchtigt. Mau sagt, die Hälfte der Bevölkerung werde dadurch vergiftet nnd an den Bettelstab gebracht. Dies mag die Ursache des traurigen Aussehens der Einwohnerschaft sein.
Futschau besitzt wie Ningpo und Shanghai einige Etablissements, in denen sich christliche Missionäre niedergelassen haben. Es ist diesen nicht gelungen, sich mit der chinesischen Bevölkerung auf guten Fuß zu setzen, und fortwährend hört man von Klagen der Missionäre über gewaltthätige, schlechte Behandlung, die ihnen von dem düsteren, wilden Futschauer Pöbel zu Theil geworden ist. Auch in neuester Zeit erinnere ich mich, in den Zeitungen gelesen zu haben, daß in Futschau ein Missions-
Erinncrungc n.
gebände von einheimischen Mordbrennern zerstört worden sei.
Die großen fremden Kriegsschiffe und Kauffahrer können nicht bis nach Futschau Vordringen, da der reißende Minstrom an vielen Stellen nur für Fahrzeuge mit flachem Boden passirbar ist. Die Löschung und Verladung der europäischen und amerikanischen Schiffe findet an dem sogenannten „La-Aockn TWeboraZo" statt, einem überaus freundlichen Hafenplatze, der zwischen Futschau und der Mündung des Min gelegen ist. Dort kann man zur Zeit, wenn der neue Thee verschifft wird, die schnellsten Segler der Welt, die besten und berühmtesten englischen Thee-Klipper sehen. Sie veranstalten alljährlich die größten Seewettfahrten unter sich — von Futschau nach London —, und die Capitäne wie die Matrosen der Fahrzeuge entfalten dabei nicht selten geradezu bewunderungswürdige Sachkenntniß, Energie, Ausdauer und Unerschrockenheit. Daher gilt es aber auch unter den englischen Schiffscapitäneu für einen Ehrentitel, einen englischen Thee- Klipper zu commandiren oder geführt zu haben. — Zn Anfang der sechziger Jahre ereignete es sich einmal, daß die vier ersten Schiffe, welche den neuen Thee nach London brachten, die viele tausend Meilen lange Reise von Futschau nach London in fast genau derselben Zeit zurückgelegt hatten. Trotz Sturm und Wetter, mit denen sie zu kämpfen gehabt, und wennschon sie sich gleich nach der Abfahrt aus den Augen verloren und verschiedene Wege eingeschlagen hatten, fanden sie sich nach nennzigtägiger Ueberfahrt am Ausfluß der Themse wieder zusammen, so daß das erste Schiff vor dem zweiten nur einen Vorsprung von drei nnd einer halben Stunde hatte, als „Nbs minner ok tbs Al'snt 6binn-t6n-rn66" in Greenwich signalisirt wurde.
Swatow und Amoy, zwischen Futschau und Hongkong gelegen, sind für den Reisenden ohne Interesse. Ich erinnere mich nur, daß Amoy einen sehr großen Hafen besitzt und daß Swatow kurz vor meiner Ankunft von einem Orkan heimgesucht worden war, der innerhalb weniger Stunden erschreckliche Verwüstungen an-