Heft 
(1881) 295
Seite
84
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M.

84 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

Die Weltausstellungen waren es bis vor Kurzem allein, deren Ueberhandneh- nien die Industrie bedrohte, und mit welchen sich daher die Reformpläue be­schäftigten. Dabei wurde gewöhnlich der Pflege von Special- und Landesausstel­lungen das Wort geredet. Und von dem Guten, was man über diese Institution sagte, braucht auch nichts zurückgenommen zu werden. Nur ist auch diese Wohlthat bereits zur Plage geworden. Die Riva­lität, welche dort Staaten und Weltstädte zu einer ihnen selbst und der Industrie wenig zuträglichen Ueberproduction an großen Ausstellungen verführte, hat sich in immer engere Kreise und kleinere Ver­hältnisse fortgepflanzt. Die unglückliche Maxime:Wenn die in A. und B. sich den Luxus gestatten konnten, werden wir es doch auch dürfen"; die Sehnsucht, eine Rolle zu spielen, die Hoffnung, Geschäfte zu machen, ^vereinigen sich mit besseren Motiven, dem Drange zu nützen re., genau so in Provinzorten wie in den Re­sidenzen; die Schlagwörter sind ganz die nämlichen da und dort, und der Schluß­effect Pflegt verhältnismäßig auch derselbe zu sein. Ja, wenn wir genau Hinsehen, finden wir die Gefahren für den Gewerb- fleiß fast größer bei dem Wuchern der kleinen als bei der zu raschen Folge der großen Ausstellungen, und um so drin­gender erhebt sich der Ruf nach Regelung dieses Wesens.

Unmöglich kann es einer jeden Stadt­gemeinde oder jedem Gewerbeverein gänz­lich anheimgestellt werden, wann und so oft es ihnen beliebt, die Gewerbetreiben­den ihres Bezirkes aufznstören. In der Sprache der Programme heißt das: zum Wetteifer anspornen, Zeugniß von den Fortschritten ablegen und dergleichen mehr, was, in nüchternes Deutsch über­tragen, häufig lauten müßte: den In­dustriellen und Handwerker vor und wäh­rend der Ausstellung von seiner Thätigkeit abziehen, zu übertriebenen Ausgaben ver­anlassen. Im Kleinen wiederholt sich zu­nächst, was wir im Großen beobachtet haben. Es werden Ausstellungsstücke ge­macht, die viel Zeit, Arbeit und Geld verschlingen und nur zu oft überhaupt unverkäuflich sind. Der Gewerbsmann, welcher den von einer kleinen Stadt ge­stellten Anforderungen ganz gut genügt,

glaubt zeigen zu müssen, daß er auch Höheres leisten könne, und bringt ohne genügende Vorbildung, ohne Vorbilder, ohne Berather irgend ein Curiosum zu Stande, dessen Zwecklosigkeit durch die Kühnheit entschuldigt werden soll, mit welcher es sich über jegliche Stilbedin­gungen hinwegsetzt. Der Bewunderung sind dergleichen Kunststücke sicher, und wenn sie, wie begreiflich, keine Käufer finden, so glaubt der Verfertiger sich voll­berechtigt zu der Klage, daß höheres Streben ohne Anerkennung bleibe. Gerade die kleinen Ausstellungen bergen in sich die Gefahr, anstatt Klärung der Begriffe, Läuterung des Geschmackes, bewußtes Vorwärtsstreben vielmehr Selbstgenüg­samkeit und Ueberschätzung der Kräfte und Leistungen zu verbreiten. Von der fremden Beurtheilung wird Billigkeit ge­fordert, da heißt es gar bescheiden: An unser schlichtes Werk darf kein hoher Maßstab angelegt werden; ist aber der Localpatriotismus unter sich, so schrickt er vor Parallelen mit dem Allerbesten nicht zurück und weiß weniger enthusiastische Urtheile leicht zu entkräften, indem er sie für befangen, parteiisch, den Kritiker für böswillig oder unwissend erklärt. Einen nicht förderlichen, sondern die gesunde Entwickelung störenden Einfluß werden aber Ausstellungen um so eher haben, je kleiner das Gebiet ist, dessen Production zur Anschauung kommt, und die Gebiete müssen immer enger umschrieben werden, je häufiger die Ausstellungen werden. Die Ankündigungen besagen meistens zur Rechtfertigung, daß der betreffende Ort noch nie oder doch nur vor längerer Zeit eine Ausstellung gehabt habe; verschweigen es hingegen, wenn vielleicht im vorigen Jahre die Nachbarstadt im Osten, vor zwei Jahren jene im Westen der Schau­platz einer solchen gewesen, oder wenn es gar daraus abgesehen ist, einer solchen Nachbarin das Prävenire zu spielen. An solche Umstände erinnert man natürlich nicht gern, weil sie zu laut gegen das Bemühen sprechen würden, denselben Be­zirk so häufig oder gar gleichzeitig von verschiedenen Seiten her in Mitleidenschaft zu ziehen. Doch kommt es auch vor, daß dasjenige, was von dem Project zurück­halten sollte, wahrheitsgetreu als Haupt­motiv für dasselbe anfgezählt wird.