Heft 
(1881) 295
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Ecker: Hand und Fuß ves Menschen.

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von diesen von Geburt an verliehen. Wie er den Verstand als das Vermögen aller Vermögen vor allen Thieren er­halten, so ist ihm auch die Hand als das Werkzeug aller Werkzeuge (oi-Akmum nniv ONANNN, verliehen

worden."

In der That ist die Hand das Werk­zeug der Werkzeuge. Sie ist es ja, welche die Gedanken des Menschen in Thaten übersetzt, und das menschliche Gehirn ohne dieses Werkzeug wäre einem zeitlebens in einem Kerker gefangenen Genie gleich, dessen kühnste Pläne stets nur Gedanken bleiben. Und doch glaube ich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß bis jetzt nicht viele meiner Leserinnen diesem wun­derbaren Werkzeuge eine eingehendere Be­trachtung gewidmet haben, während die erste amerikanische Nähmaschine denselben sicher Rufe der Bewunderung entlockt hat. Ueber Wunder nachzudenken, die mit uns ausgewachsen oder uns sogar ange wachsen sind, fällt überhaupt fast nur dem Naturforscher ein, und sehr richtig hat einmal ein berühmter Physiker gesagt, daß dieser stets in einer Welt von Rath seln wandte, während sich für den unbe­fangenen MenschenAlles von selbst ver stehe".

Dreierlei Eigenschaften sind es ins besondere, welche die Hand zu einem solcl. wunderbaren Werkzeuge machen. Sehen wir einen Bülow oder Rubinstein durch die Saiten des Claviers meistern, so be­wundern wir die fabelhafte Beweglichkeit der Hand und der Finger. Betrachten wir dagegen in einer Blindenanstalt einen armen Blinden, wie er mit den Fingern über die in erhabenen Lettern gedruckten Seiten seines Buches hineilt, mit den Fingern sehend, lesend, so ist es das feine Tastgefühl, das unser Erstaunen erregt, und dazu kommt endlich, von den Wenig­sten beachtet oder doch vom Tastsinn nicht unterschieden, zuletzt aber keineswegs das Letzte ein Drittes: das feine Ge­fühl der gemachten oder zu machenden Muskelbewegung, der Muskelsinn oder das Muskelgefühl. Wohl Jeder hat schon erfahren, wie genau die Hand die zu einer ausznführenden Bewegung nöthige Muskelkraft vorher abmißt, wenn er zum Beispiel eine für voll gehaltene, aber leere Wasserflasche hebend, wahrnimmt, welchen

unnöthigen Aufwand von Muskelkraft er gemacht hat.

Will man nun ein volles Verständniß dieser wunderbaren Maschine gewinnen, so kann dieses nur ans dem Wege der Vergleichung dieses complicirten Organs mit anderen einfacher gebauten derselben Art geschehen, und dies zu thun, ist die Aufgabe der vergleichenden Anatomie und Physiologie. Die Wege dieser beiden in so enger Beziehung stehenden Disciplinen sind aber keineswegs die gleichen.

Fragen wir zunächst: was ist anatomisch vergleichbar oder homolog, so sind dies Organe oder Werkzeuge, die, wie ver­schieden auch ihre functionelle Bestimmung sein möge, sich in gleichwerthige Theile

Fig. t.

Skelet der Flosse des Delphins.

Schulterblatt. 0 Oberarm. V Vorderarm. II Hand.

zerlegen lassen oder, wie die heutige Descendenzlehre sich ansdrückt, direct ans einander hervorgegangen (blutsverwandt) sind. In diesem Sinne homolog sind znm Beispiel die vorderen Gliedmaßen aller Säugethiere (überhaupt aller Wirbel- thiere).

Betrachten wir znm Beispiel die Flosse des Delphins (Fig. 1), den Flügel der Fledermaus (Fig. 2), das Vorderbein des Löwen (Fig. 3), des Hirsches, des Pferdes, den Arm des Affen und endlich des Menschen (Fig. 4), wie verschieden sind sie alle in ihrer Function! Znm Schwimmen, Fliegen, Lausen, Klettern und tausend kunstvollen Verrichtungen ge­eignet und doch stets die gleichen zusammen­setzenden Theile nur nach den verschiedenen Zwecken modificirt. Umgekehrt fassen wir