Heft 
(1881) 295
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Illustrirtc Deutsche Monatshefte.

Das Endglied einer Extremität da­gegen, das in seiner vollkommensten Aus­bildung gar nicht zur Stütze und Orts­bewegung, sondern nur zum Ergreifen und Festhalten von Gegenständen dient, nennen wir eine Hand, und der Mensch, der ein Paar solch vollkommener Werkzeuge be­sitzt, ist daher ein Zweihänder, wie ihn auch schon Linnä in seiner kurzen plasti­schen Sprache bezeichnet.

Zwischen den Vierfüßern und den Zwei­händern finden sich nun mannigfache Ueber- gänge. Während nämlich die Hinteren Extremitäten stets reine Stütz- und Orts­bewegungsorgane bleiben, werden die vor­deren bei Bestehenbleiben dieser Func­tion nebenbei auch als Greiforgan und Waffe benutzt. Der Löwe geht nicht nur auf seinen Vorderbeinen, sondern er schlägt auch mit deren Tatze seine Beute nieder; das Eichhörnchen, so flink im Laufe auf seinen vier Beinen, bringt auch mit den vorderen derselben zugleich die Nüsse zum Maul. Nur eine Ordnung der Säuge- thiere nähert sich in der Beschaffenheit der Hand dem Menschen: es ist dies die Ord­nung der Affen, diese aufdringliche Ver­wandtschaft, die Manchem schon so unan­genehm zu werden beginnt. Die Affen­hand ist in der That eine Hand, d. h. ein Greiforgan, wenn sie auch in mehr­facher Beziehung viel unvollkommener ist als die des Menschen, wie dies später noch genauer erörtert werden soll. Wie nun aber an dem einen Endpunkt der Säugethierreihe alle vier Extremitäten Füße sind (Vierfüßer), so sehen wir bei diesen auch die Füße zu Greiforganen, zu Händen werden, und es haben die Affen somit es möge inir dieser Ausdruck gestattet sein- nicht nur Handhände oder Vorderhände, sondern auch Fuß­hände oder Hinterhände, entsprechend ihrer ganz für den Aufenthalt ans Bäu­men berechneten Organisation. Nicht mit Unrecht haben daher Blumenbach und Cuvier aus ihnen eine besondere Ordnung, die der Vierhänder, ge­macht und die Linns'sche Ordnung der Zweihänder (in welche dieser auch die Affen ausgenommen hatte) bloß für den Menschen reservirt.

In neuerer Zeit ist nun ein ziemlich lebhafter Streit tendenziöser Natur da­rüber entstanden, ob die Fußhand oder

Hinterhand der AffenHand" oderFuß" sei, mit anderen Worten: ob die Affen Vierhänder oder Zweihänder seien.

Das Letztere wird namentlich von Huxley und der streng darwinistischen Schule behauptet; es wird infolge dessen die Ordnung der Vierhänder gestrichen und Mensch und Affe in engster Verbin­dung in die Ordnung der Zweihänder ein­gereiht. Der ersteren Ansicht, welche den Menschen allein als Zweihänder betrachtet, huldigen die mehr conservativen Natur­forscher und an deren Spitze der vor nicht langer Zeit verstorbene ehrwürdige Nestor derselben, C. E. v. Baer. Diese Frage, die mit der ganzen Anschauungs­weise über die Stellung des Menschen in der Natur eng zusammenhängt, ist von einer sehr weitgehenden Bedeutung, und es dürfte wohl auch für eiu größeres Publikum einiges Interesse haben, das Für und Wider zu hören und sich ein eigenes Urtheil zu bilden.

Um zu einem solchen die erforderlichen Unterlagen zu gewinnen, ist es aber nöthig, sowohl die Hand als den Fuß des Menschen nach ihrem anatomischen Ban, ihrer Function und somit ihrer Bedeutung zu betrachten. Beginnen wir mit der Hand.

I. Die Kand.

Ein berühmter Arzt des alten Rom, der unter den Kaisern Marc Aurel und Commodus in der Weltstadt prakticirte, zugleich der einzige römische Anatom von Bedeutung, Claudius Galenus, hat in einer seiner anatomischen Schriften fol­genden Ausspruch über die menschliche Hand gethan:*Sowie der menschliche Körper unbewaffnet in die Welt tritt, so ist auch seine Seele ohne bestimmten Kunst­trieb. Als Ersatz für die Nacktheit und Wehrlosigkeit seines Körpers erhielt er die Hand, und für seine ihm angeborene Untunde erhielt er den Verstand. Mit diesen ausgestattet, bewehrt er seinen Kör­per und schmückt er seine Seele mit allen möglichen Fertigkeiten. Und weil es besser für ihn ist, alle Waffen und alle Fertig­keiten zu benutzen, so wurde ihm keine

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