Heft 
(1881) 296
Seite
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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

euch danach. Da habt ihr eine volle Woche Zeit. Und nun geht und gehabt euch wohl, und Gott und ein gutes Gedächtniß seien mit euch."

Und nun war wieder Dienstag, und beide Katechumenen saßen wieder ans der kleinen Bank in der stillen Stube. Martin sah tapfer und sicher aus, aber Hilde schlug verlegen die Augen nieder.

Also die drei Hauptstücke," hob Sörgel an.Nun laß hören, Hilde. Rasch und fest. Aber nicht zu rasch."

Ich glaube an Gott den Vater, all­mächtigen Schöpfer Himmels und der Erden."

Gut. Also du glaubst an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden. Und nun gieb mir auch unseres Do. Luther's Erklärung und sage mir: Was ist das?"

Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat ..." Hier stockte sie und war wie mit Blut übergosseu. Endlich aber sagte sie: Weiter weiß ich es nicht."

Ei, ei, Hilde... Hast du denn nicht gelernt?"

Ich habe gelernt... Aber ich kann es nicht lernen..."

Und du wußtest doch das Erste."

Ja, das Erste kann ich und das Zweite kann ich beinah'. Aber das Dritte kann ich nicht. Und Mas ist das?" das kann ich gar nicht."

Sörgel, der sonst immer einen Scherz hatte, sagte nichts und ging in seinen Sammetstiefeln auf und ab. Endlich blieb er vor Martin stehen, schlug ihn mit der Hand leise unters Kinn und sagte:Martin, du kannst es. Nicht wahr?"

Ja, Herr Prediger."

Ich dacht' es mir," antwortete Sörgel, und ein leiser Spott umspielte seine Züge. Dann aber ging er auf den Tisch zu, wo die Bibel lag, und blätterte darin, Alles nur, um seiner Erregung Herr zu werden, und sagte dann, indem er sich wieder an

Hilde wandte:Höre, Hilde, der Tag deiner Einsegnung ist nun vor der Thür, und wenn ich dich in die christliche Ge­meinschaft einführen soll) so mußt du christlich sein. Ich will dich aber nicht mit dem Worte quälen, der Geist macht lebendig, und so sage mir denn auf deine Weise, was ist ein Christ?"

Ein Christ ist, wer an Christum glaubt. Das heißt an Christum als an den ein­geborenen Sohn Gottes, der uns durch einen schuldlosen Tod aus unserer Schuld erlöset hat. Und darum heißt er der Er­löser. Und wer an den Erlöser und seinen Erlösertod glaubt, der kommt in den Himmel, und wer nicht an ihn glaubt, der kommt in die Hölle."

Der Alte lächelte bei dem Schlußworte dieses Bekenntnisses und sagte:Brav! Und ich will den wilden Schößling au deinem jungen Glaubensbaume nicht weg­schneiden. Aber muß es denn eine Hölle geben? Meinst du, Hilde?"

Ja, Herr Pastor."

Und warum?"

Weil es gut und böse giebt, und schwarz und weiß, und Tag und Nacht."

Und von wem hast du das?"

Von Melcher Harms."

Ah, von dem!" antwortete der Alte. Ja, der thut es nicht anders. Und wir wollen es dabei lassen, wenigstens heute noch. Sind wir erst älter, so findet sich's, und wir reden noch darüber... Und für heute nur noch das: Martin soll den Glauben sprechen und du sollst ihn nicht sprechen. Aber ich denke, du hast ihn, hast ihn in deinem kleinen Herzen, und ich wollt', es hätt' ihn Jeder so."

Und er streichelte sie liebevoll, als er so sprach, und setzte mit ernster Betonung hinzu:Du hast die zehn Gebote, Hilde. Die halte. Denn die haben Alles: den ewigen Gott und den Feiertag und du sollst Vater und Mutter ehren, und haben das Gesetz, das uns hält und ohne das