314 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
der Natur sei; daß ein gleicher Drang die Spinne zur Bereitung ihres Netzes und die Menschen zum Bau der Häuser führt, und daß der nämliche Bildungstrieb dem Bären den Pelz und uns einen Mantel umhängt?" Börne meinte also: überall entweder starre Nothwendigkeit und Zufall oder aber überall Freiheit und Gott!
Die Menschen aber verstehen das nicht. In allen ihren Urtheilen und in allen Handlungen, in ihren Anklagen und in ihren Entschuldigungen vermischen sie Schicksal und Freiheit, Natur und Gott, wie es ihnen gerade Paßt, schmeichelt. Wenn Börne dies gewahrte, dann fiel ihm ein Liedlein ein, das irgend eine Klapperoper in sein Gedächtniß abgesetzt hatte. Er sagt (Ges. Sehr. II, 213): „Wenn ich sehe der Menschen ruchloses Treiben und will ihnen nicht fluchen, ihr tolles Beginnen und möchte sie nicht gewaltsam bändigen, ihren Weisheitsdünkel und ihr lächerliches Machtgepränge und will ihrer nicht spotten; will ich die Menschen tadeln, ohne ihnen wehe zu thun, sie lieben, ohne ihnen zu schmeicheln, sie kennen und nicht an Gott verzweifeln; bedarf ich eines freimachenden Wortes, das klagt und tröstet, schmerzt und heilt, mißbilligt und versöhnt zugleich — dann rufe ich laut oder leise: O närrische Leute, o komische Welt!"
Man würde den Sinn, den dieses Wort in Börne's Munde hatte, völlig verkennen, wenn man meinte, damit werde den Menschen Narrheit vorgeworfen, und als fühlte sich Börne in seiner Weisheit erhaben über sie alle. Börne schließt sich vielmehr mit ein und spricht damit vorzugsweise zu sich selbst: ich Thor, der ich in meiner Ungeduld allen kranken Völkern helfen, der ich mich vor den Wagen der Geschichte spannen möchte, um ihn fortzubewegen; besteht denn nicht eine Alles beherrschende Nothwendigkeit? lebt denn nicht ein Alles leitender Gott? Wenn die Hoffnung des Propheten in ihm verzweifelte, dann erwachte in ihm die Gottergebenheit Hiob's.
Man hat mir gesagt, Börne habe nur noch eine kleine Gemeinde. Das glaube ich und das wundert mich nicht. Hatte er denn jemals mehr als eine kleine Gemeinde? Wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten; d. h. objectiv durch das, was er geleistet und was in die Substanz des Nationalgeistes eingegangen, hat er zum Besten aller nachfolgenden Geschlechter gelebt, ohne daß sie von ihm wissen und ohne ihm zu danken; mit Bewußtsein aber wird derjenige, der nur den Besten seiner Zeit genügt hat, auch in den Folgezeiten immer nur für die Besten leben.