Boycscn: Literarisches Lebei
öffentliche Meinung durchaus jene Gesetzesübertreter, während die Zollbeamten als Feinde des Gemeinwohls angesehen und mit Mißtrauen und Verachtung behandelt werden. Kaum ein Jahr vergeht, ohne daß einer und der andere jener Braven ermordet würde, weil er den „Noonsdiner^ pflichtmäßig das Hand' werk gelegt und sie der Gerechtigkeit überliefert hat. Es kommen sogar Fälle vor, wie der von Miß Woolson behandelte, wo Personen aus hochrespectablen Familien mit dem Gesindel gemeinschaftliche Sache machten, und dann hatten die unglücklichen Beamten einen doppelt schweren Stand. Denn Einer vom blauen Blut hat immer Freunde hinter sich, die durch Dick und Dünn gehen, ihn vor den Folgen seiner Uebelthaten zu beschützen; und der Eifer hat keine Grenzen, wenn es ein so großes und ruhmvolles Recht wie „Noon- slliillnZ" zu vertheidigen gilt.
In „IkoäinÄN u>6 Uospsr" verweilt Miß Woolson mehr bei den pathetischen Phasen des Krieges und den Erfahrungen, die demselben nothwendig folgten. Rodman ist ein einarmiger nordländischer Soldat, welcher als Hüter eines Begräbnißplatzes, wo vierhundertundzweiunddreißig seiner früheren Waffengefährten ruhen, nach dem Süden geschickt wurde. Aus einer gelegentlichen Streiferei durch die Umgegend stößt er auf einen früheren Soldaten der Conföderation, der aus Mangel und Vernachlässigung langsam dahinstirbt. Ohne feine Parteiansichten zu fragen, aus reiner Menschenliebe, nimmt er den alten Feind in seine eigene Hütte und Pflegt ihn dort mit rührender Sorgfalt bis zu seinem Ende. Das ist ja nun an und für sich keine glänzende Erfindung, aber das Interesse der Geschichte ruht auch nicht da, sondern in der Schärfe, mit der die kleinsten Einzelheiten beobachtet sind, in dem würdevollen Stil und der gesunden, unsentimentalen Philosophie, welche die Erzählung durchdringt. So sehen wir z. B. in dieser Skizze und in einigen anderen, daß, wenn auch die Männer, welche die Schlachten auf den entgegengesetzten Seiten schlugen, willens waren, sich über dem blutigen Abgrund die Hände zu reichen und sich gegenseitig Wohlthaten zu erweisen, doch die für fanftherzig und verzeihungswillig gehaltenen Frauen ganz anders
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darüber dachten. Sie hüteten sorgsam die glimmende Asche, aus Furcht, daß des Hasses Feuer verlöschen möchte, und ertrugen eher jedes Leid und jede Entbehrung, als daß sie sich mit den 'Jankees aussöhnten und so das Andenken der thenren Todten verriethen, welche „für die verlorene Sache" ihr Leben gelassen hatten. Wie verblendet sie sich dabei erwiesen und wie schlecht die Sache auch war, für welche ihre Helden in den Tod gingen — man kann einer so tiefgewur- zelten Liebe und Treue die Bewunderung nicht versagen; und so sympathisirt denn Miß Woolson, eine so unentwegt feste Nordländerin sie ist, mit dieser stolzen und hochgemuthen Hartnäckigkeit in Hunger und Kummer. Nordländische Frauen, die während des Krieges nicht um einen Deut weniger opferfreudig waren und ebenfalls Gatten, Brüder und Söhne verloren, finden es natürlich leichter zu vergeben, weil die Sache, für welche ihre Lieben fochten, siegreich blieb und der Tod derselben ein nothwendiges Opfer zur Erreichung des großen Zweckes war. Aber ein nutzloses Opfer! ein Heldentod für nichts und wieder nichts! — der läßt die Wunde im Herzen der Zurückgebliebenen nicht vernarben, der vergiftet den Haß.
Und, ganz abgesehen davon: es existirt zwischen den Frauen des Südens und denen des Nordens eine Verschiedenheit der seelischen Beanlagung, welche auch bereits vor dem Kriege deutlich zu Tage trat. Das sanfte, wollüstige Klima, die chevaleresken Traditionen, die eigenthüm- liehe Institution der Sclaverei — das Alles sind Momente, welche uns die charakteristischen Eigenthümlichkeiten südländischer Frauen erklären helfen. So war bei ihnen stets die Neigung zu hochtrabender Rede, eine gewisse Vorliebe für heroische „Posen" bemerkbar — Züge, welche dem nordländischen Wesen völlig fremd sind. Dergleichen Attitüden sind gewiß Sache des Temperaments und beeinträchtigen die Ehrlichkeit der Gefühle in keiner Weise. Lange vor dem Kriege nannten sich junge südländische Mädchen, die hierher nach New-Jork in die Pensionen geschickt waren, emphatisch „Töchter Carolina's" oder „Töchter von Virginia", während es nie einem nord-