Heft 
(1881) 297
Seite
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Boycscn: Literarisches Lebei

öffentliche Meinung durchaus jene Ge­setzesübertreter, während die Zollbeamten als Feinde des Gemeinwohls angesehen und mit Mißtrauen und Verachtung be­handelt werden. Kaum ein Jahr vergeht, ohne daß einer und der andere jener Braven ermordet würde, weil er den Noonsdiner^ pflichtmäßig das Hand' werk gelegt und sie der Gerechtigkeit über­liefert hat. Es kommen sogar Fälle vor, wie der von Miß Woolson behandelte, wo Personen aus hochrespectablen Fami­lien mit dem Gesindel gemeinschaftliche Sache machten, und dann hatten die un­glücklichen Beamten einen doppelt schweren Stand. Denn Einer vom blauen Blut hat immer Freunde hinter sich, die durch Dick und Dünn gehen, ihn vor den Folgen seiner Uebelthaten zu beschützen; und der Eifer hat keine Grenzen, wenn es ein so großes und ruhmvolles Recht wieNoon- slliillnZ" zu vertheidigen gilt.

InIkoäinÄN u>6 Uospsr" verweilt Miß Woolson mehr bei den pathetischen Phasen des Krieges und den Erfahrungen, die demselben nothwendig folgten. Rodman ist ein einarmiger nordländischer Soldat, welcher als Hüter eines Begräbnißplatzes, wo vierhundertundzweiunddreißig seiner früheren Waffengefährten ruhen, nach dem Süden geschickt wurde. Aus einer ge­legentlichen Streiferei durch die Umgegend stößt er auf einen früheren Soldaten der Conföderation, der aus Mangel und Ver­nachlässigung langsam dahinstirbt. Ohne feine Parteiansichten zu fragen, aus reiner Menschenliebe, nimmt er den alten Feind in seine eigene Hütte und Pflegt ihn dort mit rührender Sorgfalt bis zu seinem Ende. Das ist ja nun an und für sich keine glänzende Erfindung, aber das Inter­esse der Geschichte ruht auch nicht da, son­dern in der Schärfe, mit der die klein­sten Einzelheiten beobachtet sind, in dem würdevollen Stil und der gesunden, un­sentimentalen Philosophie, welche die Er­zählung durchdringt. So sehen wir z. B. in dieser Skizze und in einigen anderen, daß, wenn auch die Männer, welche die Schlachten auf den entgegengesetzten Seiten schlugen, willens waren, sich über dem blu­tigen Abgrund die Hände zu reichen und sich gegenseitig Wohlthaten zu erweisen, doch die für fanftherzig und verzeihungs­willig gehaltenen Frauen ganz anders

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darüber dachten. Sie hüteten sorgsam die glimmende Asche, aus Furcht, daß des Hasses Feuer verlöschen möchte, und er­trugen eher jedes Leid und jede Entbeh­rung, als daß sie sich mit den 'Jankees aussöhnten und so das Andenken der thenren Todten verriethen, welchefür die verlorene Sache" ihr Leben gelassen hatten. Wie verblendet sie sich dabei er­wiesen und wie schlecht die Sache auch war, für welche ihre Helden in den Tod gingen man kann einer so tiefgewur- zelten Liebe und Treue die Bewunderung nicht versagen; und so sympathisirt denn Miß Woolson, eine so unentwegt feste Nordländerin sie ist, mit dieser stolzen und hochgemuthen Hartnäckigkeit in Hunger und Kummer. Nordländische Frauen, die während des Krieges nicht um einen Deut weniger opferfreudig waren und ebenfalls Gatten, Brüder und Söhne verloren, finden es natürlich leichter zu vergeben, weil die Sache, für welche ihre Lieben fochten, siegreich blieb und der Tod der­selben ein nothwendiges Opfer zur Er­reichung des großen Zweckes war. Aber ein nutzloses Opfer! ein Heldentod für nichts und wieder nichts! der läßt die Wunde im Herzen der Zurückgeblie­benen nicht vernarben, der vergiftet den Haß.

Und, ganz abgesehen davon: es existirt zwischen den Frauen des Südens und denen des Nordens eine Verschiedenheit der seelischen Beanlagung, welche auch bereits vor dem Kriege deutlich zu Tage trat. Das sanfte, wollüstige Klima, die chevaleresken Traditionen, die eigenthüm- liehe Institution der Sclaverei das Alles sind Momente, welche uns die charakteristischen Eigenthümlichkeiten süd­ländischer Frauen erklären helfen. So war bei ihnen stets die Neigung zu hoch­trabender Rede, eine gewisse Vorliebe für heroischePosen" bemerkbar Züge, welche dem nordländischen Wesen völlig fremd sind. Dergleichen Attitüden sind gewiß Sache des Temperaments und beeinträchtigen die Ehrlichkeit der Ge­fühle in keiner Weise. Lange vor dem Kriege nannten sich junge südländische Mädchen, die hierher nach New-Jork in die Pensionen geschickt waren, emphatisch Töchter Carolina's" oderTöchter von Virginia", während es nie einem nord-