Heft 
(1881) 297
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Illustrirtc Deutsche Monatshefte.

ländischen Mädchen einfiel, sichTochter von New-Jork" oderTochter von Connecticut" zu tituliren. Sie würden sich äußerst lächerlich vorgekommen sein, hätten sie in so pomphaften Phrasen schwelgen wollen, während sie doch ihre südländischen Schwestern, die es durften, ohne lächerlich zu erscheinen, in aller Stille beneideten. Freilich muß matt be­wundernd anerkennen, daß dieseTöchter Carolina's", als die Stunde der Prüfung an sie herantrat, das stolze Wort ganz und voll einlösten.

Noch eine der Erzählungen der Miß Woolson und als Erzählung vielleicht die beste mag den Stoff zu einigen weiteren Bemerkungen über die südlän­dische Gesellschaft bieten. InMiß Elisabetha" herrscht ein wunderlicher, alt­modischer Duft, wie der von den getrock­neten Rosenblättern, welche meine Groß­mutter in dem Besuchszimmer auf den Ofen zu streuen Pflegte, oder von dem Lavendel, den sie in die Falten ihres besten Seidenkleides streute, bevor sie es in die alte Commode mit den Messing­griffen legte. Miß Elisabetha ist der vortreffliche und in den lebendigsten Far­ben gemalte Typ jener fadenscheinigen südländischen Noblesse, die sich in ihren abgetragenen Prunk von vor hundert Jahren hüllt und die asfectirtguten" Sitten von ehemals und die uralten er­erbten Küchenrecepte mit gewissenhafter Treue bewahrt. Zu den antiqnirten Manieren und Küchenzetteln der guten Dame stimmen völlig ihre tremulirende Sangesweise und das Repertoire ihrer Lieder. Letztere singt sie ihrem jungen Neffen Doro vor, den sie erzogen hat. Natürlich langweilt sich der junge Mensch, schlägt trotz der Mustererziehung bei der ersten Gelegenheit über die Stränge und fällt in die Netze einer Opernsängerin, deren Coiffüre ihn entzückt und deren Gesangsmanier im echtesten Geschmack des zweiten Kaiserreichs" ihm viel amüsan­ter däucht als die der alten Tante. Freilich die Ballade vonder Dame stolz", dieweint und weint und immer weint, bis mit dem Liebsten sie vereint" (welcher Liebste in der Schlacht gefallen ist), gehört zu einer Gattung, die längst ans unseren nordischen Salons verschwun­den ist mitsammt dem obligaten Harfen­

geklimper. Aber im Süden gab es bis vor Kurzem weit vom Wege abgelegene stille Winkel, wohin der dröhnende Schritt unseres Jahrhunderts nur wie das Mur­ren eines weitentfernten Donners schallte; wo man Wagner, Chopin und Schubert nicht kannte und stolz war, sie nicht zu kennen; wo man den alten englischen Classikern (in dauerhaften Ledereinbänden) jenen Classikern, die ja auch für jede anständige nordländische Bibliothek obli­gatorisch sind, die der Nordländer aber leider selten oder niemals öffnet eine rührende Treue bewahrte; wo Männer bei den derben Scherzen von Fielding und Smollet sich die Seiten hielten und Damen, welche von Bret Harte und Mark Twain nie eine Silbe gelesen und von Dorothea's Schicksalen in Elliot'sMiddle- march" ungerührt geblieben sein würden, über die von Richardson's Clarissa Harlow in Thränen zerflossen. Nun ist ja diese ablehnende Haltung gegen die Literatur des Nordens znm Theil gewiß eine Folge der Seltenheit der Eisenbahnen und der Armuth der Leute, die positiv das Geld nicht haben, um sich Bücher zu kaufen, und so gezwungenerweise hinter dem Jahrhundert Zurückbleiben; aber den größeren Theil der Schuld trägt doch die bewußte Opposition gegen Alles, was aus dem Norden kommt oder im Norden protegirt und geliebt wird. Und nicht bloß der Norden ist verfehmt: das ganze Jahrhundert ist's. Kann denn Gutes von einem Jahrhundert kommen, das im Großen und Ganzen den Siegen des Nordens zujubelte und die Abschaf­fung der Sclaverei als eine Ruhmesthat feierte!

Ein zweites Moment war für die Ge­schicke des Südens immer von hervor­ragendem Einfluß: seine intellectuelle Ge­folgschaft Europa's. Wie die Creolen, die von lateinischer Abstammung sind, sich ihrer provinziellen Haltung gegen Frank­reich und Spanien berühmen, so zeigen die virginischen Familien, die ihren Stammbaum von englischen Tories ab­leiten, für England eine sympathetische- Bewunderung, welche mit republikanischer Ueberzeugung und Gesinnung schwer ver­einbar ist. Und in Wahrheit ist der Süden nur dem Namen nach republika­nisch; man kann von ihm nicht erwarten,