Heft 
(1881) 298
Seite
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474 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

Figur (Uffizien in Florenz) malen ließ. Der Begriff von Anständigkeit und Sitte hatte eben damals andere Grenzen als heutzutage. Wenn damals in der vor­nehmsten Gesellschaft, welcher Damen bei­wohnten, Boccaccios Decameron, ja noch freiere Sonette ohne Aergerniß vorge­tragen werden durften, so fanden schöne Damen in der Verewigung ihrer ent­hüllten Reize durch den Künstler nur eine Huldigung, die ihrer Schönheit dar­gebracht wird. Uebrigens ist hervorzu­heben, daß sich Tizian bei solchen keines­wegs unverfänglichen Aufgaben stets als Meister erwies, der jede Spur gemeiner Sinnlichkeit umgeht und nur auf die ideale Schönheit der Erscheinung Nach­druck legt. Noch bei Canova spielt sich etwas Aehnliches ab; ihm ward die Auf­gabe, die Fürstin Borghese als liegende Venus in Marmor zu meißeln (Palazzo Borghese in Rom). Als eine Hofdame der Fürstin ihr Bedenken äußerte, so hüllenlos vor dem Künstler zu erscheinen, wurde ihr die naive Antwort: Es wird ja eingeheizt werden!

Mit dieser kurzen Rundschau hinsicht­lich der italienischen Porträtkunst wolle sich der freundliche Leser begnügen. Wenn er dann auch, angeregt durch das Ge­sagte, sich weiter umsieht, allenfalls Werke von Giorgione (namentlich das Concert im Pal. Pitti), von Palma Vecchio (Violante im Belvedere), Aug. Carracci (Tizian's Porträt), G. Reni (Beatrice Cenci, Pal. Barberini in Rom) bis aus P. Battoni herab durchmustert, er wird überall unsere Notizen verwerthen können. Cristofano Allori, für die Mediceer sehr beschäftigt, steht ganz originell da. Um sich an seiner Geliebten Mazzafirra, die ihn arm machte, zu rächen, malt er sie und mit welchen feuersprühenden Farben als Judith und giebt dem abgeschlagenen Kopfe des Holofernes seine Züge (im Pal. Pitti). Da haben wir ein Porträtbild, eine biblische und auch sittenbildliche Darstel­lung vereint. Die Moral ergiebt sich von selbst.

An die italienischen Meister kann man füglich die spanischen anreihen, die zu Hause wie in Italien von den ersteren be­einflußt erscheinen. Neben Murillo und Ribera ist als Porträtmaler insbesondere Don Diego Velasquez hervorzuheben.

Er war am Hofe Philipp's IV. viel be­schäftigt, Goya hat viele dieser Bildnisse radirt, darunter auch die beiden Zwerge des Königs. Sein Hauptwerk ist das Por­trät des Papstes Jnnocenz X. im Palast Doria zu Rom. Wenn man vor diesem Bildnisse steht es ist in einem beson­deren Cabinet aufgestellt, so erstaunt man über die Macht der Kunst, die so viel Leben und Wahrheit der Zeichnung und Farbe geben kann. Man begreift dann die Möglichkeit, was uns als Anek­dote von diesem Porträt erzählt wird. Als es fertig im Zimmer des Papstes stand, trat ein Diener ein, kehrte aber sogleich um, da er das Bild für die Wirk­lichkeit nahm, und ermahnte die Leute im Vorzimmer zur Ruhe, da Seine Heiligkeit im Gemache sei. So athmen alle seine Werke Leben und Kraft, wie z. B. der prächtige Kops des Grafen Olivarez Guz- mau (s. Abbildung S. 469).

In derselben Zeit, da Italien seine größten Künstler sah, erhob sich auch in Deutschland die Kunst zu elastischer Höhe. Wenn wir das Bildniß ins Auge fassen, so finden wir, daß es, wie in Italien, aus den Porträtdarstellungen auf Grab­monumenten und Votivbildern hervorge­gangen ist. Zur eigentlichen Kunstblüthe gedieh es erst mit den großen Künstlern, die ihm ihr Genie zuwandten, wozu sie freilich durch die Zeitverhältnisse gedrängt wurden. Hier ist zuerst Albrecht Dürer zu nennen, der schon als Knabe in kind­licher Pietät seine Eltern, dann auch sich selbst abconterfeite. In seinen beiden Hauptwerken, dem Rosenkranzfest und dem Heller'schen Altarbilde (ersteres sehr beschädigt, letzteres zu Grunde gegangen), hat er sich ebenfalls verewigt und unter die Gruppen gleichsam als geistigen Zeugen des geschilderten Vorganges hingestellt. Wie er die Natur überhaupt gut ansah und fleißig studirte, so mußte das mensch­liche Antlitz in der Mannigfaltigkeit sei­nes Ausdrucks seine Aufmerksamkeit ins­besondere anziehew. In seinen Skizzen­büchern (jetzt freilich zerstreut) kommen viele Porträtstudien vor; so einfach und mit sparsamen Mitteln ausgeführt sie erscheinen, so lebensvoll ist jedesmal die Persönlichkeit des Dargestellten betont. Bei den gestochenen Bildnissen erschöpft er dagegen alle Mittel seiner Kunst und