Heft 
(1881) 299
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Der Herr Etatsrath.

Bon

Theodor Storni.

ir hatten über Personen nnd Zustande gesprochen, wie sie

zur Zeit meiner Jugend in

unserer Vaterstadt gewesen waren, und zuletzt auch einer eigenthümlichen und derzeit nicht eben in bester Weise viel besprochenen Persönlichkeit Erwähnung gethan.

Sie müssen die Bestie ja noch in

Person gekannt haben?" wandte sich ein

etwas derber junger Freund zu mir. Ich habe nur so von fern darüber reden hören."

Wenn Sie," erwiderte ich,mit diesem Worte den ,Herrn Etatsrath^ bezeichnen wollen, so habe ich ihn in gewisser Be­ziehung allerdings gekannt; ihn und auch die Seinen. Uebrigens gehörte er ohne Zweifel zu der Gattung Komo Zapwrm; denn er hatte unbewegliche Ohren und ging, wenn er nicht betrunken war, trotz seiner kurzen Beine aufrecht. Freilich soll

eine Nachtwächterfrau, da sie einst im Schummerabend ihm begegnete, mit Zeter­geschrei davongelanfen sein, weil sie ihn für einen Tanzbären hielt, den sie Tags vorher auf dem Jahrmärkte gesehen hatte. Und in der That, der dicke braunrothe Kopf mit dem kurz geschorenen Schwarz­haar, welcher unmittelbar ans dem flei­schigen Brustkasten herausgewachsen schien, mochte alten Frauen immerhin einen ge­rechten Schrecken einjagen.

Bei uns Jungen war die Wirkung freilich eine andere. Mir ist noch wohl erinnerlich, wie einst an einem Sonntag Vormittage ein armer Bube unter dem Versprechen eines Sechslings bei der etatsräthlichen Gartenplanke von uns angestellt wurde, um uns zu rufen, sobald der mächtige Herr den einzigen Ort betreten hätte, worin er derzeit außer seinem Hause in ganzer Person zu sehen war.

Und bald, auf einen vorsichtig er-

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Monatshefte, N. 289 . August 1881. Vierte Folge, Bd. Vl. 85 .