Der Herr Etatsrath.
Bon
Theodor Storni.
ir hatten über Personen nnd Zustande gesprochen, wie sie
zur Zeit meiner Jugend in
unserer Vaterstadt gewesen waren, und zuletzt auch einer eigenthümlichen und derzeit nicht eben in bester Weise viel besprochenen Persönlichkeit Erwähnung gethan.
„Sie müssen die Bestie ja noch in
Person gekannt haben?" wandte sich ein
etwas derber junger Freund zu mir. „Ich habe nur so von fern darüber reden hören."
„Wenn Sie," erwiderte ich, „mit diesem Worte den ,Herrn Etatsrath^ bezeichnen wollen, so habe ich ihn in gewisser Beziehung allerdings gekannt; ihn und auch die Seinen. Uebrigens gehörte er ohne Zweifel zu der Gattung Komo Zapwrm; denn er hatte unbewegliche Ohren und ging, wenn er nicht betrunken war, trotz seiner kurzen Beine aufrecht. Freilich soll
eine Nachtwächterfrau, da sie einst im Schummerabend ihm begegnete, mit Zetergeschrei davongelanfen sein, weil sie ihn für einen Tanzbären hielt, den sie Tags vorher auf dem Jahrmärkte gesehen hatte. Und in der That, der dicke braunrothe Kopf mit dem kurz geschorenen Schwarzhaar, welcher unmittelbar ans dem fleischigen Brustkasten herausgewachsen schien, mochte alten Frauen immerhin einen gerechten Schrecken einjagen.
Bei uns Jungen war die Wirkung freilich eine andere. Mir ist noch wohl erinnerlich, wie einst an einem Sonntag Vormittage ein armer Bube unter dem Versprechen eines Sechslings bei der etatsräthlichen Gartenplanke von uns angestellt wurde, um uns zu rufen, sobald der mächtige Herr den einzigen Ort betreten hätte, worin er derzeit außer seinem Hause in ganzer Person zu sehen war.
Und bald, auf einen vorsichtig er-
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Monatshefte, N. 289 . — August 1881. — Vierte Folge, Bd. Vl. 85 .